Was zuerst?

Es gibt Tage, die verbieten ob ihrer Reichhaltigkeit einen ungestörten Nachtschlaf. Schäfchen, Fernsehen und/oder Kühlschrank. Oder eben bloggen und den Kopf mit anderen Themen beschäftigen. Bildung. Geht immer. So dermaßen immer, dass ich eigentlich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll um all den Unsinn zu beschreiben – kultuvierter formuliert: die offensichtlichen Probemfelder zu analysieren.

Nun also: Das Kultusministerium macht den sächsischen Schülern ein wahrhaft ehrenwertes und fürsorgliches Geschenk. Die Lernbelastung wird gesenkt. (Un die individuelle Lernfreiheit damit vergrößert). Dieser Satz wird natürlich beigefügt, niemand will doch dem PISA-Sieger nachsagen lassen, man würde an selbigem Aste sägen. Bevor wir zum Kern der Sache kommen, nämlich dem, was da EIGENTLICH passiert, lache ich zuende. Respekt! Soviel Sarkasmus habe ich dem Pressesprecher des SMK nicht zugetraut. Wirklich nicht. Wobei man da kürzlich schon Sinn für Humor durchscheinen ließ mit der Stellungnahme „Klassenbildung ist Sache des LASUB“.  Das ist ungefähr so als wenn unsere Umweltbürgermeisterin sagte, „geht mich nichts an, das war das Umweltamt“. Oder so.

Man kürzt also die Stundentafel. Das könnte sogar eine vernünftige Idee sein und auch die Entlastung der Schülerschaft. Wenn nur nicht gerade eben überall öffentlich erkennbar und heiß diskutiert der Lehrerschaftsmangel allgegenwärtig wäre. Völlig egal ob durch diese Stundentafelkürzungen auch nur eine Lehrerstelle eingespart würde und ob es einen tatsächlichen Zusammenhang gibt oder nicht: er wird hergestellt in der Wahrnehmung der gesamten Sachlage. Und ich frage mich wie weit weg von der Realität man sein muss, um Kürzungen dann noch als Erfolg zu verkaufen. Schulen hätten größere Gestaltungsfreiheit. Schüler mehr Freiraum für indiviuelles Lernen. Dumm nur dass gerade der Nationale Bildungsbericht veröffentlicht wurde – leider Gottes mit viel zu wenig Aufmerksamkeit.

Ein entscheidender Satz sei hier zitiert: „Trotz vieler bildungspolitischer Reformprojekte und damit verbundener Verbesserungen ist es bisher nicht gelungen, Bildungsungleichheiten entscheidend zu verringern. Mit den vielfältigeren Möglichkeiten, Bildungsverläufe individuellzu gestalten – von kurzen Bildungswegen für Leistungsstarke bis hin zu verzögerten Karrieren der zweiten Chancen – ist daher auch ein steigendes Risiko verbunden: DieKluft zwischen Personen, die ihre Bildungserfolge Schritt für Schritt steigern können, und anderen, deren ungünstige Ausgangslagen langfristig nachwirken, könnte größer werden.“ Zum Nachlesen: https://www.bildungsbericht.de/de/nationaler-bildungsbericht
Was heißt das? Nun, es ist so, dass insgesamt das Bildungsniveau steigt, mehr Menschen streben mehr Bildung oder besser gesagt höhere Bildungsabschlüsse an. Bildungsabschlüsse sind nun mal der Schlüssel in den existenzsichernden Teil des Arbeitsmarktes. Dieser existenzsichernde Teil des Arbeitsmarktes vergrößert sich aber nicht unbedingt. Die Bildungsexpansion (längeres Verweilen der Menschen in Bildungseinrichtungen, insgesamt höhere Anzahl höherer Bildungsabschlüsse und größere Vielfalt der Bildungsabschlüsse) bedeutet aber nun nicht, dass der existenzsichernde Teil des Arbeitsmarktes in gleichem Maße größer wird. Ganz arg und unwissenschaftlich verkürzt: es rennen mehr Menschen mit besseren Laufschuhen, aber gewinnen können eben doch nur einige.  Man kann das mit einer Inflation vergleichen. Der Marktwert der Bildungsabschlüsse sinkt. Das ist vor allem für die fatal, die am Ende stehen und aus verschiedensten Gründen die niedrigsten Bildungsabschlüsse erreicht haben, können oder werden.

Die Bildungsexpansion hat auch ihre Auswirkungen auf die Bevölkerungsstruktur.  Weniger Kinder und dann noch längere Bildungswege und höhere Abschlüsse. Das nennt man dann Fachkräftemangel. Die Begeisterung für Berufe, die mit verhältnismäßig geringem Verdienst locken oder mit hoher Belastung oder geringem Renomee oder allem zusammen hält sich in Grenzen. Und wer wagt es, die Menschen dafür zu kritisieren?

