Wohnen

Wohnen – das ist DAS Thema dieser Tage. Mieten steigen, Wohnraum wird knapper – nicht insgesamt natürlich, sondern in den Städten. In den Städten, die boomen. Dresden gehört dazu und in Dresden wurden über das  Thema Wohnen Wahlkämpfe geführt und entschieden. Das bedeutet, Wohnen ist relevant für eine weitaus größere Anzal Menschen als die, die wirklich eine Wohnung suchen.

Wohnraum schaffen heißt Wohnungen bauen. Irgendwo hin. Irgendwo hin wo Platz ist. Da wird es spannend. Denn dann ist das Verständnis für die Notwendigkeit des Wohnungsbaus offenbar begrenzt. Baut, aber bitte nicht grad hier. Wo eine Garage steht. Eine Grünfläche ist. Eine Schule, eine Rettungswache, eine Ausgleichsfläche sein könnte. Ich frage mich in dem Zusammenhang auch manchmal, wie die journalistische Zunft tickt. Kürzlich las ich in einem Artikel Kritik daran, dass eine städtische Tochter, zum Zwecke des Wohnungsbaus gegründet, die undankbare Aufgabe hatte, Garagenbesitzern mitzuteilen, dass auf eben dieser Fläche Wohnungen gebaut werden sollen. „Die Stadt“ oder „die Verwaltung“ hätte dies übernehmen sollen. Die städtische Tochter ist genauso „die Stadt“ wenn man schon so undifferenziert rangeht. Man kann Skandälchen und Konflikte auch herbeischreiben. Noch schräger wird es allerdings, wenn Stadträte sich darüber aufregen, Stadträte, die diese städtische Tochter wollten, beschlossen haben, dieser Tochter Grundstücke übertrugen, auf denen gebaut werden soll.

Mindestens ebensolch makabren Unterhaltungswert haben die Pläne von Vonovia und der Unmut einer Fraktion auf den Petitionsausschuss. Ja, Wohnraum schaffen in einer Stadt bedeutet manchmal Verdichtung. Man kann es sich leicht machen und aufs Wahlplakat schreiben „Wohnungsbau fördern!“ und wenn es dann um die Umsetzung geht, sich darüber aufregen. Das macht so richtig glaubwürdig. Es ist bald wieder Wahlkampf. Ich bin schon gespannt auf die vielen As auf die dann kein B folgt.

Im Westen nichts Neues

Es war nicht das übliche Konzertpublikum bei dieser Veranstaltung, einer Kombination  aus Lesung und Musik, die eine Lektion war. Leider viel zu versteckt an diesem Tag im April, teil eines langen Wochenendes. Die, die kamen, hatten einen ziemlichen Brocken zu bewältigen. Manchmal vermag Kunst in einer Deutlichkeit etwas zu vermitteln, was kein Geschichtsunterricht, keine Propaganda, keine noch so eindringliche Rede vermitten kann. (Vielleicht schafft Sachsen ja deshalb so „unwichtige“ Fächer wie Kunst, Musik und Sport ab. )

Texte aus „Vom Westen nichts Neues“, gelesen von der beeindruckenden Mechthild Großmann. Mit einem  Echo aus Musik. Max Regers Siegesfeier, einem Orgelwerk, in dem die Nationalhymne durchdringt und christlichen Motetten und Kantaten. Krasser lassen sich die Widersprüche unserer Welt nicht darstellen. Es war noch nie so schwer wie heute, nach dem Hören dieser Texte, sich wieder zu konzentrieren und diese Musik zu singen, die ich eigentlich so mag, weil sie tröstlich ist. Meistens. Heute nicht. Heute gingen mir die Schlagzeilen der letzten Wochen durch den Kopf. Die mit dem christlichen Abendland, unserer angeblich so christlich geprägten Kultur und den Kreuzen in Bayern.

