Was denken sich Journalisten so?

Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern. Als freie Mitarbeiterin der Dresdner Neuesten Nachrichten, kurz nachdem die „Union“ nicht mehr die Union war.  Die Kolumne musste gefüllt werden und Georg – pfeiferauchendes Unikum, vielleicht erinnert sich ja noch jemand an ihn, übertrug mir diese Aufgabe. Irgendetwas satirisch-kommentierendes sollte es sein.

Nun, ich schrieb einen Artikel. Über die bedauernswerten Vögel an den Elbwiesen, die unter der Vermüllung durch den Rummel litten. Nein, damals war ich natürlich noch nicht bei den Grünen. Und hatte mit Politik nicht wirklich viel am Hut (meinte ich jedenfalls). 1992 war das.  Nun – ich lies mich also über Pappteller und Plastebecher aus, die heutige Debatte über Plastikabfall war davon weit entfernt, die Müllmenge damals von heutigen Dimensionen auch, aber die Kolumne wurde gefüllt und irgendwie waren alle damit zufrieden

Heute, ähnliche Stelle, steht ein Artikel zur Verwendung der Gelder, die durch die Bettensteuer in den städtischen Haushalt fließen und welchen Quatsch die Verwaltung nun schon wieder macht und was sie eigentlich machen müsste. Man kann sicherlich drüber streiten und das wird der Stadtrat ganz sicher auch tun. Es ist das gute Recht von Journalisten, zu kritisieren, aufmerksam zu machen und zu kommentieren. Aber bitte, bitte bitte vorher auch recherchieren. Zum Beispiel, wieviel Geld Kultureinrichtungen tatsächlich erhalten und wofür – und das Ganze dann bitte auch ins Verhältnis gesetzt zu anderen Ausgaben.

Kleine Hilfestellung: Ab Seite 19.

https://www.dresden.de/media/pdf/haushalt/haushalt-2017-2018/entwurf-haushaltsplan-2017-2018-band2.pdf

An die Wunschschule geklagt

Nein, die aktuelle Praxis, den Schulleitungen die Aufnahme an einer Schule zu überlassen und ihnen keine objektiven Auswahlkriterien mitzugeben, ist nicht der Idealfall.  Der Vorschlag, den Notendurchschnitt zu diesem „objektiven Kriterium“ zu machen, ist kontraproduktiv und wenig weitsichtig.

Schauen wir einmal einige Jahre zurück. Früher mal, da war die Aufgabe des Bildungssystems nicht, allen die  gleichen  Chancen  auf  dem  Weg  zum  Abitur  zu  bieten oder das Abitur zu garantieren. Ursprünglich  ar es Aufgabe des Bildungssystems, Menschen zu befähigen,  „sich in der Welt zurechtzufinden, sich in die Gesellschaft  zu  integrieren  und um  alle  gesellschaftlich relevanten  Positionen  zu  besetzen, also sowohl anspruchsvolle  wie  auch  weniger  anspruchsvolle“ (Böhner-Taute, 2018).

Es war im Jahre 1964, da vereinbarte man das Ziel, die Abiturentenzahlen zu erhöhen. Bei der Reform des Bildungswesens sprach man erstmalig von Chancenungleichheiten beim Erwerb der Hochschulreife. Dem folge das, was man heute als Bildungsexpansion bezeichnet. Einige der Folgen: die horizontale Differenzierung,  mehr Möglichkeiten von Bildungsabschlüssen in der Breite (was dann wieder dazu führt, dass junge Menschen länger im Bildungssystem verbleiben und nicht als Ressourde dem Wirtschaftssystem zur Verfügung stehen.  Und: ie Konkurrenzen um Bildungsabschlüsse haben sich nach oben verlagert. Der Wandel des Abiturs vom „exklusiven Bildungstitel zum Massenzertifikat“ als frühere zentrale Selektionsinstanz  verschiebt eben diese Selektion.(Baader & Freytag, 2017, p. 531).

Die Entscheidung, den Besuch des Gymnasiums nicht mehr von der Bildungsempfehlung abhängig zu machen, führt – völlig logisch – dazu dass mehr Kinder an Gymnasien angemeldet werden. Und dies ist eben keine Verantwortungslosigkeit der Eltern, wie ihnen gerne mal vermittelt wird. Eltern wollen – in den meisten Fällen – das Beste für ihre Kinder. Und das ist in Bezug auf die Bildung die Chance auf den höchstmöglichen Abschluss, denn dieser ist der Schlüssel zu gesellschaftlicher Teilhabe und für die entsprechenden Türen auf den Arbeitsmarkt. Wer will es ihnen verdenken, wenn sie eben NICHT die Oberschule wählen. Und wer will ihnen verdenken, ihr Kind auf das Gymnasium zu schicken, das ihnen das Beste zu sein scheint. Aber welches ist das beste Gymnasium? Gerne wird darauf geschaut, was eine Schule so „produziert“. Wie viele Einserabis. Oder wie viele Bildungsempfehlungen fürs Gymnasium. Eine Statistik, wie viele Schüler auf dem Weg zum Abitur an dem einen oder anderen Gymnasium verloren gehen, die gibt es nicht. Zumindest nicht in Dresden. Was mit Schülern passiert, wenn sie vom Gymnasium an die Oberschule wechseln müssen, das hat die Stadt Dresden mal untersuchen lassen. Studie Schulformwechsel. Es wäre durchaus mal interessant, darauf zu schauen, welche Schule es denn schafft, niemanden fallen zu lassen. Damit würde man auch die Oberschulen stärken.

Nun also das Grundschulzeugnis als Aufnahmekriterium an Gymnasien. Das ist keine Lösung, sondern verlagert nur das Problem der Selektion. Damit schafft man sich eine weitere verborgene Klassengesellschaft – zwischen den Gymnasien nämlich.  Das gab es übrigens schon mal und wurde wohlweislich abgeschafft. Zielführend im Sinne einer Chancengleichheit (wenn diese überhaupt jemals herstellbar sein sollte) ist das nicht. Sondern nur eine weitere Selektionsinstanz, die genau die benachteiligt, die ohnehin schon nicht privilegiert sind.

References
Baader, M. S., & Freytag, T. (Eds.). (2017). Bildung und Ungleichheit in Deutschland. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Böhner-Taute, E. (2018). Chancenungleichheiten im Bildungsverlauf. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. .