Aufklärungsministerium

Ein Heimatministerium. Das klingt entweder rückständig nach Traditionsmief, Oktoberfestbier und Folklore, also Kölnisch Wasser, oder es klingt nach Heimatschutz als Behörde, so wie es der „andere“ große Bruder uns vormacht. Nicht fortschrittlich jedenfalls und es klingt nach ziemlicher Konfusität in der Regierungsbildung. Es tut nie gut wenn man kopflos das Würfelspiel „Such dir mal ne Aufgabe“ spielt und einfach mal Ressorts festlegt ohne Plan und Struktur dahinter.

Aber: wäre ein Digitalministerium mehr Plan und mehr Struktur? Digitalisierung wird drastisch unsere Welt verändern! Wir müssen uns fit machen für die Digitalisierung! Digitalisierung, die große Herausforderung! Oooookkkkkkaaaaaaayyyyy … also überrollt uns die Digitalisierung wie eine Naturkatastrophe, wie Klimawandel oder Grippewelle oder wie Götter, die es zu beruhigen gilt? Manchmal, aber nur manchmal, verwechseln wir Strategie und Ziel. Mittel und Zweck. Bock und Gärtner. Digitalisierung passiert doch nur weil Menschen das wollen. Sie ist keine übernatürliche fremde Macht, die uns einfach so überkommt und der wir uns stellen müssen. Umgekehrt wäre der Schuh richtig angezogen. Zu fragen, wo brauchen wir Digitalisierung und wann und warum. Und wie wollen wir sie gestalten, wann wollen wir sie überhaupt. Unbequem. Aber in jedem Falle besser. Allerdings möglicherweise mit der Frage diverser anderer Entwicklungen verbunden. Und dann nähern wir uns nämlich langsam der Frage, ob wir mal eine neue Aufklärung bräuchten. Raus aus der Selbstsklaverei. Ob Globalisierung, Digitalisierung … es werden Entwicklungen so verkauft (!) als ob sie Naturgewalten wären, von uns nicht beherrschbar. Die Entmachtung des Menschen durch sich selbst. Cui bono. Und wenn man sich darüber im Klaren ist, wem nützt es, wem soll es nützen, dann ist man schon einen ganzen Schritt weiter.

Digitalisierung braucht kein eigenes Ministerium. Vielleicht brauchen wir vielmehr mal ein Menschenministerium. Welches sich der Frage widmet, Wozu das alles? Ein Ministerium für Aufklärung.

Frieden

Manchmal wird man gezwungen, die Dinge mit ein wenig Abstand zu betrachten. Und so sehe ich den 13.2. etwas unverhofft als Zuschauer. Wie oft lese ich „Frieden“. „Gedenken“. „Nie wieder Krieg“. Und frage mich, wie oft spielt der Gedanke an Frieden, der Wunsch nach Frieden an den restlichen Tagen des Jahres eine Rolle und wie ernst ist es uns damit?

 

Einstens

wird man über die alten Zeiten reden. Über die wunderlichen Menschen. Menschen, die glaubten, sich gegen alle Risiken versichern und alles regeln zu können. Und gleichzeitig meinten, manchmal, als in ganz besonderen Fällen, und also und überhaut, diese Regeln außer Kraft zu setzen. Ihre Regeln aber sagten, dass jemand, der dies dann tut, auch die Verantwortung übernehmen muss. Nun ahnten die Menschen, denn so dumm waren sie nicht, dass man sich nicht gegen alle Risiken versichern kann und dass es, so ahnten sie auch, immer den Fall geben kann, dass doch etwas passiert. Und sie wussten, dass es gar viele dieser Ausnahmen gab. Irgendwie wollte ja jeder eine Ausnahme sein, das eigene Anliegen so wichtig, dass man dafür sich über Regeln hinwegsetzen sollte. Es waren komische alte Zeiten. So komisch, dass sich die Menschen nicht nur teeren und federn wollten, wenn sie Regeln übertraten. Nein, sie stellten auch einen Pranger auf für die, die die Regeln hielten.

Es waren komische Zeiten, damals.

Paradedox

  • Entscheide dich selbst! (Aber: Nur so, wie wir es dir erlauben
    und wir es für richtig halten.)
  • Sei proaktiv! (Aber: Nur soweit, bis wir dir contra geben.)
  • Handle unternehmerisch ! (Aber: Bitte doch nicht so …)
  • Optimiere deine Prozesse! (Aber: Bitte nicht soweit,
    dass es andere in ihren Prozessen berührt.)
  • Schneide alte Zöpfe ab! (Aber: Störe ja nicht die Unternehmenskultur.)
  • Trete mutig gegen alte Denkgewohnheiten an! (Aber:
    Bitte nicht gegenüber dem Finanzdirektor.)