Aber zurück zu unserer Stundentafel und dem Bildungsbericht. Herkunft zählt und zwar ab der ersten Stunde. Die Eltern, deren Situation, deren Lebenswelt, deren Herkunft wirkt sich massiv auf den Lebenslauf der Kinder aus. Gott sei Dank setzt sich diese Erkenntnis durch. Und es gibt einen ganz einfachen Grund warum – wie der Bildungsbericht fast unbemerkt konstatiert – Reformprojekte und Verbesserungen nicht dazu geführt haben, dass diese herkunftsbedingten Ungleichheiten abgebaut wurden: Sie benachteiligen die, die aus sozial prekären Situationen kommen, weil sie nicht das mitbringen, was nötig ist, um von diesen bildungspolitischen Reformen zu profitieren. Selbstorganisiertes und individuelles Lernen setzt voraus, dass man lernen kann. Leider muss auch das erstmal gelernt werden und ja die kindliche Neugier kann in einer sozial prekären Situation kaputt gemacht werden. Es wird immer schwerer und unmöglicher, für einen Teil der Kinder das aufzuholen, was ihnen schon an Lernvoraussetzungen für die Kita fehlt. Frühkindliche Bildung ist der Schlüssel und zwar nicht nach dem Gieskannenprinzip. Wie aber sollen das die Pädagogen in den Kitas schaffen. Abgesehen davon dass sie selber am Ende der Nahrungskette stehen. Ist doch der Gymnasiallehrer der beste und wichtigste Pädagoge, der am meisten Ansehen (und Gehalt) genießt. Ja, auch das zählt.

Es wird die Welt nicht zusammenbrechen wenn eine Mathestunde nun formal gerechtfertigt weniger stattfindet. Aber: man möchte sagen, Aufgabenstellung nicht erkannt. Oder ist vielleicht die Verringerung der herkunftsbedingten Bildungsbenachteiligung gar nicht die Aufgabe oder das Ziel? In unserer Gesellschaft, in der es nach Leistung geht, dem Worte nach, in der behauptet wird, jeder sei seines Glückes Schmied – und wenn man das falsche Elternhaus hat, Pech gehabt? Ein großer Soziologe hat es mal auf den Punkt gebracht: Bildung ist ein wunderbares Instrument, soziale Unterschiede zu zementieren, ohne dass tatsächlich ein Schuldiger ausgemacht werden kann. Schuld ist immer das Individuum. Es könnte ja schließlich lernen und sich bemühen. Individuell lernen in der Sprache des SMK. Man wird sich mal irgendwann entscheiden müssen, was man will. Und welche Aufgabe Bildung einerseits und das Bildungssystem andererseits in der Gesellschaft hat. Ansonsten wird sich das Problem der Herkunftshürde verschärfen. Für einige wenige zwar, aber existent ist das Problem eben doch. Nur haben diese wenigen keine Lobby und werden weniger wahrgenommen als zum Beispiel Gymnasiasten, die sich als „Bildungsverlierer“ bezeichnen. Sie sind es nicht.

Es wird mit diesen Kürzungen niemandem wirklich was passieren. Nur diejenigen, die nicht die Chance haben, zur Nachhilfe zu gehen, die dieses individuelle Lernen nicht können, die Unterricht zum Lernen brauchen, die wird es treffen. Und vermutlich wird der erhoffte Effekt des besseren Verteilens vorhandener Lehrkapazität nicht eintreffen.

Was solle der Mensch lernen. Im Grunde ist das – mit Verlaub – ziemlich wurscht so insgesamt, Hauptsache, der Mensch lernt zu lernen und selbständig !!! zu denken und sich als eigenständiges und handlungsfähiges Wesen zu begreifen, was auch im Zweifelsfall mal ohne Tablet  und google Map klarkommt. Und mit verschiedenen nicht immer planbaren Lebenslagen. Den Lehrplan zu überprüfen und daraus resultierend (!) dann die Stundentafeln ist grundsätzlich keine schlechte Idee. Nur ist Politik immer auf Effekte bedacht und angewiesen, die innerhalb einer Wahlperiode so terminiert wahrgenommen werden, dass sie die aktuell Verantwortlichen für sich als eigene Leistung verkaufen können. Da stehen die Chancen momentan für den MP und seine neue Mannschaft allerdings nicht sehr gut. Ehrlicher wäre gewesen zusagen: Liebe Sachsen, wir haben zu wenig Lehrer, die Seiteneinsteiger konnten das Problem nur bedingt lösen. Unser Vorschlag: Wir streichen Stunden, die als Gesamtmenge ohnehin ausgefallen wären so, dass wir wieder eine Gleichstellung aller Schulen hinbekommen, egal ob die nun auf dem flachen Land oder in Leipzig (der Stadt mit der sachsenweit besten Lehrerversorgung) steht und sichern euch zu: Es gibt keinen Langfristausfall mehr. Oder sowas in der Art. Dieser Marketinggag allerdings mit der Entlastung, der trieft vor Realitätsferne und man muss sogar ernsthaft vermuten, die glauben selbst daran. DAS aber wäre nun wirklich Grund zur Sorge.