Was müssen die jungen Männer gedacht haben, die mit in meiner Bahn saßen auf dem Weg zum Konzert und in der Bahn angeblafft wurden von einer Familie, sie sollen sich gefälligst nicht so laut unterhalten in ihrer Landessprache.  Sie saßen in dem Konzert, vorne im Parkett. Die Familie nicht. Dafür aber viele andere, die sich sicherlich nicht regelmäßig einen Konzertbesuch leisten können. Ein Publikum, vielmehr repräsentativ für diese Stadt als sonst. Ausgerechnet. Und macht nachdenklich.

Im Publikum ist man nie unbeobachtet. „Wir“ sehen ganz gut was im Saal „los“ ist. Wer da ist, wie die Stimmung ist. Heute war sie besonders, und das ist bei so einem Projekt wie heute nicht selbstverständlich. Man kann ein Publikum auch überfordern, der Versuch, es mitzunehmen, kann misslingen. Kürzlich sagte ein ziemlich einflussreicher CEO, das, was der Mensch Maschinen, KI und Algorithmen immer voraus haben wird, das ist Kunst, Kultur, eben so etwas wie heute. Der perfekte Klang ist das eine. Die Emotionen dabei, das (wichtigere) andere.

Meistens trifft man sich nach einem Konzert nochmal und lässt den Abend ausklingen. War mir heute nicht möglich. Fassen wir also zusammen: ein beeindruckender Abend.

Was Waldameisen mit Wertschätzung zu tun haben

Wandern ist gesund. Nicht nur physisch, sondern auch oder gerade psychisch und mir hilft Wandern, den Kopf wieder frei zu bekommen und Dinge hinter mir zu lassen. Manchmal aber, manchmal ist das anders. So wie heute beim Anblick eines dunklen Flecks im Wald. Auf den ersten Blick unscheinbar. Eine Ansammlung von Nadeln mitten im Laub, ein bisschen Gras daneben.

So:

Waldameisen

Von weitem, von oben betrachtet nur ein Haufen Nadeln oder ähnliches. Nichts bedeutsames. Die Blümchen und das frische Grün ziehen die Aufmerksamkeit wesentlich mehr auf sich. Man muss schon näher herangehen.

So:

Man muss sehr genau hinsehen um das rege Treiben wahrzunehmen. Man muss sehr genau hinsehen, um wahrzunehmen, dass das rege Treiben Sinn und System hat. Und man muss Wissen über das System Wald haben um wertzuschätzen, wie wichtig die Ameisen für den gesamten Wald sind. Für die großen, mächtigen, beeindruckenden Bäume. Für diese kleinen Blumen und das frische Grün.

Irgendwie erinnerte mich dieser Ameisenhaufen an meine Arbeit. An das Rathaus, an die Verwaltung. An die Kollegen, deren Arbeit so wenig Wertschätzung erfährt, ohne die aber nichts, gar nichts funktionierte. Und ohne die all das Bedeutsame, das so viel Aufmerksamkeit erfährt, niemals möglich würde.

Ameisen.

Vielleicht sollte zu Führungscoachings eine Wanderung durch den Wald Pflichtprogramm sein.

Schulstandortwertigkeit

Was ist eine Schule wert. Was ist die Arbeit der Pädagogen wert. Was ist eine gute Schule und für wen. die Rückblickende Betrachtung einiger schulpolitischer Debatten ist gelinde gesagt erschreckend.

Wir müssen uns dringend von der irrigen ökonomisierten Annahme verabschieden, Anmeldezahlen einer Schule seien ein Indikator für eine „wertvolle“ Schule. Wir müssen uns auch von der irrigen – ebenfalls ökonomisierten – Annahme verabschieden, der Durchschnitt der Abschlusszeugnisse oder die Anzahl der Einser seien ein Indikator für eine „wertvolle“ Schule. .

