Ausgrenzung

Anonymisierte Bewerbungsverfahren. Das war eine politische Forderung, die mir kürzlich über den Weg lief. Das Ansinnen: Diskriminierung vermeiden. Geschlecht und/oder Herkunft sollte keine Rolle spielen. Klingt gut, auf den ersten Blick? Weit gefehlt. Ein (weiteres) Beispiel, für das Nicht-zu-Ende-Denken politischer Forderungen.

Anonymisierte Bewerbungsverfahren sind Diskriminierung. Warum? Nun – da wäre zunächst mal das Stichwort Bildungsexpansion, die Ausdehnung des Bildungssystems mit einer permanenten Höherqualifizierung (was nicht unbedingt das Klügerwerden heißt sondern sich auf die Zahl und Vielfalt der möglichen erwerbbaren Bildungszertifikate bezieht). Bildungszertifikate sind die Schlüssel zu den Türen des Arbeitsmarktes und folgerichtig sind diejenigen mit weniger Schlüsseln (gleich welche Gründe dies hat, auf die kommen wir spöter) natürlich im Nachteil. Ihre Chancen auf eine Erwerbstätigkeit sinkt – trotz sinkender Arbeitslosigkeit. Weil – auch Tätigkeiten, die eine geringe Qualifikation erfordern, ausgelagert werden – und sei es durch eine sehr niedrige Bezahlung.

Im Rahmen der Bildungsexpansion haben sich natürlich auch die Einstellungskriterien – ob nun für einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz – nach oben angepasst. Denn die Zahl der Arbeitsplätze an sich schwankt weniger als die Bevölkerungszahl. Es gibt ja nicht „mehr Arbeit“.

Natürlich hat sich – und da gibt es kaum einen Unterschied zwischen Ost und West – die Einstellung zur Bildung geändert. Ein niedriger Abschluss fällt auf – so wie früher irgendwann einmal der Abiturient in der Minderheit war, müssen sich heute Eltern fragen lassen, „Was?! Nicht Gymnasium?!“ „Doch doch!!!“ werden sich die meisten beeilen zu beteuern – und das aus Überzeugung. Wollen die meisten Eltern doch für ihr Kind alle möglichen Möglichkeiten offenhalten (egal ob da die Politik wieder meint, man müsse die Oberschulen stärken).

Ein niedriger Abschluss wird – es gibt ja alle Chancen und alle reden von Chancengleichheit, die es nicht tun, meinen, dass nun mal Leistung zählt – demjenigen angelastet, der ihn hat. Rum wie num. Es bedarf schon einer intensiven Befassung mit dem Bewerber mit schlechterem Abschluss, wenn man ihn vor anderen mit besseren und mehr Bildungszertifikaten bevorzugt. (Ich habe das übrigens gemacht und mich darauf eingelassen – und ich bin froh, dass mir dazu die Chance gegeben wurde. Es war die bisher beste Entscheidung als „Chef“).

Bevorzugen – das klingt nach Ungleichbehandlung und diesen Verdacht scheuen alle wie der Teufel das Weihwasser. Verständlich in Zeiten der Hochkonjunktur von Gleichstellung. Leider ist das Ganze etwas komplizierter und nicht durch Anonymisierung zu händeln. Denn: Wir wissen auch dass BIldungsabschlüsse von ein paar mehr Faktoren abhängen als von temporärer Faulheit oder dem Intellekt. Der soziale Status ist als ein Hauptfaktor für Bildungsbenachteiligung identifiziert. Ein Rezept dagegen gibt es nicht. Noch nicht. Vielleicht ist bisher ja auch der Hebel am falschen Punkt angesetzt worden. Nicht die Bildung benachteiligt, sondern der soziale Status. Ergo müssten bestenfalls Bildungsmaßnahmen versuchen, diesen Nachteil auszugleichen – und zwar konsequent. Ich lasse den Satz jetzt mal so stehen.

Eben deshalb sind anonymisierte Bewerbungsverfahren ein Risiko. Ein Risiko für die, die ohnehin benachteiligt sind.

Projektunterricht und alles ist gut?

