Kulturhauptstadt.

Kulturhauptstadt

capital of culture

cultural capital

kulturelles Kapital

Habitus

Milieu

Die feinen Unterschiede

Assoziationen, was Kulturhauptstadt mit gesellschaftlichem Zusammenhalt zu tun hat. Oder: Warum  eine Bewerbung zur Kulturhauptstadt eine ziemlich revolutionäre Sache ist und so gar nichts mit Barock zu tun haben muss.

Tausend

waren es nicht, die Hälfte aber dürfte es schon gewesen sein, 264 (hieß es bei der Probe) Chorsänger plus Kinderchor und ein Orchester, dessen Besetzung alles Normale übersteigt.

Beeindruckend und ungewohnt, ein Saisonauftakt der Superlative, so wäre eine passende Umschreibung. Ich bin gespannt auf die Rezensionen. Dem Publikum muss es wohl ähnlich gegangen sein, war doch Reaktion auf und Umgang mit der Aufführung etwas anders als sonst. So war der spontane Beifallsversuch nach dem ersten Teil irgendwie niedlich und schön, ein älterer Herr in der vorderen Reihe im Parkett war wohl so begeistert, dass er vergass, man klatscht nicht während einer Sinfonie. Erst am Ende. Und am Ende lässt man sich auch etwas Zeit. So viel Zeit, dass wieder Stille eingezogen, der letzte Ton tatsächlich entschwunden ist. Diese besonderen Momente, sie sind vielleicht gar nicht unbedingt für das Publikum gedacht. Auf der Bühne braucht man sie. Zum – wie drückte es eine Chorkollegin so schön beim „Absacker“ aus – wieder auf dem Boden landen. Jeder Musiker, egal ob Stimme oder Instrument – steht unter einer wahnsinnigen Anspannung, die mit dem Schlusszeichen des Dirigenten noch nicht vorbei ist. Der danach folgende Moment lässt sich schwer beschreiben, sicher empfindet ihn auch jeder anders. Eine Starre, ein Luftanhalten, Nachhören. Man steckt noch drin in der Musik. Und erst dann holt man wieder Luft, sammelt sich und die Anspannung fällt ab. Beginnt der Applaus vorher, geht dieser Moment kaputt. So schön Applaus ist, er kann wirken wie ein kalter Wasserguss am morgen.Applaus kann gut tun. Muss es aber nicht. Zu langer Applaus ist ähnlich eines Zuviel an Lob, bei dem man nicht weiß, wie viel „wirkliches“ steckt in der Überschwänglichkeit. Das Klatschen des alten Herrn in der Mitte hätte mir gereicht. Und am Ende – einen Moment der Ruhe, der Stille, der Andacht und dann verlassen alle gemeinsam leise den Saal. So hätte für mich ein würdiges Ende dieser Aufführung ausgesehen. Beifall muss nicht immer laut und groß sein. Manches muss wohl auch in Zukunft ertragen werden. Wie auch diejenigen Menschen im Parkett oder anderswo sitzen zu sehen, die kommen, nicht um zu hören, sondern um gesehen zu werden. Vor allem beim anschließenden Empfang. Man trifft diese Spezies öfter, daher weiß man das auch. Lässt sich leider nicht vermeiden, man muss sie ertragen. Es ist eben auch Schaulaufen.

Teil so vieler Mitwirkender zu sein, zu erleben, welche Wucht damit entfacht wird, beeindruckt. Es mit Sicherheit auch gut, wenn Profichöre diesen Saal erleben und eine Erfahrung machen, die eine Wiederkehr wahrscheinlich macht. Braucht der Saal doch trotz seiner Qualitäten auch die Gäste, die ihn nutzen für den Zweck, für den er gebaut wurde. Große Orchester, große Chöre (groß meint hier nicht die Anzahl.) Und dennoch: für mich war es fast zu viel des Guten. Zugegeben:  Ich singe manchmal lieber laut. Ein Patri mit drei F und die Chancen stehen gut, dass vieles, was sich auf der Seele angesammelt hat, mal rausfliegt. Singen ist Seelenreinigung. Aber es sind vor allem die leisen Töne, die für die Schönheit verantwortlich sind. Die waren uns leider diesmal nicht in Gänze vergönnt. Es ist in Ordnung, wir sind semiprofessionell, wie unsere Kulturbürgermeisterin zum Jubiläum sagte. Trotz der Tatsache, dass wir erst dann anfangen zu proben, wenn wir alle schon einen Arbeitstag hinter uns haben und erst dann anfangen zu singen, wenn es Zeit wäre, sich Ruhe zu gönnen, kriegen wir solche Werke hin.  Schön – es war schön zu singen, die Masse aber und die Wucht hat leider vieles Hörenswerte verschwinden lassen. Wie manchmal sonst auch im Leben. Ich glaube, den meisten Applaus hat der Kinderchor verdient.  Es ist wie immer im Leben: ein fertiges Werk zeigt nie die Anstrengung, die dazu nötig war. So soll es auch sein, aber es ist dennoch gut es zu wissen.

