Aufräumen

kurz vorm Urlaub. Kopf und Schreibtisch. Den Entwurf für das Expose der Masterarbeit einreichen. Herkunftsbedingte Ungleichheit. Was genau macht diese Nachteile aus, die, so der Nationale Bildungsbericht, eben noch nicht kompensiert werden konnten. Trotz aller Bemühungen. Der Abstand zu den Abgehängten wird sogar noch größer.

Denken an die Feierliche Zeugnisausgabe eines Dresdner BSZ mit einer denkwürdigen Rede des Bildungsbürgermeisters. Tränen in den Augen der Lehrer. Vor Freude hibbelige junge Erwachsene, denen die Welt offenzustehen scheint. Von drei Klassen des Berufsvorbereitenden Jahres haben es die Hälfte der Schüler nicht geschafft. Sie sind chancenlos und ohne Abschluss. Auf dem Schreibtisch die Einladung für die Einweihung des Schulcampus Tolkewitz. Gymnasium. Replik der Diskussionsrunde zur Exzellenzuniversität. Daneben der zweite Bildungsbericht. Schreiben eines Bürgers. Beschwerde über die Vorzimmerpflanzen. Gemeint sind Sachbearbeiterinnen. Lustig ist das nicht mehr.

Der Innenminister führt sich auf wie ein Rumpelstilzchen. Und man lässt ihn. Das Berliner Theater wird immer absurder. Noch absurder aber ist die Verwunderung darüber. Ein Politikprofessor rät einer regierenden Partei die Kooperation mit der AFD. Die AFD, die die ideologische Säuberung der Schulen will. Der Lehrer. Universitäten bilden Lehrer aus. Sollen die Unis auch gereinigt werden?

Kürzlich las ich, das Geld für die Kulturförderung in meiner Stadt fehlt. Kulturschaffende teilweise in prekären Verhältnissen leben. Lese in der Zeitung, 1,7 Millionen für 5 Jahre. Gehalt für einen Menschen. In einem Kulturstaatsbetrieb. Warum ist das eigentlich selbstverständlich?

Die Welt ist irre.

Urlaub. Endlich.

Der Markt wirds schon regeln

Fachkräftemangel. Wovon reden wir beim Fachkräftemangel denn eigentlich. Geht es da um die gut dotierten, die attraktiven Jobs, geht es da um Führungspositionen oder um Jobs mit viel Entfaltungs- und Kreativitätspotential und Entwicklungsmöglichkeiten? Oder geht es da um Jobs, die gesellschaftlich nicht anerkannt, schlecht bezahlt sind, die belasten, psychisch und/oder physisch und für die sich keine Menschen mehr finden weil die demografische Entwicklung die Marktverhältnisse augenscheinlich zugunsten der Arbeitnehmer (die gefragt sind) entwickelt hat?

Es fehlen in der Zukunft Mitarbeiter in Verwaltungen, in sozialen und Pflegeberufen, Lehrer, in der Gastronomie, Gebäudereiniger werden auch seltener. Dem Mittelstand und dem Handwerk fehlt der Nachwuchs.

Demgegenüber steht Bildungsexpansion, Meritokratie und Individualisierung. Das Bildungssystem irgendwie seiner Allokationsfunktion nicht mehr so richtig nachzukommen. Heißt nichts anderes, das Bildungssystem hat einen anderen Output als das Wirtschaftssystem gerne hätte. In Kombination mit der demografischen Entwicklung führt dazu, dass überall von Fachkräftemangel geredet wird und man anfängt, über Strategien zur Behebung nachdenkt.

Aber – was soll eine Fachkräftestrategie leisten? Soll der Fachkräftestratege zu den Eltern gehen und sie bitten, lasset Eure Kinder bitte um Himmelswillen nicht alle Abi machen? Soll Berufsorientierung sich am Arbeitsmarkt orientieren? Was ist dann aber mit der vielbeschworenen Selbstverwirklichung und individuellen Entwicklung – die Leitbilder der modernen Gesellschaft, die lebenslanges Lernen dadurch quittiert, dass eine zu gute Bildung ein ernst zu nehmendes Bewerbungshindernis ist.