Was Stefan Kühl hier https://pub.uni-bielefeld.de/download/2916610/2 in seinem Text „Jeder ein Unternehmer“ beschreibt, gilt nicht nur für Unternehmen, sondern auch – oder gerade – für andere Organisationen. Zum Beispiel Verwaltungen. Sie stehen möglicherweise noch mehr als Unternehmen vor diesem Paradox etwas sein zu sollen, was sie nicht sein sollen.  Kreativität versus geordnete Prozesse. Pragmatismus versus Gleichbehandlung, Rechtssicherheit, Überprüfbarkeit. Tempo versus bestmöglichste Abwägung. Demokratie versus Durchstellen. Anregung zum Nachdenken.

Phantasialand?

Eine Leseempfehlung, vor allem all denen wärmstens ans Herz gelegt, die meinen, Digitalisierung sei ein Allheilmittel, das Ziel, der Sinn.

„Schwerlich werden Organisationen der Versuchung widerstehen können, die Potenziale der Digitalisierung zu nutzen und die Automatisierung voranzutreiben. Aber jede Transformation, erst recht die digitale, braucht das Wissen um die nicht intendierten Folgen des Organisierens.
Steuerungsphantasien durch digitale Prozesse sind fehl am Platze. Die Digitale Transformation braucht organisationskluges Entscheiden. Und die Erkenntnis, dass Technik es nicht richten wird.“
http://www.uni-bielefeld.de/soz/personen/kuehl/pdf/Working-Paper-13_2017-Buechner-Muster-Kuehl-2017-Ironie-der-Digitalisierung-mit-Literatur-03.07.17.pdf

Das Ding mit dem Zu-Ende-Denken

„Schichtspezifische oder ethnische Wohnsegregation führt dann nämlich dazu, dass Kinder, die einer bestimmten Schicht oder Ethnie angehören, unterschiedlich gute Bedingungen vorfinden, diejenigen Erfahrungen zu machen, diejenigen Motivationen und Dispositionen auszubilden, das Wissen und die Kompetenzen zu erwerben und diejenigen sozialen Kontakte zu knüpfen, die für das erfolgreiche Durchlaufen der Schulkarriere oder – konkreter – das Erreichen eines weiterführenden Bildungsabschlusses förderlich sind.“ (Alcay, K.:  Habitustransformation durch Bildung, Springer 2017)
Nun also: Ganz kurz: Segregation (oder auch neudeutsch Ghettoisierung) führt zu einer Kumulation von Benachteiligung, da kann die Schule kämpfen wie sie will . Denn: Bildungseinrichtungen wie Schulen und Kindertagesstätten sind ebenso betroffen sind von Segregation, das ist die logische Konsequenz der freien Wahl der Einrichtung. So oder so. Und damit tragen Schulen ebenso zur Habitustransformation bei. Auch so oder so.
These deshalb: Es wäre also konsequent, der Segregation entgegenzuwirken. An der Schule. In der Kita.  Insoweit dass man in den Bildungseinrichtungen für eine Struktur der zu betreuenden Kinder sorgt, die eben NICHT segregiert ist. Ob das aber jeder Bildungspolitiker gewillt ist, durchzusetzen, wage ich zu bezweifeln.

Theorie und Praxis. Denksport.

Manchmal ist so ein Studium schon ein bisschen demotivierend. Man schreibt eine Hausarbeit nach der anderen um nachzuweisen, zu wissenschaftlicher Arbeit in der Lage zu sein, richtig zitieren, Schriftgrößen und Randbreiten einhalten zu können. (Dies ist eine keinesfalls sachliche Verzerrverkürzung selbstverständlich). Aber so eine Arbeit bekommt eine Note und dann geht sie in die Hausarbeitenewigkeit ein.

Manchmal aber bietet sich die Gelegenheit, Theorie und Praxis zu verbinden. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen von Bildung. Ich glaube, ich habe ein sehr schönes Thema gefunden.  Diversity- und kommunales Bildungsmanagement: Schulen in Brennpunktstadtteilen – Strategien zur Bewältigung von sozialer Benachteiligung am Beispiel der Landeshauptstadt Dresden.  Eine soziologisch-bildungstheoretische Betrachtung. Das wird es wohl werden.

Kommonstrieren oder Demmunizieren.

Stellen Sie sich eine Dame mittleren Alters auf dem Altmarkt vor, die da ruft: „Ich hoffe, dass mein Mann das Paket von der Post holt, welches DHL nicht beim Nachbarn abgegeben hat.“

Stellen Sie sich vor, sie stehen morgens an der Haltestelle und an einer der noch verbliebenen Litfassäulen klebt ein Plakat, auf dem handschriftlich steht: Bitte aus dem Aldi mitbringen: Milch, Butter, Öl, Joghurt (fettarm) und eine Packung Dominosteine und die Gummistiefel aus der Werbung.

Stellen Sie sich vor, Sie haben einen guten Bekannten und sehen, wie er,  sagen wir mal auf der Prager Straße stehend, sich über sie beschwert. Bei allen, die ihm zuhören wollen – und auch bei denen, die nicht zuhören wollen.

Klingt das alles absurd? Gelebte Praxis demonstrativer Kommunikation zum Zwecke der Generierung von Aufmerksamkeits- und Zustimmungswerten im politischen Raum.

