Einstens

wird man über die alten Zeiten reden. Über die wunderlichen Menschen. Menschen, die glaubten, sich gegen alle Risiken versichern und alles regeln zu können. Und gleichzeitig meinten, manchmal, als in ganz besonderen Fällen, und also und überhaut, diese Regeln außer Kraft zu setzen. Ihre Regeln aber sagten, dass jemand, der dies dann tut, auch die Verantwortung übernehmen muss. Nun ahnten die Menschen, denn so dumm waren sie nicht, dass man sich nicht gegen alle Risiken versichern kann und dass es, so ahnten sie auch, immer den Fall geben kann, dass doch etwas passiert. Und sie wussten, dass es gar viele dieser Ausnahmen gab. Irgendwie wollte ja jeder eine Ausnahme sein, das eigene Anliegen so wichtig, dass man dafür sich über Regeln hinwegsetzen sollte. Es waren komische alte Zeiten. So komisch, dass sich die Menschen nicht nur teeren und federn wollten, wenn sie Regeln übertraten. Nein, sie stellten auch einen Pranger auf für die, die die Regeln hielten.

Es waren komische Zeiten, damals.

Ausgrenzung

Anonymisierte Bewerbungsverfahren. Das war eine politische Forderung, die mir kürzlich über den Weg lief. Das Ansinnen: Diskriminierung vermeiden. Geschlecht und/oder Herkunft sollte keine Rolle spielen. Klingt gut, auf den ersten Blick? Weit gefehlt. Ein (weiteres) Beispiel, für das Nicht-zu-Ende-Denken politischer Forderungen.

Anonymisierte Bewerbungsverfahren sind Diskriminierung. Warum? Nun – da wäre zunächst mal das Stichwort Bildungsexpansion, die Ausdehnung des Bildungssystems mit einer permanenten Höherqualifizierung (was nicht unbedingt das Klügerwerden heißt sondern sich auf die Zahl und Vielfalt der möglichen erwerbbaren Bildungszertifikate bezieht). Bildungszertifikate sind die Schlüssel zu den Türen des Arbeitsmarktes und folgerichtig sind diejenigen mit weniger Schlüsseln (gleich welche Gründe dies hat, auf die kommen wir spöter) natürlich im Nachteil. Ihre Chancen auf eine Erwerbstätigkeit sinkt – trotz sinkender Arbeitslosigkeit. Weil – auch Tätigkeiten, die eine geringe Qualifikation erfordern, ausgelagert werden – und sei es durch eine sehr niedrige Bezahlung.

Im Rahmen der Bildungsexpansion haben sich natürlich auch die Einstellungskriterien – ob nun für einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz – nach oben angepasst. Denn die Zahl der Arbeitsplätze an sich schwankt weniger als die Bevölkerungszahl. Es gibt ja nicht „mehr Arbeit“.

Natürlich hat sich – und da gibt es kaum einen Unterschied zwischen Ost und West – die Einstellung zur Bildung geändert. Ein niedriger Abschluss fällt auf – so wie früher irgendwann einmal der Abiturient in der Minderheit war, müssen sich heute Eltern fragen lassen, „Was?! Nicht Gymnasium?!“ „Doch doch!!!“ werden sich die meisten beeilen zu beteuern – und das aus Überzeugung. Wollen die meisten Eltern doch für ihr Kind alle möglichen Möglichkeiten offenhalten (egal ob da die Politik wieder meint, man müsse die Oberschulen stärken).

Ein niedriger Abschluss wird – es gibt ja alle Chancen und alle reden von Chancengleichheit, die es nicht tun, meinen, dass nun mal Leistung zählt – demjenigen angelastet, der ihn hat. Rum wie num. Es bedarf schon einer intensiven Befassung mit dem Bewerber mit schlechterem Abschluss, wenn man ihn vor anderen mit besseren und mehr Bildungszertifikaten bevorzugt. (Ich habe das übrigens gemacht und mich darauf eingelassen – und ich bin froh, dass mir dazu die Chance gegeben wurde. Es war die bisher beste Entscheidung als „Chef“).