Ich las auf Facebook den Status „besorgt“ bei einem Landtagsvgeordneten. Weil die Wirtschaft nicht mehr auf ausreichende Humanressourcen zugreifen kann. Besteht dieselbe Besorgnis eigentlich auch in Bezug auf die Menschen?

Karte der Widersprüche

Ich las einen Artikel in der Sächsischen Zeitung, in der eine doppelte Geschäftseröffnung am Schillerplatz bejubelt wurde. Damenmode und nochmal Damenmode (irgendwas mit Düften, Taschen, Strümpfen). Und dann wurde vermeldet, dass eine Filiale des allseits beliebten Staubfängerhändlers Depot ebenfalls eröffnet (ich zähle auch zum geneigten Kundenkreis) und dass DM bliebe und so weiter. Schön schön. Bejammert wurden allerdings die großen Herausforderungen, übersetzt mit: Die Menschen kaufen zu wenig ein. Und das brachte mich auf die Idee, etwas umzusetzen, was mir schon lange vorschwebt. Eine Karte der Widersprüche zu erstellen. Was meine ich damit? Konsum auf der einen Seite, Müll und das Beklagen zu wenig haltbarer (nachhaltiger, also qualitative hochwertiger) Waren. Damit ist NICHT die Theorie der Sollbruchstelle gemeint, die genau dann knackt, wenn die Garantie vorbei ist. Kaufen ist der Überlebenstropf des Handels und Konsum die Grundlage der Wirtschaft. Konsum ist aber gleichzeitig Ursache vieler Probleme, die wir mittlerweile beklagen, auch wenn wir nicht zur grasgrünen Szene zählen. Wenn ein Mensch sich verabschiedet von Schaumwaffeln und Fertigkuchen und Softdrinks und umsteigt auf Normalkost, dann geht irgendwo anders ein Arbeitsplatz drauf. Verkürzt ausedrückt. Verzichten Eltern auf selbstlaufende Püppis und dudelnde Bilderbücher und steigen um auf Vorlesen in Eigenleistung, geht irgendwo anders ein Arbeitsplatz drauf. Gewöhnten sich Raucher das Rauchen ab, für Dresden wäre das echt Mist. Oder das Ding mit der Mitbestimmung und schnellen und „richtigen“ Entscheidungen. Je mehr Menschen mitbestimmen, desto mehr Menschen wissen und sagen, was richtig ist. Das kann übereinstimmen, muss aber nicht. Oder das Ding mit den motivierten entscheidungsfreundlichen, ihre Entscheidungsspielräume ausnutzenden engagierten Mitarbeitern. Die machen dann nicht immer das, was die übergeordneten Stellen wollen. Oder sie machen eben immer genau das, was von ihnen erwartet wird. Das heißt, es muss aber auch gesagt werden.

Eine Karte der Widersprüche.  Einfach ist sie eben nicht, die Welt. Auch wenn man das gene hätte.

Wie oft habe ich gehört, Geisteswissenschaften sind eine brotlose Kunst. Die Universität, an der ich begann zu studieren, wollte diese am liebsten ganz abschaffen. Lästiges Anhängsel irgendwie. Bringt alles nichts.  Als Chorkind habe ich Musik schätzen gelernt. Und als Bildungs- und Sozialwissenachaftler ist mir eines klar geworden: So manches, was wir heute als Naturgewalt, als Gesetzte begreifen, sind Artefakte. Menschengemacht. Wir haben nur verlernt, das zu denken, was man als Kontingenz bezeichnet. Nichts, was besteht, ist notwendig. Kein Markt. Kein Wirtschaftssystem. Kein Algorithmus. Kein Gesellschaftssystem. Es besteht nur weil wir das so wollen. Weil wir uns dem unterwerfen was Menschen geschaffen haben. Und vergessen dabei, dass Menschen verändern können. Dazu müssen sie aber unterscheiden lernen, was ist tatsächlich eine Naturgewalt – und was im Grunde ein Artefakt. Dazu müssen Menschen „das Universum“ kennenlernen. Das Universum der menschlichen Gesellschaft. Und das, was den Menschen ausmacht. Dann lässt sich verstehen, was ist eine Gesellschaft, wie entstehen „Risse“, warum können Medien niemals objektiv sein, warum sind Politiker keine Helden. Und wie ist das mit Markt und Wirtschaft. Dieses Wissen ist nicht verkäuflich. Man kann daraus nichts machen, wenn es alle haben. Oder viele. Wissen ist Macht. Wissen entmachtet.

