Aufschrei

Sachsen will Schulstunden reduzieren, um dem Problem Lehrermangel Herr zu werden. Das Kultusministerium habe diese Pläne bestätigt, schreiben die Zeitungen. Nehmen wir also an, das stimmt.

Sport, Kunst, Musik, Fremdsprache. Es gibt zu wenig Lehrer, also reduziert man die als verzichtbar erscheinenden Schulstunden und bekommt damit wieder Ressourcen frei. Das klingt logisch. Ist es aber nicht. Es sei denn, die Sportlehrer haben als Zweitfach Mathe, die Kunstlehrer Deutsch und die Musiklehrer Bio oder so.  Es ist also keine wirkliche Lösung. Es ist eine Scheinlösung. Warum macht man dann sowas ?

Ich glaube nach 20 Jahren Kommunalpolitik von innen und außen und drunter und drüber und daneben irgendwie immer noch an das Gute im Menschen und an halbwegs kluge Entscheidungen.

Das Problem fehlender Lehrer ist nicht neu. Und es ist vielschichtig. Es hat seine Ursache darin, dass der Lehrerberuf keinen guten Ruf hat. Dass jeder Politiker sich hinstellen kann und behaupten zu wissen wie gute Schule richtig geht. Dass Eltern Helikopter spielen und meinen sie seien die eigentliche Schulleitung. Dass Schule gesellschaftliche Probleme lösen soll, die viel größer sind, systembedingt sind und Schule eher ein Teil des Problems als die Lösung. Die Ursache liegt darin, dass durch den gesellschaftlichen Wandel weniger Kinder geboren wurden und daraufhin Schulen geschlossen und Lehrerstellen gekürzt wurden und um die Besitzstände zu wahren – da haben die Gewerkschaften auch ihre Aktie dran – dem Nachwuchs keine Chance gelassen wurde. Man hat ihn verprellt und in alle Winde geschickt. Dresdens Uni wollte die Lehrerbildung loswerden, zumindest für einige Schularten.

Lehrer werden zu wollen, da muss man schon einen ziemliches Weltrettungsdings haben. Und wir haben es dem Markt überlassen. Der Mangel an den Ressourcen Schüler und zu vergebenden Studienplätzen. Man hat nicht um die Besten geworben, die Besten, die das Beste von uns, nämlich die Kinder, betreuen und lehren und bilden und erziehen. Scheiben aus Sand waren viel wichtiger. Jetzt haben wir den Salat und die sozialmarktwirtschaftlich sozialisierten Schüler entscheiden sich wie sich eine knappe Ressource eben entscheidet. Gehen in andere Bundesländer. Wollen nicht aufs Land wo sich Wolf und Hase Gute Nacht sagen. Wollen in die Stadt. Wer kann es ihnen verdenken?

Der Geburtenknick und viele andere Faktoren machen sich bemerkbar, die Gesellschaft altert und es fehlt Nachwuchs. Der zwar nachwächst, aber noch zu klein ist und der Gap wird immer größer. Es fehlt an der menschlichen Infrastruktur für das funktionieren einer Gesellschaft. Kranken- und AltenPflege. Erzieher. Lehrer. Polizei.  Dienstleister, die sich in den Dienst der Gesellschaft stellen. Die fehlen massiv und die Katze beisst sich hier in den Schwanz, denn:

Um mehr Erzieher auszubilden, braucht man Berufsschullehrer. Die muss man erstmal haben. Um Berufsschullehrer auszubilden, braucht man Studienplätze. Die muss man erstmal haben. Für Studienplätze braucht man Hochschullehrer. Die muss man erstmal haben. Für Hochschullehrer braucht man Studenten. Ehemalige Schüler. Die so gebildet sind, diese Berufe auch lernen zu – WOLLEN. Man kann dieses Spielchen mit vielen anderen Berufen weitertreiben. Fehlt das Huhn oder das Ei? Es fehlt die Ressource der Ressource der Ressource.

Beruf hat was mit Ruf zu tun. Warum sollte jemand Altenpfleger werden wollen? Krankenpflege? Polizist? Altruismus ist nicht marktkonform. Warum solche Berufe ergreifen, wirbt doch „die Wirtschaft“ so um Fachkräfte. Der Wirtschaft fehlen die Berufsschullehrer übrigens auch. Und die Ressource Mensch.

Und nun? Weniger Unterricht und größere Klassen? Vielleicht blüht das den Kindern und Lehrern und Schulen tatsächlich. Es ist sogar sehr wahrscheinlich. Wenn man vor der Entscheidung steht, kein Unterricht oder stattdessen größere Klassen.  Wenn es so ist, dass tatsächlich massiv Lehrer fehlen (die „Wahrheit“ wird ja auch nur unter der Hand kommuniziert) dann wird es wohl so kommen. Es wird die Elefantentränen geben, man wird „unter Schmerzen“ diese Entscheidung treffen. Die Schmerzen, die Politik immer mal so hat. Und dann wird es weiter gehen.

Mit Bildungspolitik gewinnt man keinen Blumentopf, Bildung ist nicht abrechenbar. Man kann sich entscheiden ob man Humanressourcen für ein Wirtschaftssystem heranzieht, dann sind auch die paar Stunden Musik und Kunst und Sport und vielleicht noch andere verzichtbare Fächer wie Geschichte und Ethik vernachlässigenswert. Oder man erkennt Bildung an als erstrebenswertes Gut. Und man erkennt an, dass Dienst an der Gesellschaft kein notwendiges Übel ist. Es ist eine Frage des Menschenbildes. Wie viel ist uns eigentlich der Mensch noch wert.

Nach 20 Jahren Kommunalpolitik und 20 Jahren Lernen habe ich zwar beinah jegliche Illusionen verloren. Aber der kleine Funken Glaube an das Gute flackert manchmal. Nehmen wir mal an,  Kultus- und der Finanzminister wissen sehr wohl, dass diese Stundenreduzierung keine wirkiche Lösung ist, wissen aber auch dass alle anderen wissen, dass diese Maßnahmen ein Jahr vor der Landtagswahl ein Scheiss-Bild abgeben, dass jeder denkt, das nächste sind dann größere Klassen und das ganze ist nichts anders als wenn sie sich hinstellten in ihre Ministerien und in den Landtag und brüllten: Nehmt das Problem verdammt noch mal ernst, denn es IST ernst. Der Mensch darf noch Illusionen haben, oder?