Wir wollen doch gar nicht alles wissen

was wir vorgeben wissen zu wollen…

Wieso ist das so? Oder wieso ist das immer wieder so? Eine oft gestellte Frage, sehr gern politisches oder das Handeln von Verwaltungen oder das – auch eine gern in Anspruch genommene Verallgemeinerung – von „denen da oben“ betreffend. Die da oben kommt übrigens auch immer auf die Sichtweise an.  „Die da oben“ gibt’s auch für die, die zu „denen da oben“ aus anderer Perspektive gehöre würden. Das schweift aber jetzt ab. Kommen wir später darauf zurück.

Also: warum ist das so? Nehmen wir uns en schönes weil häufiges Beispiel vor. Die öffentliche Hand baut und das wird immer viel teurer. Eine einfache Frage? Mitnichten. Es ist eine sehr komplexe Frage, genauer gesagt ein Fragenkomplex und es ist ziemlich lästig, diesen Komplex auseinanderzunehmen. Lästig auch deshalb, weil unangenehme Fragen dabei sind.  wir uns da stellen müssen.  Nächster Haken: wer stellt die Frage und mit welcher Intention? Nicht immer geht es bei Fragen um die Erweiterung der eigenen Erkenntnis. Manchmal sind Fragen auch Instrumente. Es kommt immer darauf an, wer was wann warum fragt.

Fangen wir aber einmal an, den Fragenkomplex, warum es immer so zu scheint, dass wenn die öffentlich Hand baut, es immer teurer wird, es immer gute Gründe und viele Erklärungen aber nie eine wirkliche (!) Antwort gibt, eine Antwort im Sinne der Vermeidung dieser Phänomene. Darum geht es ja eigentlich Oder?

Fange wir also einmal an, den Fragenkomplex auseinanderzunehmen dergestalt, dass Antworten gegeben werden könnten um diese dann als – nennen wirs mal Handlungsempfehlungen oder Achtungszeichen oder Marker zu nehmen um beim nächsten Mal es besser zu machen und daraus zu lernen. Das ist nämlich ein Dilemma – geht es denn darum aus einer weniger gut gelaufenen Sache darum, daraus zu lernen oder geht es darum jemanden zu finden, der einfach mal schuldig ist? (Vorsicht: Es gibt durchaus auch Fehler oder Fehlentwicklungen verursachendes, mindestens aber beförderndes Verhalten. Die Betreffenden aber empfinden das meist nicht so und fühlen sich zu unrecht kritisiert, hinterfragt und wehren sich mit dem Wechsel in eine Art Opferrolle. )

Um mit dem Auseinandernehmen des Fragenkomplexes zu beginnen, legen wir also los: Wer ist die öffentliche Hand, was baut sie da, wann, für wen und warum genau  und wer hat es entschieden und was wurde wann von wem entschieden und was wird überhaupt teurer und im Vergleich zu was?  Man wird sehen, so einfach ist das alles nicht, vor allem ist es nicht so einfach wie es gern dargestellt wird.  Um es vorab zu nehmen, Mehrkosten bei Bauvorhaben durch die öffentliche Hand sind weder gottgegeben noch ein unvermeidbares Übel unserer Zeit.

Wenn „die öffentliche Hand“ irgendetwas tut, dann tut sie es nicht aus Spaß an der Freude, sondern weil dafür ein „öffentliches Interesse“ besteht. Und nun kommt es darauf an, wer das ist, die „Öffentlichkeit“. Manchmal sind es nämlich Teilöffentlichkeiten und je nachdem wer das gerade ist und wie die politische Wichtung dieser Teilöffentlichkeiten aussieht, sind die Schwierigkeitsgrade, die entsprechenden Entscheidungen herbeizuführen, die nötig sind, damit überhaupt gebaut wird, unterschiedlich. Apropos Interessenslagen: Die Bösen sind grundsätzlich und immer die Finanzer – und zwar in Verwaltung UND Politik. Eigentlich könnten sie dazu eine Solidargemeinschaft gründen, das sind die, die immer nein sagen. Weil – und das wissen sie ganz genau, man jeden Euro nur einmal ausgeben kann, die Verteilungskämpfe aber manchmal recht heftig geführt werden und jeder irgendwie den Eindruck hat, öffentliche Kassen seien ein Fass ohne Boden was einen unerschöpflichen Geldfluss gewährleistet. Und dieser Eindruck oder diese Haltung findet sich eben auch bei denjenigen wieder, die mit öffentlichen  Bauprojekten zu tun haben oder betraut sind. Ist leider ne Tatsache. Da muss der Bauherr (also die Kommune oder das Land oder der Bund, wer auch immer baut) eben nochmal Geld in die Hand nehmen (auch wenn die eigentlich geplante Summe schon weit überschritten ist). Manchmal ist die Selbstverständlichkeit, mit der gefordert wird, das Geld müsse dann einfach da sein, erschreckend.

Es bleibt festzuhalten, einerseits entsteht der Eindruck unerschöpflicher und immerwährend sprudelnder Kassen, andererseits ist nie genug Geld da für (Schulen, Kitas, Fusswege, Spielplätze, Parkbänke und und und) und wenn es ausgegeben wird, wird’s immer teurer. Ein Dilemma. Man könnte nun beginnen das Thema Finanzen und Geldverteilung. Man könnte im Grunde viel viel mehr Fragen stellen was den Umgang mit öffentlichen Geldern angeht. Aber das ist so ein bisschen wie Mond anbellen und nein – daran werden auch Wahlentscheidungen nichts ändern.