Man kann es auch schärfer formulieren: Die Sozialstruktur an einer Schule ist nicht deren Verdienst oder Eigenleistung oder gar Ergebnis einer mangelhaften pädagogischen Arbeit. Wir müssen die empirisch belegte Erkenntnis akzeptieren, dass die freie Schulwahl nicht zu einer vielleicht wünschenswerten und ausgewogenen Sozialstruktur an Schulen führt. Sondern zu sozialer Segregation. Wir müssen die empirisch belegte Erkenntnis akzeptieren, dass die Herkunft immer noch erhebliche Effekte auf die Bildungslaufbahn  hat. Und: dass gerade moderne Unterrichtsformen, die Kulturtechniken erfordern, die manche Kinder herkunftsbedingt nicht in die Wiege gelegt bekommen, diese Kinder genau dann benachteiligen, wenn sie mit ihren Mitschülern, die herkunftsbedingt anders ausgestattet sind,  im Unterricht in Konkurrenz treten müssen.

Fatal ist es, Schulen mit einer eher benachteiligten Schülerschaft eine schlechte pädagogische Arbeit zu unterstellen oder den Standort als per se aufwertungsbedürftig zu stigmatisieren. Vielmehr sollte die Frage interessieren, inwieweit arbeitet eine Schule so, dass ihre Schülerschaft bestmöglich gefördert wird. Eine Schule mit einem hohen Anteil an Hauptschülern, in der Schüler aus der Mittelschicht die Minderheit sind, ist nicht weniger wertvoll als ein Gymnasium. Und genau deshalb hat sie das Recht, genauso anerkannt zu werden – und unterstützt, auch wenn vielleicht eine Lobby, eine starke Elternvertretung oder ein Förderverein fehlt. Besser gesagt gerade deshalb.

Ich habe mal an meiner früheren Arbeitsstelle eine Diskussion über Elternverantwortung bei der Bildung der Kinder geführt. Leider fehlten mir damals die Argumente, die ich jetzt habe. Die Illusion der Chancengleichheit ist leider nach wie vor Realität und gerade die andersseinwollende Bildungspolitik befördert diese.

 

 

 

Policy

„Wir befinden uns im Aufwind und könnten die Weichen für erfolgreiche Wahlkämpfe stellen . Statt mit dem politischen Gegner befassen wir uns mit uns selbst .“

so ließ sich ein Parteichef zitieren. Inhaltlich steht er mit seiner Unzufriedenheit nicht allein, deshalb ist es auch irrelevant, welcher Partei in welcher Region er angehört. Statt mi dem politischen Gegner befassen wir uns mit uns selbst.

Nu ja, liebe Parteiführungskräfte, Parteien befassen sich immer mit sich selbst. Die Selbstbefassung dreht sich um eine Abgrenzung von einem imaginären politischen Gegner (Wahlweise eine andere Partei, eine Verwaltung, bös- und lernunwillige Bürger, „das System“).  Dazu dient dann meist ein Stellvertreterthema, anhand dessen nachgewiesen wird, wie sehr man sich doch vom politischen Gegner abgrenzt.

Da die Welt immer diverser geworden ist – besser gesagt, sie ist nicht diverser geworden, sondern der Blick auf die Welt immer differenzierter, auch eine Folge der Globalisierung und Digitalisierung und damit veränderter Kommunikationsformen und ebenfalls damit verbunden virtuellen Realität, die nicht mehr allein duch Massenmedien geprägt ist, sondern durch soziale Netzwerke, wird es immer schwieriger, „eigene“ Themen zu finden. In einer diversen Welt gibt es nicht mehr schwarz und weiß, die „alten“ Grenzen exisiteren nicht mehr. Machtstrukturen weltweit haben sich verändert und es ist nicht mehr ganz so einfach, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Und wenn das schon für die große Welt nicht geht, so geht das in einem Land oder in einer Stadt noch weniger.