„Gegenwärtig wird Unterricht oft jahrgangsübergreifend, teilweise schon inklusiv vollzogen, wobei der Unterricht nicht auf den Lehrer, sondern auf den individualisierten und schöpferisch-kreativen Schüler zentriert ist und weniger die Disziplin als vielmehr die Selbstorganisation und Selbstmotivation von Schülern im Vordergrund steht. Erschienen vor 10 Jahren in dem unter Lehrern stark rezipierten Film ‚Treibhäuser der Zukunft‘ von Eberhard Karl individualisierte und auf die Kreativität des Einzelnen abzielende Unterrichtsformen noch als futuristische Experimente von Privatschulen, ist der jahrgangsübergreifende Unterricht mittlerweile ein bundesweites, in manchen Bundesländern teilweise verpflichtendes Unterrichtsprinzip geworden. Schülerinnen und Schüler sitzen in der Regel ab der ersten Klasse mit Schülern aus der 2. und 3. Klasse zusammen. Die Lösung der damit aufgeworfenen Probleme besteht oft in einer projektförmigen Unterrichtsorganisation. Die Lehrkräfte zeigen sich als Projektbegleiter individualisierter Lernprozesse, die mit einer zunehmend heterogen organisierten Schülerschaft umgehen müssen. Betrachtet man auf der Ebene des Unterrichts die Gewinner und Verlierer dieser neuen, auf Selbstorganisation abzielenden Lernformen, dokumentiert sich, dass soziale Ungleichheiten und damit verbundene neue Illusionen von Chancengleichheit verstärkt werden. Empirische Arbeiten auch der quantitativen Bildungsforschung zeigen , dass die Differenz zwischen Kindern aus bildungsnahen und bildungsfernen Familienmilieus verstärkt wird. Diejenigen Kinder, denen ein selbstständiges Arbeiten mit den aus der bürgerlichen Kultur bekannten Lerngegenständen vertraut ist, können diese Vertrautheit nun unter den Bedingungen eines individualisierten Lernmarktes noch besser einsetzen. Vor dem Hintergrund von organisationstheoretischen Überlegungen – wie sie in Bezug auf Migration beispielsweise von Gomolla und Radtke angestellt wurden – ist zu erwarten, dass sich die Schule neue Auffangbecken für die Opfer individualisierten Unterrichts kreieren wird. Entscheidungen über Mitgliedschaften in aussichtsreichen Bildungsinstitutionen werden durch eine Individualisierung und den damit einhergehenden Beschleunigungsprozessen oft schon zu Beginn von Schulkarrieren zementiert. Kinder, die nicht im gleichen Maße mit in der Schule legitimierten kulturellen Kapitalformen ausgestattet sind, werden unter einen sich verstärkenden Transformationsdruck gestellt, wollen sie ihre Mitschüler aus den besseren Wohnvierteln nicht enteilen sehen.“

Rosenberg, Florian von (2017): Ambivalenzen von Habitustransformationen. In: Markus Rieger-Ladich und Christian Grabau (Hg.): Pierre Bourdieu: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 299–314

Die Illusion der Chancengleichheit (2)

„Wo paradoxale Verfasstheiten des Bildungssystems – es „verspricht die Lösung und erzeugt zugleich das Problem“ – nicht offen gelegt werden, besteht die Gefahr von Boomerang-Effekten. Zum Beispiel dem, dass gerade jene Früh- und KindheitspädagogInnen, die sich dem Auftrag der Herstellung von Chancengleichheit und -gerechtigkeit am loyalsten, mit voller Hingabe, verschrieben haben, strukturell bedingtes Scheitern sich selbst zuschreiben. Mit der Folge, dass sie Gefahr laufen zwischen ihrem Anspruch und den sozialen Bedingungen zu seiner Verwirklichung zerrieben zu werden . Die Etablierung von Strategien eines souveränen Umgangs mit den Paradoxien des Bildungswesens wäre hier von größtem Wert. “

Bröskamp, Bernd (2017): Der Markt der frühkindlichen Bildung. In: Markus Rieger-Ladich und Christian Grabau (Hg.): Pierre Bourdieu: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 15–33

Die Illusion der Chancengleichheit (1)

„Der bildungspolitische Diskurs der Chancengleichheit erweist sich auf der Ebene der Meinungsbildung ja durchaus als allseits zustimmungsfähig. Indes verleitet er kaum eine Familie dazu, statusbedingte Vorsprünge zugunsten Angehöriger und Nachkommen statusniederer Gruppen einfach aufzugeben. Diesem Anliegen kommt das hierarchisch strukturierte Angebotsfeld entgegen. Potentiell ermöglicht es, eine zur eigenen Lebensführung passende, mehr oder weniger standesgemäße Kindertageseinrichtung zu finden. In seinen praktischen Auswirkungen legt das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage den Finger auf die Wunde der Diskurse zur Chancengleichheit. Auch in ihrer auf frühkindliche Bildung bezogenen Variante leisten sie der Verschleierung von Mechanismen der Selektion Vorschub. Sie unterschätzen die Wucht und Wirkmacht klassenspezifischer, auf Besitzstandswahrung ausgerichteter Reproduktions- und Abgrenzungsstrategien von Familien, zu denen Bildungs- und Erziehungsstrategien konstitutiv gehören . Insgesamt verkennen sie die Kräfte, Funktionsweisen und Gesetze des Marktes der frühkindlichen Bildung, Erziehung und Betreuung.“

Bröskamp, Bernd (2017): Der Markt der frühkindlichen Bildung. In: Markus Rieger-Ladich und Christian Grabau (Hg.): Pierre Bourdieu: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 15–33