Öffentliche Bauprojekte, Schulen, Kitas, Straßen, Brücken, Paläste und andere Werke haben einen Zweck. Einen ganz konkreten, die Nutzung betreffenden. Sie haben aber auch eine Wirkung. Gibt es sie, gibt es sie ausreichend und in gutem Zustand, sind sie ein Symbol für den Wohlstand einer Gemeinde, einer Stadt, einer Kommune, eines Bundeslandes. Nicht erst seit heute, waren sie schon immer – nehmen wir nur mal die alten Ägypter. Kleinere Pyramiden hättens auch getan.

Wenn etwas wichtig ist und von guter Qualität – dann wird es teuer, muss es teuer sein. Viel Geld, hoher Preis = das ist etwas Besonderes, das MUSS einfach gut sein. Stimmt überhaupt nicht, aber so sind wir Menschen nun (manchmal). Und es ist ja auch nicht falsch – Geiz ist Geil ist manchmal schlicht und ergreifend Ausbeutung. Der Preis einer Sache gibt nicht den Wert einer Sache wieder. Eine Binsenweisheit, aber gar nicht so einfach. Der Preis wird aber – um auf das Thema öffentliche Gelder zurückzukommen, gar nicht immer hinterfragt. Im Gegenteil.  Wer nach den Kosten fragt, macht sich erst mal immer irgendwo bei irgendwem unbeliebt. Die Frage ist, bei wem und wie groß ist die Unterstützung, dennoch eine kritische Haltung beizubehalten.  Ein erster Ansatz übrigens.

Bei Bauprojekten reden immer viele Menschen, insbesondere Fachleute mit. Und nicht immer sind es die Nutzer mit ihren (verständlichen) Wünschen. Wer sich ein Haus baut oder gebaut bekommt, vielleicht auch eine ganze Weile darauf warten musste, möchte es schön und gut. Was darunter zu verstehen ist, das ist höchst unterschiedlich. Man kann zum Beispiel trefflich über Schulen philosophieren. Oder über Kulturhäuser und der gleichen. Es reden aber nicht nur die Nutzer mit, ein paar andere Leute auch. Stadtentwickler, Architekten, Denkmalschützer und so weiter. Kann man nicht hier noch und kann man nicht da noch und so wäre es doch besser. Abgesehen von den Themen die ohnehin immer aufploppen, da hat mal eine Firma ein sehr niedriges Gebot abgegeben, man freut sich, die Prognose sieht gut aus, denkt, fein, da kann man dort ein bisschen mehr und am Ende stimmte dieses niedrige Gebot nicht und der Kostenplan knallt auseinander.

Nun, an irgend einer Stelle hatte ich mal was dazu geschrieben, wie gesichert Baukostenprognosen sind, die die Grundlage für Entscheidungen liefern. Und oft genug sind sie nicht so sicher wie man das gern hätte oder hinterher vorgibt es gern gehabt hätten zu wollen. Aber – das ist eben NICHT der einzige Grund, auch nicht die Hauptursache, auch wenn das gern behauptet wird. Natürlich sind Baukosten oder Kostenprognosen IMMER ein politisches Instrument. Aber im Laufe eines Planungs- und Baufortschritts werden Kostenplanungen immer konkreter und es gibt erst sehr spät diesen Point of no return. Jetzt können wir nicht mehr anders oder nicht mehr zurück, das ist tatsächlich kurz vorm Ende. Aber wer sagt, dass etwas zu entscheiden ist, wer entscheidet dann? Es bleibt kompliziert. Viele Beteiligte. Viele Interessenslagen, die alle ihre Berechtigung haben und die zu bedienen sind. Viele Menschen, die lieber ja als nein sagen. Und dann nützen alle Kontrollinstrumente nichts, wenn sie nicht genutzt werden von denen, die die Verantwortung dafür tragen. Projektsteuerung erfordert aber genau das. So wie Ursachenforschung nach Verantwortungen fragen muss, ohne dass es eine Bauernopfersuche ist. Anders geht es nicht, anders bleibt es beim Schema F. Mehrkosten – Aufschrei -Bau fertig – alle freuen sich – Alles gut. Bis zum nächsten Mal.

 

Experten in der Zeitung

„Den Eltern wird eingeredet , dass für ihr Kind auf der Oberschule nicht mehr alle Lebenschancen offen sind . Das ist eine Fehleinschätzung . Dieses Land lebt von Facharbeitern . Der Bedarf wächst auch mit dem wachsenden Dienstleistungsbereich . Ein Oberschulabschluss ist nichts , womit man gesellschaftlich absteigt . Es bleiben alle Wege offen , auch der Übergang zur Universität.“

Dieses Zitat aus einem Interview mit einer Stadträtin ist ein solches Sammelsurium an Unfug, der sich auch noch widerspricht und deshalb auseinandergenommen gehört. Im betreffenden Artikel steht davon noch mehr, aber ich belasse es erstmal dabei.