Womit will man in einer Stadt, der es wirtschaftlich halbwegs gut geht, in der keine Schulen geschlossen werden müssen (jedenfalls nicht aufgrund fehlender Schülerzahlen), in der Kitas gebaut werden, die ziemlich viel grün aufweist, ein paar kaputte Fuß- und zuwenig Radwege, die zwei neue Kulturpaläste hat, in der sich Armut und Kriminalität vergleichsweise in Grenzen halten, wie will man in einer solchen Stadt Wahlen gewinnen? Was sollen Parteien sich in ihre Programme schreiben, womit sollen sie für sich werben, damit die Bürger sie wählen? Irgendwas muss ja besser werden. Veränderung per se mag Mensch nicht. Höchstens dann, wenn sich eine Veränderung zum Guten (was auch immer das bedeutet) erwarten lässt. Aber was ist das gute wenn die Gesamtlage halbwegs stimmt. Was kann man verändern. Man muss irgendwas Veränderungswürdiges finden. Oder man arbeitet sich am politischen Gegner ab. Das aber, das interessiert, mit Verlaub, kein Schwein. Nur Menschen die entweder der eigenen Partei oder maximal noch dem politischen Gegner verbunden sind. Und die haben dann wieder Spielgeld. So beschäftigt Politik dann mit sich selbst und die Welt draußen dreht sich weiter.

Sonnabendvormittag

beim Zeitunglesen fiel mir ja beinahe die Teetasse aus der Hand. Der sachsen-anhaltinische Kultusminister hat Angst, dass die Sachsen seinem Land nun die Lehrer abspenstig machen und befürchtet eine Rückkehrerwelle. Es bestand also durchaus das Potential zum Kopfschütteln und eine weitere Chance, den Glauben an die Welt und Vernunft und so weiter zu verlieren. Herrgottnochmal, wie bescheuert ist das eigentlich? Der Fehler liegt im System und wer das bis jetzt noch nicht mitbekommen hat, ist nicht mehr zu helfen und das – mit Verlaub – Bekloppteste wäre, wenn die Bundesländer sich jetzt gegenseitig den schwarzen Peter der besseren Arbeitsbedingungen zuschieben anstelle sich zu überlegen, wie die Fehler der Vergangenheit sich nicht wiederholen. Mir fällt ein, PISA für Erwachsene hat sehr schön gezeigt, dass so manches schon sehr lange im argen liegt.

ABER – man kann den Sonnabend auch anders verbringen. Märzenbecher ansschauen im Polenztal zum Beispiel. Kann ich nur empfehlen und habe festgestellt, mir fehlt mal wieder so zwei , drei Berge. Es relativiert sich vieles mit ein paar Höhenmetern in den Beinen und um so deutlicher wird die Absurdität politischer Diskurse. Es geht nur noch um Angst, Katastrophen, Verunsicherung. Deshalb: Märzenbecher.

Wie viele Gräben gehen durch die Gesellschaft.

So lautete eine Überschrift irgendwann in den letzten Tagen in irgend einer Zeitung. Risse, Gräben, sie sind ständiges Thema. Zeit, sich diesem Thema zu widmen und zwar nicht aus politischer, politikwissenschaftlicher oder journalistischer Sicht. Sondern aus erkenntnistheoretischer und soziologischer. Wie viele Gräben? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. So viele Gräben, wie wir selbst ziehen. Und sie sind so tief, wie wir sie graben.

Erklärungsbedürftig? Nun: wir erinnern uns mal, Vor langer langer Zeit, da war alles was vier Räder hatte, ein Auto. Was vier Beine hatte ein Hund, was grün war und etwas Buntes oben drauf, das war eine Blume. Dass es da irgendwie doch Unterschiede (!) gibt, das wurde uns erst später klar. Was so simpel klingt, ist ziemlich bedeutsam. Unterscheiden ist ein völlig normaler kognitiver Prozess. Wir tun das ständig. Je mehr wir unterscheiden – oder differenzieren – desto differenzierter wird das Bild, was wir uns von der Welt machen. Unterschiede entstehen durch Unterscheiden. Kein Unterscheiden – keine Unterschiede. Das ist allerdings keine Lösung.