Bevorzugen – das klingt nach Ungleichbehandlung und diesen Verdacht scheuen alle wie der Teufel das Weihwasser. Verständlich in Zeiten der Hochkonjunktur von Gleichstellung. Leider ist das Ganze etwas komplizierter und nicht durch Anonymisierung zu händeln. Denn: Wir wissen auch dass BIldungsabschlüsse von ein paar mehr Faktoren abhängen als von temporärer Faulheit oder dem Intellekt. Der soziale Status ist als ein Hauptfaktor für Bildungsbenachteiligung identifiziert. Ein Rezept dagegen gibt es nicht. Noch nicht. Vielleicht ist bisher ja auch der Hebel am falschen Punkt angesetzt worden. Nicht die Bildung benachteiligt, sondern der soziale Status. Ergo müssten bestenfalls Bildungsmaßnahmen versuchen, diesen Nachteil auszugleichen – und zwar konsequent. Ich lasse den Satz jetzt mal so stehen.

Eben deshalb sind anonymisierte Bewerbungsverfahren ein Risiko. Ein Risiko für die, die ohnehin benachteiligt sind.

Schnee

Es klang ja schräg. Skicup am Elbufer. Ob das nun Spaß macht, bei knapp über Null im feuchten nebligen Wetter über nasse Eiskügelchen, darüber kann man geteilter Meinung sein. Man kann auch über Skizirkus und Profisport im Allgemeinen geteilter Meinung sein. Oder über Events im Allgemeinen.

Was aber völlig bekloppt (Entschuldigung) unsachlich, unsinnig,  unglaubwürdig ist, das ist diese Hysterie. „Was erlaube sich Dresden da!“

Nette Nebenepisode: Da twittert eine Journalistin des öffentlichen Rundfunks, der Schnee müsse aus dem Fichtelgebirge (!) herangekarrt werden. Wenn man nichts zu sagen hat, oder keine Ahnung, dann soll man besser den Mund halten, wusste schon Klopfer.  Der Schnee kam zum Teil vom Fichtelberg, also echt regional eingekauft, und der große Rest entstand in Klotzsche. Vielleicht spendet der Skiverband oder die DMG der Dame mal einen Atlas.

Realsatire ist die Aufregung um die Frage der – Achtung – Nachhaltigkeit aber schon. Und hier zitiere ich mal einen ehemaligen Fraktionskollegen :

Grundsätzlich finden ich einen Diskurs in der Sache sehr wichtig. Allerdings sollte man vorher sich grundsätzlich mit der Problematik Wintersport in unseren Breitengraden auseinandersetzen. Wenn die hier geäußerte Kritik ehrlich gemeint ist dann sollte konsequenterweise jede Form von Wintersport abgelehnt werden. Erinnern wir uns einmal wie Wintersport entstand. Eishockey, Eiskunstlauf, Eisschnelllauf fand auf zugefrorenen Seen und Flüssen statt. Heute baut man dafür riesengroße Hallen und Freiluftanlagen und kühlt mit Ammoniak. Skispringen machte man von natürlichen Hügeln mit aufgeschütteten Schneebergen als Absprung. Heute werden dafür Berge gesprengt und zubetoniert. Bob und Rennschlitten fuhr man auf Natureisbahnen. Heute werden dafür Betonschlangen in die Landschaft gebaut und auch hier wird mit Ammoniak gekühlt. Und nun zum Langlauf und Biathlon. Glaubt ein jeder wirklich das da einfach nur durch den Wald gelaufen wird. Man schaue mal nach Oberhof oder nach Altenberg oder in andere Skigebiete. Hier werden mit gigantischem Aufwand ganze Skistadien gebaut, hier werden Strecken planiert, hier werden stationäre Beschneiungsanlagen gebaut. Meckert da jemand über die ökologischen Auswirkungen. Man kann den Wintersport kritisieren, aber ich erwarte von einer Landtagsabgeordneten dann die konsequente grundsätzliche Kritik. Insbesondere auch am Eissport in der eigenen Stadt.“

Richtig. Denn die grundsätzliche Kritik – so wird nämlich deutlich, was der Gegenstand der Kritik ist, die scheut man in dieser Diskussion. Wohl nicht ganz ohne Grund. Denn, machen wir doch mal weiter. Beim Wintersport, dem ganz privaten. Jeder, der in den Skiurlaub fährt um dort  mit einem Lift den Berg hoch- und eine möglichst noch kunstbeschneite, vorher von Bäumen und anderem natürlichem Unbill befreite Piste runterzubrettern, gehe in sich, halte die Klappe und buche einen Wanderurlaub und schaut sich mal ein Skigebiet im Sommer an.