Lebenschancen

Es geht los mit „den Eltern wird eingeredet“. Warum das Passiv? Wer redet den Eltern ein und warum und sind Eltern so dämlich, dass sie sich überhaupt etwas einreden lassen würden? Und vor allem, warum sollte irgendwer den Eltern einreden (was ja in diesem Artikel etwas schlechtes zu sein scheint) dass das Beste fürs Kind nun einmal das Gymnasium ist. Reaktionäre Versuche der Volksbeeinflussung? Ganz bestimmt und morgen kommt der Weihnachtsmann, sagte mir gerade der Osterhase. Es wird also den Eltern eingeredet, an der Oberschule stünden den Kindern nicht mehr alle Lebenschancen offen. Liebe Expertin, keinem! Menschen! stehen jemals alle Lebenschancen offen. Leider ist Ullrich Beck verstorben und kann darauf nicht mehr antworten, so empfehle ich die Kenntnisse der Individualisierungsthese von Herrn Beck wieder aufzufrischen. Sollte man als Experte der Bildung ab und an.

Für Nichtexperten ganz verkürzt: Individualisierung ist die Herauslösung der Biographie des Einzelnen aus den früher sehr bestimmtenden sozialen Strukturen. Man blieb wo man geboren war, erlernte den Beruf des Vaters. Mobilität gab es früher eher selten, nicht lokal und nicht sozial. Heute kann theoretisch jeder (fast ) überall hin, auch sozial sind Aufstiege und Abstiege möglich, die so früher fast ausgeschlossen waren. Das ist etwas gutes. Klingt super, Jedem stehen alle Lebenschancen offen. Der Mensch ist der Gestalter seiner eigenen Biografie.

Ganz langsam lesen. Der Mensch. ist Gestalter. seiner eigenen Biografie. Das Aber dabei: er trägt damit aber auch alle Risiken. Das heißt, wer es nicht schafft, seine Lebenschancen zu nutzen, ist selbst schuld. Was heißt überhaupt Lebenschancen nutzen? Was versteht die Gesellschaft darunter, die Gesellschaft, die wachstumsgeprägt ist, in der das Mehr, das Wachsen, der Aufstieg zählt? Ein ziemlicher Druck also, oder?  Lebenschancen nutzen. Nichts anderes tun Eltern, die ihr Kind aufs Gymnasium schicken.  Kommen wir nochmal zum Vorwurf des Einredens, gegen wen auch immer er gerichtet ist. Ein Eigentor, so scheint es, dreht sich in der Bildungspolitik immer alles um Bildung als Schlüssel zur Zukunft, zu sozialem Aufstieg, zu Lebenschancen. Und dreht es sich doch immer irgendwie darum, dass alle Kinder barrierefrei aufs Gymnasium gehen können dürfen sollen. Kampf um Zugang zur Mittel- oder besser gesagt Oberschule? Wenn das Gymnasium denn doch nicht der richtige Weg ist? Fehlanzeige.

Bleiben wir aber einmal bei den Lebenschancen. Zwar kann die theoretisch jeder nutzen, aber ihre Anzahl hat sich nicht erhöht. Genauer gesagt die Türen zum Aufstieg sind nicht mehr geworden oder anders ausgedrückt: die Relationen sozialer Ungleicheit sind gleich geblieben. Nennt man auch Fahrstuhleffekt. Insgesamt sind die Lebensbedingungen verbessert, aber die Ungleichheiten sind noch immer da, nur einige Ebenen höher.

Jedem stehen alle Lebenschancen offen. Und damit steht jeder mit jedem um diese Lebenschancen – eben weil sie begrenzt sind, im Wettbewerb. Wer es nicht schafft, hat seine Chancen nicht genutzt. Zynismus? Ja. Natürlich.

Dieses Land lebt von …

Wir nähern uns der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Dieses Land lebt von Facharbeitern und braucht Dienstleister. Es kann nicht nur Wissenschaftler, Führungskräfte und Spitzenpolitiker geben. Welch eine Binsenweisheit. Im Übrigen ist dies auch die Ursache dafür, dass die Lebenschancen (was auch immer man darunter versteht) nicht unendlich sind sondern begrenzt. Eine differenzierte Gesellschaft braucht tatsächlich Dienstleister, Facharbeiter und Wissenschaftler. Letztere aber nicht in der Überzahl. Ist so. Und Schule hat die wichtige und leidige Funktion der Zuteilung. Oder Allokation. Ein ziemlich blöder Job. Denn gleichzeitig soll Schule ja helfen, Lebenschancen zu eröffnen und zu nutzen. Blöd dabei ist natürlich, wenn das Land zwar von Facharbeitern lebt und Dienstleister braucht, diese aber kaum oder nur eingeschränkt davon leben können.  Ein Wunder ist es nicht dass Eltern versuchen ihr Kind möglichst aufs Gymnasium zu schicken.  Und jeder Versuch, die Mittel- oder Oberschule aufzuwerten, war bisher doch nur halbherzig und unglaubwürdig.

Es bleiben alle Wege offen

auch der zur Universität. Warum denn das auf einmal? Kommt man mit dem Oberschulabschluss doch nicht so weit? Ist der Weg zur Uni also doch der Beste? Und nicht der Facharbeiterabschluss und dann auch die Ausübung des Berufes, den Deutschland zum leben braucht, oder ein Berufsleben als Dienstleister.