Unterscheidungen sind nicht nur relevant für das Bild, was wir uns von unserer Welt machen. Unterscheidungen sind auch in sozialer Hinsicht bedeutsam. Die erste Unterscheidung, die wir machen, ist  (die Feminist_*en mögen mir bitte verzeihen) ist Mama und Nicht-Mama. Familie und Nicht Familie. Kenne ich und kenne ich nicht. Das Unterscheiden zwischen Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe ist konstituierend für das Selbst. Und für soziale Gruppen. Klein-Systeme, aus denen die Gesellschaft irgendwie besteht. Leider gibt es einen Kitt für den Zusammenhalt, der heißt: Unterschied. Das, was eine soziale Gruppe zusammenhält, ist der Unterschied zu anderen, ist ein gemeinsames Merkmal, was andere Gruppen nicht haben. Das kann sein ein Fußballverein, das kann sein eine politische Überzeugung, das  ist das, was manche Personaler versuchen zu vermitteln, das Ding mit der Unternehmenszugehörigkeit.

Unterscheidungen haben eine kleine Eigenheit. Sie potenzieren sich. Unterscheidungen sind sozusagen Fraktale. Was ist damit gemeint? Nun, wieder ein Beispiel.  Nehmen wir mal an, jemand wollte sich um die Belange von Menschen mit Sommersprossen kümmern. Es wird also unterschieden zwischen Menschen MIT Sommersprossen und Menschen ohne Sommersprossen. Möglicherweise sind Menschen mit Sommersprossen eine Minderheit, sie sind dadurch benachteiligt, also muss auf ihre Belange Rücksicht genommen werden. Es wird über die Belange und Besonderheiten von Menschen mit Sommersprossen lang und breit diskutiert und immer wieder thematsiert. Nun gibt es aber vielleicht Menschen, die eine große Nase haben, die man bislang nicht berücksichtigte. Oder die kleiner sind. Kleiner als … Oder oder oder. Man kann dies imer weiter treiben und niemals wird man an einen Punkt kommen, an dem es nichts mehr zu differenzieren gibt, kein Unterschied mehr gemacht werden kann.

Die Möglichkeiten der Gräben- oder Rissproduktion kreuz und quer durch die Gesellschaft ist also nahezu grenzenlos. Und da der Mensch die Welt wahr nimmt und nicht nur spiegelt, und das Ganze auch noch aufmerksamkeitsgesteuert, kann es sein, dass er vor lauter Gräben und Rissen (ständig erzählt ja irgendeiner darüber) nicht mehr sieht, dass die anderen auch noch etwas anderes sind als jemand jenseits des Grabens.

Vielleicht wäre es an der Zeit, einmal über Themen zu diskutieren, die Unterschiede zum Problem werden lassen. Soziale Ungleichheit zum Beispiel. Das ist aber viel unbequemer. Dann müsste man sich tatsächlich Lösungen einfallen lassen.

Schau-Seite

Den Begriff las ich bei Stephan Kühl. Es ging um Organisationen und wie es der Name schon sagt, geht es um das, was gesehen werden soll. Das Offizielle. Wünschenswerte. Mir kam der Begriff wieder in den Sinn beim Schreiben einer Hausarbeit in angewandter Bildungsforschung. Evaluation von E-Portfolios. Was, wenn es auch im Bereich der Bildung eine Schau-Seite gibt, eine, die man in gemeinschaftlicher stiller Übereinkunft aufrecht erhält, die aber niemand tatsächlich lebt, ganz im Sinne des Luhmann-Zitates, dass die Reformen als die besten und beliebtesten und sinnvollsten in Erinnerung bleiben die niemals umgesetzt wurden?

Forschendes Lernen. Lernen durch Forschung. Die Hochschulen haben sich das schon seit Jahrzehnten auf die Fahnen geschrieben. Lernen durch Forschen. In realen Forschungssituationen, mit echten Fragestellungen. Nichts mit auswendig pauken. Klingt erst mal gut. Wird aber zu Rohrkrepierer, wenn der Student feststellt, es geht nicht um das, was ich da herausgefunden habe, sondern darum, dass ich ordentlich zitiere, Seitenabstände und Schriftgrößen einhalte. Sorgfalt und die Einhaltung von Standards sind zweifellos wichtig für wissenschaftliches Arbeiten. Forschungsinteresse und Kreativitöt aber auch. Sich aber mit den Inhalten zu befassen, das braucht Ressourcen. Ressourcen, die die Universitäten gar nicht immer haben. Und manchmal ist ja das, was Studierenden da gerade erforschen, nicht zwingend so mainstream, dass man Forschungsgelder dafür bekommt.