Belächelt worden bin ich schon oft und irgendwann gewöhnt man sich dran. Ich freue mich nur, wenn manchmal irgend ein Schwergewicht kluge Dinge äußert, die nicht neu sind, aber denen bisher ein Aufmerksamkeitsmagnet fehlte.
Heute zum Beispiel:“ Wir können unseren Kinder nicht lehren, wie sie gegen Maschinen bestehen. Diese sind smarter«, Lehrer sollten aufhören, reines Wissen zu vermitteln. »Wir müssen einzigartiges lehren, so dass wir von keiner Maschine eingeholt werden können«. Das seien: Werte, Überzeugungen, unabhängiges Denken, Teamwork und Achtung für andere. »Sport, Musik, Malen – Kunst, die sicherstellt, dass Menschen verschieden sind. Alles, was wir lehren, sollte sich unterscheiden von Maschinen«“ Zitat des Alibaba-Chefs.

http://www.crn.de/software-services/artikel-116199-2.html

Nebenbei, auch nur ganz nebenbei würden damit viele Risse in der Gesellschaft gekittet. Aber Kontingenz heißt leider nicht nur, es könnte anders sein, sondern es könnte auch alles so bleiben.

 

 

 

 

Segregation als Marketinginstrument (Nicht Sarkasmusfrei)

Kürzlich habe ich über die soziale Segregation der Schulen geschrieben. Ein sich selbst steuernder Prozess, der nur durch Intervention aufzuhalten wäre wenn man es denn wolle.

PISA – und auch die TU Dresden in ihrem Ansatz der Universitätsschule gehen davon aus, dass die soziale Durchmischtheit eine große Rolle spielen für den Bildungserfolg der Schüler insgesamt. Anders ausgedrückt, es müssen ein Mindestanteil von SchülerInnen aus „sozial gefestigten“ Verhältnissen kommen, Bildungshintergrund und wirtschaftlicher Hintergrund der Eltern ebenso. Damit die Kinder, deren Ausgangsbedingungen nicht so optimal sind, bessere Chancen haben. Zumindest ist es immer noch erklärtes Ziel. Und wenn Bildungsforschung sowas sagt, dann wird da schon was dran sein.

Und nun dies:

Auf der Homepage einer Grundschule in Dresden:
„Die Kinder kommen überwiegend aus gefestigten sozialen Verhältnissen. Diese Kompetenz der Eltern nutzen wir für die gemeinsame Arbeit zur optimalen Entwicklung unserer Kinder.“

Segregationsmarketing.

 

 

Über Klassen

„Wenn vom Klassenkampf die Rede ist, denkt man niemals an seine ganz alltäglichen Formen, an die rücksichtslose gegenseitige Verächtlichmachung, an die Arroganz, an die erdrückenden Prahlereien mit dem Erfolg der Kinder, mit den Ferien, mit den Autos oder anderen Prestigeobjekten, an verletzende Gleichgültigkeit, an Beleidigungen und so weiter.

Das Leben ändern, das müsste heißen, die vielen kleinen Nichtigkeiten zu ändern, die das Leben der Leute ausmachen und die heute gänzlich als Privatangelegenheiten angesehen und dem Geschwätz der Moralisten überlassen werden.“

Pierre Bourdieu, Die verborgenen Mechanismen der Macht.

Über Macht.

„Die symbolische Macht ist eine Macht, die in dem Maße existiert, wie es ihr gelingt, sich anerkennen zu lassen, sich Anerkennung zu schaffen; d.h. eine (ökonomische, politische, kulturelle oder andere )Macht, die die Macht hat, sich in ihrer Wahrheit als Macht, als Gewalt, als Willkür verkennen zu lassen.“

Pierre Bourdieu. Die verborgenen Mechanismen der Macht.