Zu guter Letzt noch die Frage des Abstiegs. Ganz sicher ist die Oberschule kein sozialer Abstieg. Nur wenn man die Einrichtung eines Gymnasiums in einem Stadtteil, der mit sozialem Abstieg gleich gesetzt wird, fordert und argumentiert, dass durch die Einrichtung des Gymnasiums sich in diesem Stadtteil irgend etwas verbessert, hat ein Problem mit der Logik.

Mir scheint, das ist ein typisches Politwahlkampfsprechzitat. Und darüber rege ich mich auf. Immer noch.

 

Tausend

waren es nicht, die Hälfte aber dürfte es schon gewesen sein, 264 (hieß es bei der Probe) Chorsänger plus Kinderchor und ein Orchester, dessen Besetzung alles Normale übersteigt.

Beeindruckend und ungewohnt, ein Saisonauftakt der Superlative, so wäre eine passende Umschreibung. Ich bin gespannt auf die Rezensionen. Dem Publikum muss es wohl ähnlich gegangen sein, war doch Reaktion auf und Umgang mit der Aufführung etwas anders als sonst. So war der spontane Beifallsversuch nach dem ersten Teil irgendwie niedlich und schön, ein älterer Herr in der vorderen Reihe im Parkett war wohl so begeistert, dass er vergass, man klatscht nicht während einer Sinfonie. Erst am Ende. Und am Ende lässt man sich auch etwas Zeit. So viel Zeit, dass wieder Stille eingezogen, der letzte Ton tatsächlich entschwunden ist. Diese besonderen Momente, sie sind vielleicht gar nicht unbedingt für das Publikum gedacht. Auf der Bühne braucht man sie. Zum – wie drückte es eine Chorkollegin so schön beim „Absacker“ aus – wieder auf dem Boden landen. Jeder Musiker, egal ob Stimme oder Instrument – steht unter einer wahnsinnigen Anspannung, die mit dem Schlusszeichen des Dirigenten noch nicht vorbei ist. Der danach folgende Moment lässt sich schwer beschreiben, sicher empfindet ihn auch jeder anders. Eine Starre, ein Luftanhalten, Nachhören. Man steckt noch drin in der Musik. Und erst dann holt man wieder Luft, sammelt sich und die Anspannung fällt ab. Beginnt der Applaus vorher, geht dieser Moment kaputt. So schön Applaus ist, er kann wirken wie ein kalter Wasserguss am morgen.Applaus kann gut tun. Muss es aber nicht. Zu langer Applaus ist ähnlich eines Zuviel an Lob, bei dem man nicht weiß, wie viel „wirkliches“ steckt in der Überschwänglichkeit. Das Klatschen des alten Herrn in der Mitte hätte mir gereicht. Und am Ende – einen Moment der Ruhe, der Stille, der Andacht und dann verlassen alle gemeinsam leise den Saal. So hätte für mich ein würdiges Ende dieser Aufführung ausgesehen. Beifall muss nicht immer laut und groß sein. Manches muss wohl auch in Zukunft ertragen werden. Wie auch diejenigen Menschen im Parkett oder anderswo sitzen zu sehen, die kommen, nicht um zu hören, sondern um gesehen zu werden. Vor allem beim anschließenden Empfang. Man trifft diese Spezies öfter, daher weiß man das auch. Lässt sich leider nicht vermeiden, man muss sie ertragen. Es ist eben auch Schaulaufen.

Teil so vieler Mitwirkender zu sein, zu erleben, welche Wucht damit entfacht wird, beeindruckt. Es mit Sicherheit auch gut, wenn Profichöre diesen Saal erleben und eine Erfahrung machen, die eine Wiederkehr wahrscheinlich macht. Braucht der Saal doch trotz seiner Qualitäten auch die Gäste, die ihn nutzen für den Zweck, für den er gebaut wurde. Große Orchester, große Chöre (groß meint hier nicht die Anzahl.) Und dennoch: für mich war es fast zu viel des Guten. Zugegeben:  Ich singe manchmal lieber laut. Ein Patri mit drei F und die Chancen stehen gut, dass vieles, was sich auf der Seele angesammelt hat, mal rausfliegt. Singen ist Seelenreinigung. Aber es sind vor allem die leisen Töne, die für die Schönheit verantwortlich sind. Die waren uns leider diesmal nicht in Gänze vergönnt. Es ist in Ordnung, wir sind semiprofessionell, wie unsere Kulturbürgermeisterin zum Jubiläum sagte. Trotz der Tatsache, dass wir erst dann anfangen zu proben, wenn wir alle schon einen Arbeitstag hinter uns haben und erst dann anfangen zu singen, wenn es Zeit wäre, sich Ruhe zu gönnen, kriegen wir solche Werke hin.  Schön – es war schön zu singen, die Masse aber und die Wucht hat leider vieles Hörenswerte verschwinden lassen. Wie manchmal sonst auch im Leben. Ich glaube, den meisten Applaus hat der Kinderchor verdient.  Es ist wie immer im Leben: ein fertiges Werk zeigt nie die Anstrengung, die dazu nötig war. So soll es auch sein, aber es ist dennoch gut es zu wissen.

Vielleicht ist uns ja morgen abend der Moment der Stille nach dem letzten Ton vergönnt.