Beispiele?

  • Pressemitteilung: Fraktionschef XY fordert den Oberbürgermeister auf ..
  • Pressemitteilung: XY erwartet von ZV dass künftig …
  • Facebook

Irgendwann mal lasse ich mir dafür eine schön wissenschaftlich klingende Definition einfallen.

Blödes Facebook

Ich musste heute morgen ein wenig schmunzeln. Die Abwesenheit innerparteilicher Demokratie wird beklagt. Da beschwert sich die Sachsen-CDU über die Bundes-CDU. Parteitag zur Wahlauswertung abgesagt. Verschoben. Das ist schon fast Realsatire. Am Tag des Erscheinens des Sachsen-Monitor

Nicht dass die Kritik nicht verständlich wäre. Allerdings – öffentlich geäußerte Kritik ohne direkten Ansprechpartner hat einen anderen Zweck. Da geht’s um Zuspruch und Zustimmung.  Man könnte es auch für ein strategisch kluges Ablenkungsmanöver halten, der Aufbau eines gemeinsamen Feindbildes und die Stilisierung einer Opferrolle bringt schon mal Zustimmung und Solidarität. Und lenkt so schön ab. Wie wäre es aber damit, mal vor der eigenen Haustüre zu kehren? Was ist mit der politischen Stimmungslage in Sachsen? Was ist mit der Stimmungslage der Bevölkerung, den Fragen, die in Sachsen nicht geklärt sind? Lehrermangel. Ausbluten der Region. Zukunftsängste. Das Ergebnis der Bundestagswahl hat auch etwas mit der sächsischen CDU zu tun. Der vorwurfsvolle Blick nach Berlin hilft da nicht.

Stellen wir uns mal vor, ein Mitglied einer nicht kleinen Dresdner Stadtratsfraktion würde sich auf den Altmarkt stellen und lauthals beklagen, dass der Finanzminister den vom Ministerpräsidenten extra zum Zwecke der Behebung ursächlich auch in der Finanzierung bedingten Probleme des sächsischen Bildungssystems ernannten Kultusminister nicht unterstützt. Sowas ähnliches hat es mal gegeben. Kam damals nicht gut an. Wäre aber wenigstens inhaltlich begründet und konkret.

The Others

Nein, nicht der Film mit Nicole Kidman – obwohl er schon etwas mit dem Thema zu tun hat. Geht es doch um eine Mutter mit ihren beiden Kindern, die, in einer Villa irgendwo im englischen Nichts wohnend – sich auf einmal von bösen Geistern umgeben sieht. Nichts davon ahnend, dass sie selbst einer ist. Ein Geist.

Die Anderen und ich.  Ich bin ich und nicht die Anderen. Das lernt ein Kind sehr früh und das ist auch etwas völlig normales und lebensnotwendiges. Selbs-Bewusstsein hat etwas damit zu tun, sich selbst als etwas und jemanden in der Unterscheidung von der Umwelt und von eben „den anderen“ zu erkennen. ABER: noch bevor sich ein Kind sich selbst bewusst wird, ist es schon jemand. Merkmale machen uns für „die Anderen“ auch zu „Jemandem“.  Blaues Bändchen, rotes Bändchen. Hautfarbe. Aussehen. Eltern.  Fanschal. Herkunft. Religion. Politische Überzeugung.

Othering – die anderen sind nicht wie wir – und deshalb machen oder denken sie falsch, sind weniger wert, blöd, müssen bekämpft werden. Der Begriff steht im engen Zusammenhang mit Forschung zu Rassismus und Gruppenbezogener Fremdenfeindlichkeit. Und ich frage mich manchmal, ob wir nicht viel weiter „unten“ anfangen sollten wenn wir über gesellschaftlichen  Zusammenhalt reden.  Und dabei auch einmal das eine oder andere Tabu brechen. Neuordnung bringt immer erst einmal Unordnung mit sich. Auch im Denken, aber ich glaube, das ist notwendig,. Schauen wir mal nach Dresden: Wenn die einen Dresdner über die anderen Dresdner reden. Es gibt viele Linien in dieser Stadt die als Cathegory of Othering dienen können. Brücke. Fußball. Bienen. Architektur. Die Höhe des Wohnortes über dem Meeresspiegel (innerstädtisch liegen Welten dazwischen). Oder auch Bildungsgrad. Auch Eliten sind nicht frei von diesen Dingen. Othering ist kein Privileg einer imaginären Unterschicht, nicht das Merkmal der ungebildeten, im Gegenteil. Das Herabblicken auf Andere grundsätzlich. Sich für Besser halten weil … Das ist Othering. Leider ist dass dem Menschen so verinnerlicht, dass er sich gar nicht bewusst ist, auf andere herabzublicken (oder andere gar nicht erst wahrzunehmen.) Ich habe meine Zweifel dass es jemals gelingt, daran etwas grundlegend zu ändern. Denn schon in der Überzeugung, etwas richtig zu machen liegt die Gefahr – denn „die Anderen“ – die machen ja was falsch.