Die öffentlich-rechtlichen recherchieren hoffentlich bei den nächsten Wintersportwettkämpfen die komplette (!) Umweltbilanz einschließlich des Energieverbrauchs durch twitternde Journalisten und Doppelpräsenz beider Anstalten. Wie ist eigentlich die Umweltbilanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks…? Genug der Unsachlichkeit.

Es geht nicht um das Kinderspiel, wenn der kann, dann will ich auch. Es geht um diese unsinnige aufmerksamkeitsheischende punktuelle Hysterie. Und es wird deutlich: es geht um (politisch motivierte) Aufmerksamkeit. Mit Nachhaltigkeit hat das nichts zu tun.

 

Der Fluch der Kommunikation

Es wird momentan sehr viel geredet über Kommunikation. Deren Rolle und Bedeutung. Man müsse kommunizieren. Aber es muss auch irgendwas dabei rauskommen. Etwas Abrechenbares möglichst. Aber: Was soll das sein? Das Ende von Kommunikation?

Die Krux sich ein wenig mit Soziologie zu befassen ist, es laufen einem ständig Paradoxa über den Weg. Nehmen wir mal eine Stadt. Oder eine Gesellschaft. Eine gespaltene Gesellschaft. Oder eine zerrissene. Worüber reden wir da eigentlich. Zunächst: Es gibt keine Gesellschaft (gab es auch nie) in der alle gleich sind, gleich denken, keine gegensätzlichen, konkurrierenden Interessenslagen haben, einander gewogen sind, gleich aussehen. Es gibt keine Gesellschaft ohne Unterschiede. Es kann auch nicht Ziel sein – denn das bedeutet Gleichmacherei. Gleichschaltung. Den Verlust des Wertes des Einzelnen, der Einzigartigkeit. Der Individualität. Es gibt also in jeder Gesellschaft Grenzen, Risse, Spalten, Mauern, wie auch immer man sie bezeichnen mag, diese Linie der Unterscheidung. Ein Unterschied bedarf einer Unterscheidung. Klingt profan, ist es aber nicht. Nur wenn ich unterscheide, nehme ich Unterschiede war. „Mache“ einen Unterschied.  Unterscheide ich nicht, mache keinen Unterschied, dann sind Unterschiede nicht existent. Klingt nicht mehr ganz so profan, ist aber nachdenkenswert. Vor allem wenn man über Integration, Inklusion oder auch Diversity und Diversity Management spricht. Und  – welche Bedeutung haben Unterschiede.

Reden wir aber mal von den sozialen Unterschieden. Es gibt mittlerweile sehr viel Forschung darüber, aber: es kommt im Grunde immer nur auf den sozialen Status an. Beispiel?  Jemand, der die Sprache eines Landes nicht beherrscht, ficht das nicht an wenn er sich zum Beispiel im Raum der Forschung, der Wissenschaft oder der Wirtschaft bewegt. Also das Einkommen und das soziale Umfeld komfortabel ist. Für Menschen mit Beeinträchtigungen gilt das Gleiche. Fehlende „Schlüssel“ zum System aber, wie Bildungsabschlüsse (wohlgemerkt anerkannte Abschlüsse) führen zu sozialer Benachteiligung – und die kann sich dann sozusagen in einen Exponenten verwandeln. Dann werden Beeinträchtigungen zum Problem.