Aufklärungsministerium

Ein Heimatministerium. Das klingt entweder rückständig nach Traditionsmief, Oktoberfestbier und Folklore, also Kölnisch Wasser, oder es klingt nach Heimatschutz als Behörde, so wie es der „andere“ große Bruder uns vormacht. Nicht fortschrittlich jedenfalls und es klingt nach ziemlicher Konfusität in der Regierungsbildung. Es tut nie gut wenn man kopflos das Würfelspiel „Such dir mal ne Aufgabe“ spielt und einfach mal Ressorts festlegt ohne Plan und Struktur dahinter.

Aber: wäre ein Digitalministerium mehr Plan und mehr Struktur? Digitalisierung wird drastisch unsere Welt verändern! Wir müssen uns fit machen für die Digitalisierung! Digitalisierung, die große Herausforderung! Oooookkkkkkaaaaaaayyyyy … also überrollt uns die Digitalisierung wie eine Naturkatastrophe, wie Klimawandel oder Grippewelle oder wie Götter, die es zu beruhigen gilt? Manchmal, aber nur manchmal, verwechseln wir Strategie und Ziel. Mittel und Zweck. Bock und Gärtner. Digitalisierung passiert doch nur weil Menschen das wollen. Sie ist keine übernatürliche fremde Macht, die uns einfach so überkommt und der wir uns stellen müssen. Umgekehrt wäre der Schuh richtig angezogen. Zu fragen, wo brauchen wir Digitalisierung und wann und warum. Und wie wollen wir sie gestalten, wann wollen wir sie überhaupt. Unbequem. Aber in jedem Falle besser. Allerdings möglicherweise mit der Frage diverser anderer Entwicklungen verbunden. Und dann nähern wir uns nämlich langsam der Frage, ob wir mal eine neue Aufklärung bräuchten. Raus aus der Selbstsklaverei. Ob Globalisierung, Digitalisierung … es werden Entwicklungen so verkauft (!) als ob sie Naturgewalten wären, von uns nicht beherrschbar. Die Entmachtung des Menschen durch sich selbst. Cui bono. Und wenn man sich darüber im Klaren ist, wem nützt es, wem soll es nützen, dann ist man schon einen ganzen Schritt weiter.

Digitalisierung braucht kein eigenes Ministerium. Vielleicht brauchen wir vielmehr mal ein Menschenministerium. Welches sich der Frage widmet, Wozu das alles? Ein Ministerium für Aufklärung.

Frieden

Manchmal wird man gezwungen, die Dinge mit ein wenig Abstand zu betrachten. Und so sehe ich den 13.2. etwas unverhofft als Zuschauer. Wie oft lese ich „Frieden“. „Gedenken“. „Nie wieder Krieg“. Und frage mich, wie oft spielt der Gedanke an Frieden, der Wunsch nach Frieden an den restlichen Tagen des Jahres eine Rolle und wie ernst ist es uns damit?

 

Einstens

wird man über die alten Zeiten reden. Über die wunderlichen Menschen. Menschen, die glaubten, sich gegen alle Risiken versichern und alles regeln zu können. Und gleichzeitig meinten, manchmal, als in ganz besonderen Fällen, und also und überhaut, diese Regeln außer Kraft zu setzen. Ihre Regeln aber sagten, dass jemand, der dies dann tut, auch die Verantwortung übernehmen muss. Nun ahnten die Menschen, denn so dumm waren sie nicht, dass man sich nicht gegen alle Risiken versichern kann und dass es, so ahnten sie auch, immer den Fall geben kann, dass doch etwas passiert. Und sie wussten, dass es gar viele dieser Ausnahmen gab. Irgendwie wollte ja jeder eine Ausnahme sein, das eigene Anliegen so wichtig, dass man dafür sich über Regeln hinwegsetzen sollte. Es waren komische alte Zeiten. So komisch, dass sich die Menschen nicht nur teeren und federn wollten, wenn sie Regeln übertraten. Nein, sie stellten auch einen Pranger auf für die, die die Regeln hielten.

Es waren komische Zeiten, damals.