Also wäre eine stille Übereinkunft, dass eben e-Portfolios nur so genutzt werden wie es die Pflicht erfordert, Schriftgrößen, Zitierregeln und Zeitabstände eingehalten werden und damit allen unnützer Aufwand erspart wird, vielleicht gar nicht so absurd? Die zweite Realität. Aber bestimmt irre ich mich. Der Mensch irrt, solange er strebt. Zum Glück.

Wieder mal Dresden. Ja, verdammt.

Im vergangenen Jahr hatten wir die Busse. Objekte, mahnend für die einen, fremd, verstörend für die anderen. Stein des Anstoßes. Denkanstöße. Die aber – Objekte eben, wieder abtransportiert wurden. Und die Wasseroberfläche wurde wieder ruhiger.

Jetzt, so scheint es, geht es ans „Eingemachte“. Nicht um Objekte, die etwas symbolisieren. Nein, es geht um Meinungen. Einstellungen. Weltsichten. Deutlich wird, eine bestimmte Weltsicht ist nicht das Privileg irgend einer Schicht. Die Entzauberung der Eliten. Endlich, verdammt nochmal! Danke dafür.

Ich fürchte nur, die Karawane der Aufmerksamkeit zieht nach Suhrkamp. anstelle sich dem zu stellen, was wirklich ist.

Aufschrei

Sachsen will Schulstunden reduzieren, um dem Problem Lehrermangel Herr zu werden. Das Kultusministerium habe diese Pläne bestätigt, schreiben die Zeitungen. Nehmen wir also an, das stimmt.

Sport, Kunst, Musik, Fremdsprache. Es gibt zu wenig Lehrer, also reduziert man die als verzichtbar erscheinenden Schulstunden und bekommt damit wieder Ressourcen frei. Das klingt logisch. Ist es aber nicht. Es sei denn, die Sportlehrer haben als Zweitfach Mathe, die Kunstlehrer Deutsch und die Musiklehrer Bio oder so.  Es ist also keine wirkliche Lösung. Es ist eine Scheinlösung. Warum macht man dann sowas ?

Ich glaube nach 20 Jahren Kommunalpolitik von innen und außen und drunter und drüber und daneben irgendwie immer noch an das Gute im Menschen und an halbwegs kluge Entscheidungen.

Das Problem fehlender Lehrer ist nicht neu. Und es ist vielschichtig. Es hat seine Ursache darin, dass der Lehrerberuf keinen guten Ruf hat. Dass jeder Politiker sich hinstellen kann und behaupten zu wissen wie gute Schule richtig geht. Dass Eltern Helikopter spielen und meinen sie seien die eigentliche Schulleitung. Dass Schule gesellschaftliche Probleme lösen soll, die viel größer sind, systembedingt sind und Schule eher ein Teil des Problems als die Lösung. Die Ursache liegt darin, dass durch den gesellschaftlichen Wandel weniger Kinder geboren wurden und daraufhin Schulen geschlossen und Lehrerstellen gekürzt wurden und um die Besitzstände zu wahren – da haben die Gewerkschaften auch ihre Aktie dran – dem Nachwuchs keine Chance gelassen wurde. Man hat ihn verprellt und in alle Winde geschickt. Dresdens Uni wollte die Lehrerbildung loswerden, zumindest für einige Schularten.

Lehrer werden zu wollen, da muss man schon einen ziemliches Weltrettungsdings haben. Und wir haben es dem Markt überlassen. Der Mangel an den Ressourcen Schüler und zu vergebenden Studienplätzen. Man hat nicht um die Besten geworben, die Besten, die das Beste von uns, nämlich die Kinder, betreuen und lehren und bilden und erziehen. Scheiben aus Sand waren viel wichtiger. Jetzt haben wir den Salat und die sozialmarktwirtschaftlich sozialisierten Schüler entscheiden sich wie sich eine knappe Ressource eben entscheidet. Gehen in andere Bundesländer. Wollen nicht aufs Land wo sich Wolf und Hase Gute Nacht sagen. Wollen in die Stadt. Wer kann es ihnen verdenken?