Intoleranz hat viele Gesichter

so die These. Intoleranz, so sagt Wikipedia, ist die  Unduldsamkeit gegenüber einer anderen Meinung, Haltung oder Ähnliches. Tolerare – lateinisch – heißt aushalten. ertragen. Nicht zu verwechseln mit „tollere“ was emporheben, aber auch sich erheben heißt. Eine Verbindung gibt es wohl doch. Der Intolerante erhebt sich (meist) über andere Meinungen, Haltungen oder ähnliches.

Toleranz. Ein Begriff, der so oft verwendet wird im Zusammenhang mit Forderungen. Jedoch verwundert, dass gerade die Menschen, die Toleranz von anderen fordern, es mit der eigenen Toleranz nicht so genau nehmen. Aktuelles Beispiel ist ein Stadtfest. Ein Stadtfest größeren Ausmaßes. Stadtfeste haben immer irgendwie viel mit Essen, Trinken, Feiern und Musik zu tun. Und wie immer im Leben trifft nicht alles jedermanns – oder jedermenschs Geschmack. Feste feiern (nicht feste feiern) sind Rituale mit einer sehr langen Geschichte. Es liegt in der Natur der Sache eines Festes, dass eine gewisse Ausgelassenheit, Freude, Begeisterung herrscht, dass man  sich in gewisser Weise außerhalb der normalen alltäglichen gesellschaftlichen Konventionen verhält und dass so genannte ernste Tätigkeiten eben ruhen.

Man kann über die Art des Feierns geteilter Meinung sein. Gesoffen wurde aber schon immer und ob heute oder vor 200 Jahren. Gehört zu unserer Kultur, ob man es gut findet, verbieten möchte (was aussichtslos ist) oder nicht. Man muss ein Fest nicht (mehr) besuchen, wenn man nicht möchte. Man kann aber sehr wohl einfach mal die Klappe halten und Menschen, die das möchten, ihre Freude daran lassen. Ohne einer ganzen Stadt Verblödung zu unterstellen. Ohne mit Verachtung herabzublicken. Ohne zu verurteilen, dass die Konzertbesucher auf dem Theaterplatz keine Anti-Demonstranten sind. Ohne zu behaupten dass sie ja sonst Montags der AFD und Pegida hinterherrennen. Stichwort Vorurteile.

Toleranz. Die fehlt tatsächlich.

 

Quereinsteiger- Update zu heute auf fb

Es besteht wohl kein Zweifel, dass der Lehrermangel ein Mangel ist, der seine Ursachen hat und das macht manche Lesart, die Quereinsteiger wären ein Gewinn für Schule per se oder erhöhten die Vielfalt, so absurd. Baye lässt grüssen. Der Grundstein für das Problem ist schon vor vielen Jahren gelegt worden, es war absehbar und die Warnungen waren laut genug. Ich würde ein wenig mehr Demut und Erkenntnis der eigenen Verantwortung und vor allem ein Handeln empfehlen was tatsächlich das Problem angeht. Das heißt:
1. die Reputation des Lehrerberufs und der Lehrer nicht weiter untergraben
2. für genügend Ausbildungsmöglichkeiten sorgen und zwar auf eine Weise, dass a) bedarfsgerecht b) geeignete junge Menschen diesen Beruf erlernen können, wollen und wollen können und
3. mit wertschätzdender Kommunikation und wertschätzendem Handeln dafür sorgen, dass diese jungen Menschen sich nicht gewzungen fühlen, Sachsen zu verlassen.

Tragen die Quereinsteiger zur Entwertung des Lehrerberufs bei? Zuträglich ist die Debatte jedenfalls nicht. Wobei ich hier anmerken muss, dass ich mich angesichts mancher Diskussion über Schulen und Lernen und Lehren schon frage, ob diese Entwertung  nicht schon längst passiert. Auf anderen Bühnen. Wenn staatliche Schulen als verkrustet, rückständig, nicht veränderungsfähig, nicht innovativ hingestellt werden – und die Lehrer gleich mit. Aber das ist ein anderes Thema. Richtig ist, dass nicht jeder mit einem abgeschlossenen Lehramtsstudium ein guter Lehrer ist. Aber das ist immer so. Kein Abschluss ist eine Garantie. Das macht eine Ausbildung aber nicht obsolet.
Eines sieht man aber an der Quereinsteiger-Debatte und schon am Ansatz, darin eine Lösung zu sehen, dass der Wert und die Wichtigkeit der Lehrerausbildung in Frage gestellt sind. Wer würde Quereinsteiger in medizinischen Berufen zulassen? Ohne richtige Ausbildung (ab gesehen von Heilpraktikergesetz, das gibts ja auch noch). Oder im Handwerk? …

 

Heute auf fb

stolperte ich über den Link auf einen Beitrag des ZDF. Zum Thema Quereinsteiger im Lehrerberuf. Offenbar wurde da auf die möglichen Vorteile eingegangen, die diese Neulehrer(!) mit sich bringen. Und Vorteile haben Quereinsteiger zweifellos, absurd und hanebüchen ist es, ihnen grundsätzlich Inkompetenz zu unterstellen oder den Niedergang des Bildungswesens durch die Quereinsteiger zu prognostizieren. Fürs Elternsein gibts auch keine Ausbildung, Eltern wissen aber immer ganz genau und viel besser was gute Schule, guter Unterricht ist, ohne Pädagogikstudium. An der Stelle muss erwähnt werden, Lehrer als Eltern sind auch nicht einfach.