Vielleicht ist uns ja morgen abend der Moment der Stille nach dem letzten Ton vergönnt.

Der Menschheit Würde

So lautet der Titel des Werkes, das eigens für den 50. Geburtstag der Philharmonischen Chöre komponiert wurde.

Als ich die Noten in die Hand bekam, schaute ich zwei Mal hin, irgendwie konnte ich es kaum glauben. Sofort hatte ich ein Bild vor Augen. Ein Bild einer Plane, papyrusweisse Schrift auf dunkelblauem leicht ins Petrol driftenden Grund. Sie ersetzte zeitweise die Werbung auf der Bauplane am Kulturpalast. Erstmals hing sie zu Beginn des Jahres 2015, dem Jahr nach dem Aufkommen von Pegida. In einer Zeit, in der niemand wusste, wie man mit diesem Phänomen so richtig umgehen sollte, gezeichnet von überbordender politischer Korrektheit, die in Untätigkeit ihren Niederschlag fand.

Der 13. Februar ist in Dresden immer ein besonderer Tag und die Bilder der Montagsspazierer hatten uns zusätzlich geschadet, es sollten jedenfalls andere Bilder von Dresden ausgehen. Den Krakeelern auf den Plätzen sollte etwas entgegengesetzt werden, was an das erinnert, was das Menschsein ausmacht. Damals – noch Angestellte der städtischen Tochter, deren Logo auch auf dem Banner steht, hatte ich ziemlich direkt mit dieser Aktion zu tun. Und erinnere mich sehr gut daran, dass es alles andere als einfach war, bis die Plane hing. Kann man, geht das, als städtische Tochter ein politisches Statement und welches und machen dann auch alle mit … Ich bin auf nicht viel stolz aus meiner Zeit dort, aber darauf schon: Es wurde wahr und die Plane hing.

Ich persönlich war für die Variante blau auf weiß, der Kollege aus dem Kulturamt überzeugte mich aber und es war gut so. So sah das Teil dann aus:

Quelle: Dresdner Philharmonie (Aufnahme zum Richtfest)

Weithin sichtbar über den Altmarkt. Heute ist sie schon fast vergessen, aber sie hatte es sogar in den Spiegel geschafft. Immerhin. Das war übrigens der 13. Februar an dem Helma Orosz sagte, Dresden war keine unschuldige Stadt und Dresden war nicht nur Opfer. Der Mensch ist vergesslich.

Nun – das Stück „Des Menschen Würde“ ist modern, es ist kantig, es ist eckig und es ist erstmal auf den ersten „Hörer“ überhaupt nicht harmonisch. Als Sänger liebt man sowas nur bedingt. Insbesondere, wenn die anderen Stimmen oder – noch schlimmer – das Orchester etwas ganz anderes tut als man selbst, man gegeneinander ansingt oder musiziert. Bei dem Stück aber ist es genau richtig so. Ich sehe beim Singen Bilder vor mir. Die Eröffnung des Monument. Die krakeelende bedauernswerte alte Dame, die meinte mir am 2. Oktober das Handy aus der Hand schlagen zu müssen. Die, die allwöchentlich ihren Lebensfrust damit bewältigen wollen, in dem sie Rattenfängern hinterherlaufen. Und ich sehe machmal auch den Plenarsaal. Das Orchester zeigt in Tönen das, was momentan passiert. Hier und überall. Nicht nur in Dresden – leider muss man das immer wieder betonen. Ich habe keine Ahnung ob der Komponist sich das dachte, was ich höre aus seine Werk. Das ist aber auch egal. Es passt in diese Zeit und nach Dresden so gut wie selten etwas passt.

Der Menschheit würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie. Sie sinkt mit Euch, mit Euch wird sie sich heben.

Eine Stelle gibt es, an der wird das Stück sehr still. Nur noch ein Herzschlag ist zu hören. Eine Mahnung. Das Konzert ist fast ausverkauft. Das ist zu wenig, nur dieses eine Konzert, finde ich. Aber manchmal hat man einen Wunsch frei. Mein Wunsch ist, dass dieses Werk ein Teil von Dresdens Kultur wird.