Des-Illusionierung

Widersprüche und Spannungsverhältnisse prägen gesellschaftliche Systeme. Sich mit ihnen zu befassen ist manchmal hochinteressand und spannend. Manchmal aber führt das auch zu Anfällen von Verzweiflung und/oder Resignation und der Frage, wozu das alles.

Für mich persönlich ist die Illusion der Chancengleichheit um bei dem gleichnamigen Titel eines Buches einer meiner Lieblingssoziologen wenn man das so sagen kann, ein Feld, mit dem ich mich sehr gern und sehr ausführlich befasse. Deshalb, weil dort diese ganzen Widersprüchlichkeiten zu Tage treten, auch Widersprüche zwischen kommuniziertem politischem Anspruch und politischem Entscheiden beziehungsweise Handeln. Und ich bin ausgewiesener Luhmann-Fan. Das ist kein Widerspruch, denn der Bildungssoziologe und der Vater der Systemtheorie haben eines gemeinsam: Sie nehmen eine distanzierte, manchmal sogar von Selbstironie geprägte Haltung zu den Phänomenen ein, die sie untersuchen. Manchmal stößt eine solche Haltung auf Unverständnis wenn man Dinge benennt, die sind wie sie sind, obwohl sie gerne anders erscheinen wollen.

Bei der Recherche zum Ungleichheitsthema bin ich nun auf einen Artikel gestoßen, der mich zugegebenermaßen überrascht hat ob seiner Deutlichkeit.

Peter, T. (2012) Verdiente Spitze? Zur Rechtfertigung von Ungleichheit in Bildung und Gesellschaft. In M. S. Baader & T. Freytag (Eds.), Bildung und Ungleichheit in Deutschland (pp. 55–71). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden

Zusammenfassung: (https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-14999-4_4)

„Wie kommt es, dass sich der Wert der Gleichheit immer weniger Geltung verschafft? Während die höchsten Einkommen enorm gestiegen sind, ist es gleichzeitig zu einer verstärkten Förderung von Exzellenz und Elitebildung gekommen. Mit der prinzipiell positiven Konnotation von Ungleichheit in den Diskursen um hohe Einkommen und Exzellenz ist zugleich ein Gerechtigkeitsanspruch verbunden. Dieser These nachgehend interessiert der Beitrag sich in Anlehnung an die Soziologie der kritischen Urteilskraft nach Boltanski und Thevenot für die Rechtfertigungsordnungen, die mit der Herstellung von Reichtum und Exzellenz verbunden sind. Anhand von programmatischen, institutionellen und wissenschaftlichen Texten wird herausgearbeitet, wie im Bildungswesen bestehende Ordnungsmuster delegitimiert, Spitzen konstruiert und Ungleichheiten legitimiert werden. Rhetoriken von Reichtum und Exzellenz suchen sich anhand ökonomischer Ineffizienz und unverdienter Erfolge zu plausibilisieren, unterstellen gerechte Verfahren auf dem Weg zu Spitzenpositionen und gehen davon aus, dass sowohl Reichtum als auch Exzellenz dem Allgemeinwohl zugute kommen.“

“ Zur ‚Illusion der Chancengleichheit‘ (Bourdieu) treten die Illusionen von Leistung und Qualität. Dabei zeigen sich zugleich die unabweisbaren normativen Lücken, die mit den Rechtfertigungen einhergehen. Dass hohe Einkommen und Vermögen für eine prosperierende Ökonomie unabdingbar sind, ist ebenso zu hinterfragen wie der Kern der Exzellenzargumentation, nach der Spitzenforscher und „High-Potentials“ den entscheidenden Beitrag für gesellschaftlichen Fortschritt liefern. Längst kann die Privilegierung von Reichtum das Versprechen allgemeinen Wohlstands nicht mehr halten sondern zeitigt kontraproduktive ökonomische Effekte. Auch die einseitige Orientierung auf Exzellenz in der Bildung ist nur zu durchbrechen, wenn in der gesellschaftlichen Debatte sowohl Nutzen und Funktion der Wissenschaft als auch das Zustandekommen von sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Innovation hinterfragt wird. Erst die Einsicht, dass das komplexe Entstehen wissenschaftlicher Erkenntnisse weniger durch Konkurrenz, sondern vielmehr durch Kooperation geprägt ist, dass Innovationen weniger durch einzelne Genies, als zunehmend durch gut organisierte kollektive Intelligenz möglich werden, wird Alternativen in der Wissenschaftspolitik ermöglichen. Eine solche Perspektive muss freilich mit einer Idee von Gesellschaft einhergehen, die sich jenseits ihrer Reduzierung auf den Markt bewegt. (Peter, 2017, p. 69)

References
Peter, T. (2017). Verdiente Spitze? Zur Rechtfertigung von Ungleichheit in Bildung und Gesellschaft. In M. S. Baader & T. Freytag (Eds.), Bildung und Ungleichheit in Deutschland (pp. 55–71). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-14999-4_4