Bildung allein aber garantiert keine soziale Sicherheit. Wer das erzählt, glaubt auch an Einhörner. Selbst das Schlagwort Chancengleichheit ist Selbstbetrug. Ich wage die These (und ich bin damit nicht alleine unter den Bildungswissenschaftlern) dass unser heutiges System viel brutaler siebt, differenziert, platziert, als wir das wahrhaben wollen und propagieren. Brutaler weil subtiler. Aber zurück zur Kommunikation. Natürlich gibt es Grenzlinien in einer Gesellschaft. Gespalten oder zerrissen aber ist die Gesellschaft nicht. Das wäre sie wenn Kommunikation abbräche. Differenzierter ist sie geworden. Weil Kommunikation stattfindet. Ein kleines gedankliches Experiment. Stellen wir uns mal vor, Kommunikation wäre sowas wie „atmen“ fürs Gehirn. Wir haben alle einen Atemreflex. Geht nicht ohne. Und ohne Kommunikation geht es auch nicht. Wir sind zwar (noch) nicht fremdgesteuert, aber auch nicht absolut autonom, das liegt nun mal darin dass der Mensch ein soziales Wesen ist und ohne seine Umwelt nicht auskommt. Auch wenn man das manchmal gerne würde. Ohne Kommunikation wäre die Menschheit längst ausgestorben. So einfach ist das. Und deshalb ist Kommunikation auch so „gestrickt“, dass sie nicht aufhören will. Erfolgreiche Kommunikation bleibt anschlussfähig. Sie ruft neue Kommunikation hervor. Insofern ist ein Streit dann ein konstruktiver, wenn er sich fortsetzt. Selbst wenn die Tür knallt. Das Bedürfnis hinterherzubrüllen zu unterdrücken ist mindestens genauso schwer wie Luft anhalten.

Und das mit der Einigung? Dem Aussöhnen? Juli Zeh hat in einem ihrer Bücher mal den klugen Satz gelesen: Jeder Mensch lebt in einem Universum, in dem er von morgens bis abends recht hat. Eine Haltung ändern, umdenken, das ist unheimlich scher (sonst würden nicht Heerscharen von Menschen davon leben, Ratgeber zu schreiben wie man abnimmt, endlich Sport treibt, endlich gelassener wird, „klug denkt“ oder richtig handelt – wobei letztere meistens der größte Blödsinn sind, nichts hilft und nur der Selbstbestätigung dient). Kommunikation kann nicht überzeugen. Das erfordert erhebliche Veränderungen im Gehirn (und nein, hier ist keine flache Beleidigung gemeint, das ist ernst.) Leider.

Also: Wenn beim miteinander Reden herauskommt, dass weiter und immer mehr miteinander geredet wird, ist das Ziel erreicht. Und irgendwann und irgendwie wird sich dadurch auch die Gesellschaft verändern. So wie schon immer. Nur ist das eben nicht wirklich plan- oder steuerbar, so sehr wir uns das auch wünschen.

 

 

Paradedox

  • Entscheide dich selbst! (Aber: Nur so, wie wir es dir erlauben
    und wir es für richtig halten.)
  • Sei proaktiv! (Aber: Nur soweit, bis wir dir contra geben.)
  • Handle unternehmerisch ! (Aber: Bitte doch nicht so …)
  • Optimiere deine Prozesse! (Aber: Bitte nicht soweit,
    dass es andere in ihren Prozessen berührt.)
  • Schneide alte Zöpfe ab! (Aber: Störe ja nicht die Unternehmenskultur.)
  • Trete mutig gegen alte Denkgewohnheiten an! (Aber:
    Bitte nicht gegenüber dem Finanzdirektor.)

Was Stefan Kühl hier https://pub.uni-bielefeld.de/download/2916610/2 in seinem Text „Jeder ein Unternehmer“ beschreibt, gilt nicht nur für Unternehmen, sondern auch – oder gerade – für andere Organisationen. Zum Beispiel Verwaltungen. Sie stehen möglicherweise noch mehr als Unternehmen vor diesem Paradox etwas sein zu sollen, was sie nicht sein sollen.  Kreativität versus geordnete Prozesse. Pragmatismus versus Gleichbehandlung, Rechtssicherheit, Überprüfbarkeit. Tempo versus bestmöglichste Abwägung. Demokratie versus Durchstellen. Anregung zum Nachdenken.