Der Geburtenknick und viele andere Faktoren machen sich bemerkbar, die Gesellschaft altert und es fehlt Nachwuchs. Der zwar nachwächst, aber noch zu klein ist und der Gap wird immer größer. Es fehlt an der menschlichen Infrastruktur für das funktionieren einer Gesellschaft. Kranken- und AltenPflege. Erzieher. Lehrer. Polizei.  Dienstleister, die sich in den Dienst der Gesellschaft stellen. Die fehlen massiv und die Katze beisst sich hier in den Schwanz, denn:

Um mehr Erzieher auszubilden, braucht man Berufsschullehrer. Die muss man erstmal haben. Um Berufsschullehrer auszubilden, braucht man Studienplätze. Die muss man erstmal haben. Für Studienplätze braucht man Hochschullehrer. Die muss man erstmal haben. Für Hochschullehrer braucht man Studenten. Ehemalige Schüler. Die so gebildet sind, diese Berufe auch lernen zu – WOLLEN. Man kann dieses Spielchen mit vielen anderen Berufen weitertreiben. Fehlt das Huhn oder das Ei? Es fehlt die Ressource der Ressource der Ressource.

Beruf hat was mit Ruf zu tun. Warum sollte jemand Altenpfleger werden wollen? Krankenpflege? Polizist? Altruismus ist nicht marktkonform. Warum solche Berufe ergreifen, wirbt doch „die Wirtschaft“ so um Fachkräfte. Der Wirtschaft fehlen die Berufsschullehrer übrigens auch. Und die Ressource Mensch.

Und nun? Weniger Unterricht und größere Klassen? Vielleicht blüht das den Kindern und Lehrern und Schulen tatsächlich. Es ist sogar sehr wahrscheinlich. Wenn man vor der Entscheidung steht, kein Unterricht oder stattdessen größere Klassen.  Wenn es so ist, dass tatsächlich massiv Lehrer fehlen (die „Wahrheit“ wird ja auch nur unter der Hand kommuniziert) dann wird es wohl so kommen. Es wird die Elefantentränen geben, man wird „unter Schmerzen“ diese Entscheidung treffen. Die Schmerzen, die Politik immer mal so hat. Und dann wird es weiter gehen.

Mit Bildungspolitik gewinnt man keinen Blumentopf, Bildung ist nicht abrechenbar. Man kann sich entscheiden ob man Humanressourcen für ein Wirtschaftssystem heranzieht, dann sind auch die paar Stunden Musik und Kunst und Sport und vielleicht noch andere verzichtbare Fächer wie Geschichte und Ethik vernachlässigenswert. Oder man erkennt Bildung an als erstrebenswertes Gut. Und man erkennt an, dass Dienst an der Gesellschaft kein notwendiges Übel ist. Es ist eine Frage des Menschenbildes. Wie viel ist uns eigentlich der Mensch noch wert.

Nach 20 Jahren Kommunalpolitik und 20 Jahren Lernen habe ich zwar beinah jegliche Illusionen verloren. Aber der kleine Funken Glaube an das Gute flackert manchmal. Nehmen wir mal an,  Kultus- und der Finanzminister wissen sehr wohl, dass diese Stundenreduzierung keine wirkiche Lösung ist, wissen aber auch dass alle anderen wissen, dass diese Maßnahmen ein Jahr vor der Landtagswahl ein Scheiss-Bild abgeben, dass jeder denkt, das nächste sind dann größere Klassen und das ganze ist nichts anders als wenn sie sich hinstellten in ihre Ministerien und in den Landtag und brüllten: Nehmt das Problem verdammt noch mal ernst, denn es IST ernst. Der Mensch darf noch Illusionen haben, oder?