Aber: worüber ich mich aber aufrege: dass sich Menschen, die die Verantwortung dafür tragen, dass es überhaupt Quereinsteiger geben muss, dass jahrelang offenen Auges die bildungspolitische Vernunft in den Wind geschlagen wurde, man lieber einen Minister abservierte als zur Kenntnis zu nehmen dass er vielleicht Recht haben könnte, viel versprach als die neue Ministerin ihr Amt antrat, nun die Vielfalt loben, die Quereinsteiger an die Schulen bringen sollen. Dies vielleicht noch als genauso und schon immer so gewollt und beabsichtigt verkaufen. Mit Verlaub, so schafft man Politikverdrossenheit. Schön reden hat noch nie funktioniert. Vorsicht insbesondere wenn man dies bei Bildungsthemen tut. Da könnt es sein, die Menschen merken das.

Allerdings ist dies hier kein Statement zu einer bestimmten Partei. Die Verantwortung verteilt sich auf ein paar mehr Menschen. Wird nur im Wahlkampf gerne vergessen.

Polittheater.

Das Polittheater hat so seine Erfordernisse. Da geht es in erster Linie um Macht. Nicht um Inhalte. Erst die Macht, dann der Rest. Es geht um Wählerstimmen. Um Öffentlichkeit. Und manchmal (vielleicht auch mit zunehmender Tendenz) spielt Politik Theater für sich selbst.  Anders lässt sich manches nicht mehr erklären.

Thema Öffentlichkeit. Öffentliche Meinung. Gefühlt ist es das, was in den Medien als Meinung, als Tagesordnung, als wichtige Themen dargestellt wird. Ob es das ist, darüber ist man sich gar nicht mehr so sicher in der Wissenschaft und diese Zweifel sind berechtigt. Dazu aber später mal.

Heute geht es um Pressemitteilungen. Instrument der Öffentlichkeitsarbeit. In manchem Lehrbuch steht noch was von Informationen, die mittels Pressemitteilungen kommuniziert werden sollen. Welch Euphemismus. In Dresden wurde kürzlich der Entwurf des Schulnetzplanes der Presse vorgestellt. Darauf folgte eine Pressemitteilung dreier Fraktionen, für die ich mich als Bildungspolitikerin in Grund und Boden geschämt hätte. Ich möchte diese Pressemitteilung hier nicht in Gänze auseinandernehmen, es reicht ein Punkt, auf den ich die geschätzte Aufmerksamkeit empfehle zu lenken. Und kommentiere nicht, sondern lasse frühere Zitate für sich selber sprechen.

Also da wäre das Zitat aus besagter Pressemitteilung vom 9. August 2017:  “Die Vernachlässigung der Oberschulen ist ein Irrweg. Wer Eltern erzählt, ihre Kinder haben keine Berufschancen, wenn sie auf die Oberschule gehen, wer nur noch Gymnasien baut, erntet nur Gymnasialanmeldungen. Das ist eine selbsterfüllende Prophezeiung. Aber dieses Land lebt auf den Schultern seiner Facharbeiterinnen und Facharbeiter mit solider schulischer oder dualer Berufsausbildung.” In Gänze: http://www.gruene-fraktion-dresden.de/fast-ein-jahr-nach-dem-referentenentwurf-und-einem-schulbuergermeisterwechsel-liegt-der-neue-schulnetzplan-vor-und-ist-kaum-wieder-zu-erkennen/

Neue Töne, neue Töne. Wer Gymnasien baut, erntet Gymnasialanmeldungen? Wer Gymnasien baut (und fordert), vernachlässigt also die Oberschulen. Nun gut. Dazu ein Zitat aus einer Pressemitteilung, 8. Januar 2016:  „Prohlis-Süd ist laut 2. Dresdner Bildungsbericht von 2012 ein Entwicklungsraum 1, d.h. ein Stadtteil mit sehr starker sozialer Belastung und sogar, verglichen mit 2009 einer Entwicklung stark unter dem städtischen Durchschnitt. Der Stadtteil Niedersedlitz, wo sich die Windmühlenstraße befindet, dagegen gehört stabil zum Entwicklungsraum 4 mit geringer sozialer Belastung. Deshalb kämpfen wir für den gymnasialen Schulstandort in Prohlis-Süd als Entwicklungsperspektive für den Stadtteil …“ http://www.spd-dresden.de/gymnasium-prohlis-muss-schnellstmoeglich-kommen/

Und am 15.12.2015 wurde verlautbart:  „Es sind vor allem soziale Gründe, die für eine dauerhafte Errichtung von Gymnasien in benachteiligten Stadtteilen wie Gorbitz sprechen … (weiter: http://www.spd-dresden-west.de/meldungen/gymnasium-gorbitz-ist-meilenstein-fuer-eltern-und-schueler-im-dresdner-westen/)

Wer nur noch Gymnasien baut generiert Gymnasialempfehlungen? Nein, das Problem liegt woanders. Bildung ist ein Kapital. Bildungsabschlüsse sind Zugangsschlüssel. Zugangsschlüssel zum Arbeitsmarkt. Bildungsabschlüsse entscheiden über Lebenschancen. Das Eltern versuchen, für ihr Kind (meistens jedenfalls) den Weg zum höchstmöglichen Schulabschluss frei zu machen, ist völlig normal. Schließlich kämpften ja gerade diejenigen, die sich jetzt über den (angeblich überdimensionierten) Bau von Gymnasien aufregen, darum, dass Eltern entscheiden. Und nicht die Bildungsempfehlung.