Phantasialand?

Eine Leseempfehlung, vor allem all denen wärmstens ans Herz gelegt, die meinen, Digitalisierung sei ein Allheilmittel, das Ziel, der Sinn.

„Schwerlich werden Organisationen der Versuchung widerstehen können, die Potenziale der Digitalisierung zu nutzen und die Automatisierung voranzutreiben. Aber jede Transformation, erst recht die digitale, braucht das Wissen um die nicht intendierten Folgen des Organisierens.
Steuerungsphantasien durch digitale Prozesse sind fehl am Platze. Die Digitale Transformation braucht organisationskluges Entscheiden. Und die Erkenntnis, dass Technik es nicht richten wird.“
http://www.uni-bielefeld.de/soz/personen/kuehl/pdf/Working-Paper-13_2017-Buechner-Muster-Kuehl-2017-Ironie-der-Digitalisierung-mit-Literatur-03.07.17.pdf

Projektunterricht und alles ist gut?

„Gegenwärtig wird Unterricht oft jahrgangsübergreifend, teilweise schon inklusiv vollzogen, wobei der Unterricht nicht auf den Lehrer, sondern auf den individualisierten und schöpferisch-kreativen Schüler zentriert ist und weniger die Disziplin als vielmehr die Selbstorganisation und Selbstmotivation von Schülern im Vordergrund steht. Erschienen vor 10 Jahren in dem unter Lehrern stark rezipierten Film ‚Treibhäuser der Zukunft‘ von Eberhard Karl individualisierte und auf die Kreativität des Einzelnen abzielende Unterrichtsformen noch als futuristische Experimente von Privatschulen, ist der jahrgangsübergreifende Unterricht mittlerweile ein bundesweites, in manchen Bundesländern teilweise verpflichtendes Unterrichtsprinzip geworden. Schülerinnen und Schüler sitzen in der Regel ab der ersten Klasse mit Schülern aus der 2. und 3. Klasse zusammen. Die Lösung der damit aufgeworfenen Probleme besteht oft in einer projektförmigen Unterrichtsorganisation. Die Lehrkräfte zeigen sich als Projektbegleiter individualisierter Lernprozesse, die mit einer zunehmend heterogen organisierten Schülerschaft umgehen müssen. Betrachtet man auf der Ebene des Unterrichts die Gewinner und Verlierer dieser neuen, auf Selbstorganisation abzielenden Lernformen, dokumentiert sich, dass soziale Ungleichheiten und damit verbundene neue Illusionen von Chancengleichheit verstärkt werden. Empirische Arbeiten auch der quantitativen Bildungsforschung zeigen , dass die Differenz zwischen Kindern aus bildungsnahen und bildungsfernen Familienmilieus verstärkt wird. Diejenigen Kinder, denen ein selbstständiges Arbeiten mit den aus der bürgerlichen Kultur bekannten Lerngegenständen vertraut ist, können diese Vertrautheit nun unter den Bedingungen eines individualisierten Lernmarktes noch besser einsetzen. Vor dem Hintergrund von organisationstheoretischen Überlegungen – wie sie in Bezug auf Migration beispielsweise von Gomolla und Radtke angestellt wurden – ist zu erwarten, dass sich die Schule neue Auffangbecken für die Opfer individualisierten Unterrichts kreieren wird. Entscheidungen über Mitgliedschaften in aussichtsreichen Bildungsinstitutionen werden durch eine Individualisierung und den damit einhergehenden Beschleunigungsprozessen oft schon zu Beginn von Schulkarrieren zementiert. Kinder, die nicht im gleichen Maße mit in der Schule legitimierten kulturellen Kapitalformen ausgestattet sind, werden unter einen sich verstärkenden Transformationsdruck gestellt, wollen sie ihre Mitschüler aus den besseren Wohnvierteln nicht enteilen sehen.“

Rosenberg, Florian von (2017): Ambivalenzen von Habitustransformationen. In: Markus Rieger-Ladich und Christian Grabau (Hg.): Pierre Bourdieu: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 299–314

