Im Westen nichts Neues

Es war nicht das übliche Konzertpublikum bei dieser Veranstaltung, einer Kombination  aus Lesung und Musik, die eine Lektion war. Leider viel zu versteckt an diesem Tag im April, teil eines langen Wochenendes. Die, die kamen, hatten einen ziemlichen Brocken zu bewältigen. Manchmal vermag Kunst in einer Deutlichkeit etwas zu vermitteln, was kein Geschichtsunterricht, keine Propaganda, keine noch so eindringliche Rede vermitten kann. (Vielleicht schafft Sachsen ja deshalb so „unwichtige“ Fächer wie Kunst, Musik und Sport ab. )

Texte aus „Vom Westen nichts Neues“, gelesen von der beeindruckenden Mechthild Großmann. Mit einem  Echo aus Musik. Max Regers Siegesfeier, einem Orgelwerk, in dem die Nationalhymne durchdringt und christlichen Motetten und Kantaten. Krasser lassen sich die Widersprüche unserer Welt nicht darstellen. Es war noch nie so schwer wie heute, nach dem Hören dieser Texte, sich wieder zu konzentrieren und diese Musik zu singen, die ich eigentlich so mag, weil sie tröstlich ist. Meistens. Heute nicht. Heute gingen mir die Schlagzeilen der letzten Wochen durch den Kopf. Die mit dem christlichen Abendland, unserer angeblich so christlich geprägten Kultur und den Kreuzen in Bayern.

Was müssen die jungen Männer gedacht haben, die mit in meiner Bahn saßen auf dem Weg zum Konzert und in der Bahn angeblafft wurden von einer Familie, sie sollen sich gefälligst nicht so laut unterhalten in ihrer Landessprache.  Sie saßen in dem Konzert, vorne im Parkett. Die Familie nicht. Dafür aber viele andere, die sich sicherlich nicht regelmäßig einen Konzertbesuch leisten können. Ein Publikum, vielmehr repräsentativ für diese Stadt als sonst. Ausgerechnet. Und macht nachdenklich.

Im Publikum ist man nie unbeobachtet. „Wir“ sehen ganz gut was im Saal „los“ ist. Wer da ist, wie die Stimmung ist. Heute war sie besonders, und das ist bei so einem Projekt wie heute nicht selbstverständlich. Man kann ein Publikum auch überfordern, der Versuch, es mitzunehmen, kann misslingen. Kürzlich sagte ein ziemlich einflussreicher CEO, das, was der Mensch Maschinen, KI und Algorithmen immer voraus haben wird, das ist Kunst, Kultur, eben so etwas wie heute. Der perfekte Klang ist das eine. Die Emotionen dabei, das (wichtigere) andere.

Meistens trifft man sich nach einem Konzert nochmal und lässt den Abend ausklingen. War mir heute nicht möglich. Fassen wir also zusammen: ein beeindruckender Abend.