Polittheater. Nur ein Beispiel.

 

 

 

Kürzlich beim Bäcker

Einem Feinbäcker. Nach einer Hauptstadt benannt. Also genaugenommen in der Altmarktgalerie beim Wiener Feinbäcker. Vor mir ein interessant ausschauendes Pärchen. Nicht mehr ganz jung, noch nicht ganz alt. Sie: Sind die Brötchen vegan? Ja, die sind vegan, so die Antwort der Verkäuferin. In Klammern: In aller Regel bestehen ganz einfache normale Brötchen aus Wasser, Mehl und Salz und Hefe. Hefen gehören – weiß jedes Kind – zu den Pilzen. Nix tierisches. Die Frage hätte sich also erübrigt, sie erübrigt sich auch bei Milchbrötchen. Logischerweise. Aber mit Logik hatten es die beiden nicht so, denn die Fragerei ob die Brötchen vegan seien oder nicht, ging weiter. Körnerbrötchen. Gleicher Teig nur eben mit Körnern. Die Verkäuferin leicht genervt (es war auch kurz nach acht am abend). Das Beste aber war die Frage, ob die Mürbeteigkekse vegan seien. MÜRBETEIGkekse. Ich dachte mich verhört zu haben, aber: Nein. Mürbeteig. Ein Mürbeteig besteht aus Mehl, Zucker, Ei, Butter. Nicht vegan. Ganz bestimmt nicht. Wie verblödet sind wir heute eigentlich?

Ich lebe vegan. Weitestgehend jedenfalls.  Nicht aus Überzeugung. Sondern einfach weil ich Grünzeug am liebsten esse. Und irgendwann mal angefangen habe, Fleisch, Butter, Wurst wegzulassen. Hat sich so ergeben und ich betrachte die passionierten Grillfans mit der gleichen Belustigung wie sie mich. Liebe Mitmenschen, nehmt doch bitte alles nicht so ernst. Muss man denn aus allem eine Religion (oder wahlweise Ideologie) machen? Die teilweise wirklich absurd wird. Keine Leberwurst, aber eine Pampe aus massenweise Öl, gemahlenen Erdnüssen, Salz und Mehl. Soll das gesund sein? Wir regen uns auf über Analogkäse und nun boomt der Veggiekäse. Das ist mit Verlaub ziemlich bekloppt. Umweltfreundlich? Der Veganer, der im Winter importierte Erdbeeren und neuseeländische Äpfel konsumiert, tut der Umwelt keinen Gefallen. Auch nicht mit dem Kauf von mehrfach in Plastik eingeschweisster Veggie-Wurst. Tötet kein Schwein, erstickt aber einen Fisch. Nachfragen ob Nahrungsmittel vegan sind und keine Ahnung über die Basics haben kann es nicht sein. Ist aber vielleicht genau unser Problem,. Vielleicht wäre es anzuraten, sich mal wieder damit zu befassen, was wir essen und trinken. Ideologiefrei.

Guten Appetit!

Widersprüche oder Zusammenhänge

Kürzlich gesehen in einem Ostseebad. Ein Urlaubsort, in dem zumindest in der Hochsaison Bäcker gut zu tun haben. Und ich meine nicht nur die Handwerksbäcker (die selten genug sind). Eine Bäckereifiliale muss schließen, weil man keine Verkäuferin fand. Nachwuchsmangel, Fachkräftemangel? Der Ruf tönt schon eine ganze Weile seit geraumer Zeit. Mich hätte ja interessiert, was der Arbeitsplatz den für Konditionen beinhaltete. Mindestlohn und 20 Stunden die Woche? Oder eine geringfügige Beschäftigung? Der Arbeitsplatz ist das eine. Den Lebensunterhalt davon bestreiten zu können UND davon leben (!) zu können ist das andere. Wir reden da natürlich über den Lohn. Wir reden aber auch über die Rahmenbedingungen am Lebensort. Wenn dieser eine Tourismushochburg ist, mögen die Bedingungen für Touristen sicher ideal sein. Für Einwohner sind sie es nicht immer. Wenn nur hochwertige und exklusive Ferienwohnungen gebaut werden, wenn  Einkaufsmöglichkeiten hauptsächlich tourismusorientiert sind, wenn am Lebensort kein Platz mehr ist. Nicht umsonst beginnen viele Regionen, über einen sanfteren Tourismus nachzudenken. Barcelona, Venedig, Alpendörfer. Zurück zum Bäcker. Mindestlohn, Arbeitszeit von 4:30 – 12:00 und ein weiter Arbeitsweg mit dem Bus. Wer greift da gerne zu?

Szenenwechsel.

Presseartikel über fehlenden Nachwuchs in Ausbildungsberufen, die im Dienstleistungssektor oder im Handwerk angesiedelt sind. Für die man nicht unbedingt ein Studium braucht. Deren Verdienstobergrenzen schnell erreicht sind. Schnell kommt der Ruf aus der Politik, da müssten sich die Arbeitgeber etwas einfallen lassen. Solche Rufe kommen gern und schnell aus der Politik, sind nur sinnfrei, weil Fordern eine der leichtesten Übungen ist, so man sich um das Umsetzen der Forderungen keine Platte machen muss.