Die Illusion der Chancengleichheit (2)

„Wo paradoxale Verfasstheiten des Bildungssystems – es „verspricht die Lösung und erzeugt zugleich das Problem“ – nicht offen gelegt werden, besteht die Gefahr von Boomerang-Effekten. Zum Beispiel dem, dass gerade jene Früh- und KindheitspädagogInnen, die sich dem Auftrag der Herstellung von Chancengleichheit und -gerechtigkeit am loyalsten, mit voller Hingabe, verschrieben haben, strukturell bedingtes Scheitern sich selbst zuschreiben. Mit der Folge, dass sie Gefahr laufen zwischen ihrem Anspruch und den sozialen Bedingungen zu seiner Verwirklichung zerrieben zu werden . Die Etablierung von Strategien eines souveränen Umgangs mit den Paradoxien des Bildungswesens wäre hier von größtem Wert. “

Bröskamp, Bernd (2017): Der Markt der frühkindlichen Bildung. In: Markus Rieger-Ladich und Christian Grabau (Hg.): Pierre Bourdieu: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 15–33

Die Illusion der Chancengleichheit (1)

„Der bildungspolitische Diskurs der Chancengleichheit erweist sich auf der Ebene der Meinungsbildung ja durchaus als allseits zustimmungsfähig. Indes verleitet er kaum eine Familie dazu, statusbedingte Vorsprünge zugunsten Angehöriger und Nachkommen statusniederer Gruppen einfach aufzugeben. Diesem Anliegen kommt das hierarchisch strukturierte Angebotsfeld entgegen. Potentiell ermöglicht es, eine zur eigenen Lebensführung passende, mehr oder weniger standesgemäße Kindertageseinrichtung zu finden. In seinen praktischen Auswirkungen legt das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage den Finger auf die Wunde der Diskurse zur Chancengleichheit. Auch in ihrer auf frühkindliche Bildung bezogenen Variante leisten sie der Verschleierung von Mechanismen der Selektion Vorschub. Sie unterschätzen die Wucht und Wirkmacht klassenspezifischer, auf Besitzstandswahrung ausgerichteter Reproduktions- und Abgrenzungsstrategien von Familien, zu denen Bildungs- und Erziehungsstrategien konstitutiv gehören . Insgesamt verkennen sie die Kräfte, Funktionsweisen und Gesetze des Marktes der frühkindlichen Bildung, Erziehung und Betreuung.“

Bröskamp, Bernd (2017): Der Markt der frühkindlichen Bildung. In: Markus Rieger-Ladich und Christian Grabau (Hg.): Pierre Bourdieu: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 15–33

Bored Faultier … oder?

http://de.disney.wikia.com/wiki/Flash

Beim Frühstück las ich wieder mal einen der total lustigen Beiträge, die sich mit der Schnelligkeit im öffentlichen Dienst befassen. Es ging um die Abschaffung der Majestätsbeleidigung. Ein Eilverfahren – und der zeitliche Bezug war die letzte Monarchie in Deutschland. Ha. (5 sec Pause) Ha. (5 sec Pause) Ha. (5 sec Pause)

Hätten wir noch einen Kaiser oder König, dann wär das schneller gegangen. Wirklich. Der hätte nämlich allein entscheiden können. Es ist eigentlich ganz einfach und ganz profan: je mehr (Mit)entscheider, Entscheidungsebenen und Beteiligung, desto länger dauerts. Das ist beinahe Physik. Die Serpentine den Berg hoch zu fahren, braucht weniger Kraft (wir übertragen das mal und übersetzen: Verantwortungslast  aber mehr Zeit). Den geraden und schnellen Weg (Alleinverantwortung) zu wählen ist kraftaufwändiger (risikobehafteter), geht aber schneller. Zumindest auf den ersten Blick. Alleinentscheider wollen wir doch aber gar nicht. Beteiligung wird immer wieder (zu recht) gefordert. Einbeziehung. Und Information. Demokratie dauert deshalb nun mal.

