Wie viele Gräben gehen durch die Gesellschaft.

So lautete eine Überschrift irgendwann in den letzten Tagen in irgend einer Zeitung. Risse, Gräben, sie sind ständiges Thema. Zeit, sich diesem Thema zu widmen und zwar nicht aus politischer, politikwissenschaftlicher oder journalistischer Sicht. Sondern aus erkenntnistheoretischer und soziologischer. Wie viele Gräben? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. So viele Gräben, wie wir selbst ziehen. Und sie sind so tief, wie wir sie graben.

Erklärungsbedürftig? Nun: wir erinnern uns mal, Vor langer langer Zeit, da war alles was vier Räder hatte, ein Auto. Was vier Beine hatte ein Hund, was grün war und etwas Buntes oben drauf, das war eine Blume. Dass es da irgendwie doch Unterschiede (!) gibt, das wurde uns erst später klar. Was so simpel klingt, ist ziemlich bedeutsam. Unterscheiden ist ein völlig normaler kognitiver Prozess. Wir tun das ständig. Je mehr wir unterscheiden – oder differenzieren – desto differenzierter wird das Bild, was wir uns von der Welt machen. Unterschiede entstehen durch Unterscheiden. Kein Unterscheiden – keine Unterschiede. Das ist allerdings keine Lösung.

Unterscheidungen sind nicht nur relevant für das Bild, was wir uns von unserer Welt machen. Unterscheidungen sind auch in sozialer Hinsicht bedeutsam. Die erste Unterscheidung, die wir machen, ist  (die Feminist_*en mögen mir bitte verzeihen) ist Mama und Nicht-Mama. Familie und Nicht Familie. Kenne ich und kenne ich nicht. Das Unterscheiden zwischen Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe ist konstituierend für das Selbst. Und für soziale Gruppen. Klein-Systeme, aus denen die Gesellschaft irgendwie besteht. Leider gibt es einen Kitt für den Zusammenhalt, der heißt: Unterschied. Das, was eine soziale Gruppe zusammenhält, ist der Unterschied zu anderen, ist ein gemeinsames Merkmal, was andere Gruppen nicht haben. Das kann sein ein Fußballverein, das kann sein eine politische Überzeugung, das  ist das, was manche Personaler versuchen zu vermitteln, das Ding mit der Unternehmenszugehörigkeit.

Unterscheidungen haben eine kleine Eigenheit. Sie potenzieren sich. Unterscheidungen sind sozusagen Fraktale. Was ist damit gemeint? Nun, wieder ein Beispiel.  Nehmen wir mal an, jemand wollte sich um die Belange von Menschen mit Sommersprossen kümmern. Es wird also unterschieden zwischen Menschen MIT Sommersprossen und Menschen ohne Sommersprossen. Möglicherweise sind Menschen mit Sommersprossen eine Minderheit, sie sind dadurch benachteiligt, also muss auf ihre Belange Rücksicht genommen werden. Es wird über die Belange und Besonderheiten von Menschen mit Sommersprossen lang und breit diskutiert und immer wieder thematsiert. Nun gibt es aber vielleicht Menschen, die eine große Nase haben, die man bislang nicht berücksichtigte. Oder die kleiner sind. Kleiner als … Oder oder oder. Man kann dies imer weiter treiben und niemals wird man an einen Punkt kommen, an dem es nichts mehr zu differenzieren gibt, kein Unterschied mehr gemacht werden kann.

Die Möglichkeiten der Gräben- oder Rissproduktion kreuz und quer durch die Gesellschaft ist also nahezu grenzenlos. Und da der Mensch die Welt wahr nimmt und nicht nur spiegelt, und das Ganze auch noch aufmerksamkeitsgesteuert, kann es sein, dass er vor lauter Gräben und Rissen (ständig erzählt ja irgendeiner darüber) nicht mehr sieht, dass die anderen auch noch etwas anderes sind als jemand jenseits des Grabens.

Vielleicht wäre es an der Zeit, einmal über Themen zu diskutieren, die Unterschiede zum Problem werden lassen. Soziale Ungleichheit zum Beispiel. Das ist aber viel unbequemer. Dann müsste man sich tatsächlich Lösungen einfallen lassen.