Politik. Schönes Stichwort. Bildungspolitik. Noch besser. Was ist den heute ein guter Bildungspolitiker. Als guter Bildungspolitiker verspricht man Chancengleichheit. Förderung für alle. Jeder kann gewissermaßen alles erreichen und mit einem entsprechenden Bildungssystem ist das auch möglich. Nun ist aber eine Gesellschaft ein ziemlich komplexes Ding. Stellen wir uns mal vor, alle würden studieren wollen, Informatiker werden. Oder Biologe. Oder Geschäftsführer. Wer stellt dann die Gerätschaften für die Labore her? Führt den Kalender des Geschäftsführers (und regelt seine sonstigen Angelegenheiten, ohne Assistenten sind Geschäftsführer meistens recht hilflos)? Wer putzt Labore und Schreibtische? Auch diese Aufgaben gibt es in einer Gesellschaft und wir sind darauf angewiesen, dass „jemand“ diese erfüllt. Besonders die, die keiner sieht (Putzen, Reparieren, anderen den Dreck wegräumen, pflegen, helfen) oder die, die man richtig sieht (Haarpracht, ordentliche Dächer). Leider leider haben Schulen eine Allokationsfunktion. Darunter versteht man die „Chancenzuteilungsfunktion“. Eine ziemlich miese Rolle. Sie muss die unangenehme Aufgabe erledigen, die unrealistischen Bilder, die Bildungspolitik malt, zu entzaubern. Was ist nun schlimm daran, wenn jemand nicht studiert und mit Herzblut Friseur, Bäcker, Fleischer, Reinigungskraft, Hotelfachfrau wird? Erst Mal nichts. Das Tragische ist, dass wir diese Berufe brauchen, das Renommee oder Prestige aber ein ziemlich mieses ist. Das fängt bei der Bezahlung an. Was ist Arbeit wert? Dazu zählt im Übrigen auch geistige Arbeit. Vergessen wir gerne mal. Es geht aber nicht immer nur ums Geld. Mir sagte mal eine Projektleiterin einer Baufirma : “ Wir Projektleiter sind es doch, die die Aufträge akquirieren, die den Bestand des Unternehmens sichern, das Geld verdienen.“ Die Projektmitarbeiter, Assistenten, Sekretäre, Hausmeister und so weiter also nicht. Der Witz bei dieser Aussage war zudem, es handelt sich um eine städtische GmbH. Nun gut. Wertschätzung? In selbiger Firma berichtete mir ein Hausmeister, es gäbe Kollegen höherer Hierarchiestufen, die würden nie zuerst grüßen. Wertschätzung! Kleinigkeiten im Alltag, Großigkeiten auf gesellschaftlicher Ebene. Wer verübelt es Jugendlichen, wenn  sie den Versprechungen folgen und den Bildern, die unsere auf Perfektion ausgerichtete Gesellschaft malt? Zum Job geht man frisch frisiert mit gebügeltem Hemd, morgens im Sonnenschein nach ausgiebigem Frühstück ins Büro. Hat studiert, ist Führungskraft. Oder wenigstens Fachkraft.  Die Jugendlichen zu verurteilen, ihnen mangelnden Leistungswillen zu unterstellen ist pure Ignoranz. (Übrigens … Bäcker und Fleischer sind in Zeiten des kohlehydratfreien veganen Antilaktoseismus auch einfach nicht mehr „in“.)

Apropos Wertschätzung: Wie halten wir es denn so mit den Schulen? Den Lehrern? Da schließt sich der Kreis zur Bildungspolitik. Wer Schulen permanent als rückständig und unbeweglich hinstellt, Lehrer zu den Trotteln der Nation macht, muss sich nicht wundern, wenn die Motivation den Bach runter geht. Abgesehen davon ist die Darstellung falsch. Es glaubt nur zunehmend jeder, mitreden zu können und zu wissen was gute Schule und gute Bildung ist. In der aktuellen Debatte geht es aber bei genauem Hinsehen gar nicht mehr um Wissen und Bildung. Sondern es wird Politik auf Schule projiziert. Als ob Schule ein Raumschiff wäre, losgelöst von gesellschaftlicher Realität. Mein Lieblingsthema ist Inklusion. Ich frage rhethorisch: Wie sieht ein Spielplatz aus, der barrierefrei, sicher, interkulturell ist, aber noch seinen eigentlichen Zweck erfüllt, körperliche Bewegung, die Entwicklung des Körpergefühls zu fördern und Physik am eigenen Leib zu erleben?

Es fällt schwer, als Bildungswissenschaftler und ehemaliger Bildungspolitiker ruhig zu bleiben. Ganz besonders dann, wenn Schulen und Lehrer als unbeweglich und nicht lernfähig hingestellt werden. Von Wissenschaftlern. Organisationen übrigens reagieren per se nicht immer ganz schnell. Das hat auch sein gutes. Großes Schiff und kleines Schiff. Das Große Schiff braucht länger zur Kursänderung. Wird aber auch nicht gleich von jeder Welle umgeworfen.