Eine schnelle Entscheidung fordert üblicherweise immer nur der, in dessen Interesse eine für das Interesse positive Entscheidung liegt. Ein Bauunternehmen zum Beispiel. Die Genehmigung soll schnell her, das Gebäude stehen, Verkauf oder Vermietung möglich werden. Zeit ist Geld, also Beeilung bitte. Ob da ein Baum steht oder das Gebäude sich nett in die Umgebung einfügt, Nachbarn was dagegen haben könnten, das ist da weniger von Belang. Nun stellen wir uns mal vor, in Bauangelegenheiten würden immer ganz schnell Entscheidungen (natürlich pro) getroffen. Wir stellen uns das lieber nicht vor.

Ein etwas diffizileres Beispiel. Risikomanagement. Schon mal gehört? Wikipedia sagt dazu:  Risikomanagement ist die Tätigkeit des Umgangs mit Risiken. Dies umfasst sämtliche Maßnahmen zur Erkennung, Analyse, Bewertung, Überwachung und Kontrolle von Risiken. Und das sind mögliche Ereignisse mit wiederum möglichen Folgen. Wir hätten es gern, sind es aber nicht: Allwissend und Propheten. Das heißt es ist nahezu unmöglich, alle möglichen Ereignisse und deren mögliche Folgen im Vorhinein zu erkennen, zu analysieren, die richtigen Maßnahmen vorzusehen und dann noch zu wissen, welche möglichen Folgen diese Maßnahmen möglicherweise haben könnten.

Wir versuchen es aber, wir versuchen uns abzusichern. Schon deshalb um im Falle des Falles nicht die Verantwortung tragen zu müssen. Denn trifft einmal ein solches Ereignis ein (manchmal kotzen eben die Pferde vor der Apotheke), ist man bei der Suche nach dem Schuldigen gnadenlos. Und weil es eben nahezu unmöglich ist, absolut sichere Aussagen über mögliche Ereignisse zu treffen, wird versucht, möglichst sichere Aussagen über mögliche Ereignisse zu treffen. Und das führt nicht selten dazu, dass ein Handeln unmöglich wird – denn wer würde gegen gute Ratschläge handeln, ein formuliertes (wenn auch unwahrscheinliches) Risiko in Kauf nehmen? Sei es nun beim Brandschutz, bei einer öffentlichen Veranstaltung oder sonstwo. Ein formuliertes Risiko, so unwahrscheinlich es ist, wird allein dadurch, dass es formuliert ist, schon real. (Denke nicht daran, dass es rosa Elefanten regnen könnte und schon gar nicht, dass Dir einer auf den Kopf fällt.)

Es gibt Anforderungen, die schnellen Entscheidungen unmöglich machen. Je transparenter, nachvollziehbarer, „objektiver“ eine Entscheidung sein soll, desto mehr Entscheidungs(vorbereitungs)ebenen gibt es (wobei dann am Ende gar keine Entscheidung mehr zu treffen ist, Entscheidung setzt voraus, dass es überhaupt Optionen gibt) und desto länger dauert es. Auch wenn uns das nicht gefällt, wir wollen es ja selbst so. Im Falle, wir bekämen den Job nicht, die Baugenehmigung würde abgelehnt, eine Veranstaltung, eine Raumnutzung nicht genehmigt.

Dass man aber nicht erwarten kann, dass eine Kanzlerin (oder ein Bürgermeister) per Federstrich ein Gesetz abschafft, dürfte auch klar sein. Denn – wer entscheidet welches Gesetz, welche Regel verzichtbar ist? Deshalb gibt es dafür Verfahren. Und Verfahren, die regeln wie im Falle des Zuwiderhandelns zu verfahren ist.

Und nun noch zu guter Letzt -Entbürokratisierung. Die Abschaffung einer Regel gebiert 20 neue. Ist so ein Spruch. Absurd? Nur auf den ersten Blick. Prüfe ich nämlich die Abschaffung einer Regel, dann fällt erst in diesem Prozess auf, was alles nicht  geregelt ist und was zu Regeln wäre um die Abschaffung der Regel regelrecht durchzuführen. Das ist nun mal unser selbstgewähltes Elend.

Da rauskommen? Würden wir uns denn darauf einlassen wollen…?