An die Wunschschule geklagt

Nein, die aktuelle Praxis, den Schulleitungen die Aufnahme an einer Schule zu überlassen und ihnen keine objektiven Auswahlkriterien mitzugeben, ist nicht der Idealfall.  Der Vorschlag, den Notendurchschnitt zu diesem „objektiven Kriterium“ zu machen, ist kontraproduktiv und wenig weitsichtig.

Schauen wir einmal einige Jahre zurück. Früher mal, da war die Aufgabe des Bildungssystems nicht, allen die  gleichen  Chancen  auf  dem  Weg  zum  Abitur  zu  bieten oder das Abitur zu garantieren. Ursprünglich  ar es Aufgabe des Bildungssystems, Menschen zu befähigen,  „sich in der Welt zurechtzufinden, sich in die Gesellschaft  zu  integrieren  und um  alle  gesellschaftlich relevanten  Positionen  zu  besetzen, also sowohl anspruchsvolle  wie  auch  weniger  anspruchsvolle“ (Böhner-Taute, 2018).

Es war im Jahre 1964, da vereinbarte man das Ziel, die Abiturentenzahlen zu erhöhen. Bei der Reform des Bildungswesens sprach man erstmalig von Chancenungleichheiten beim Erwerb der Hochschulreife. Dem folge das, was man heute als Bildungsexpansion bezeichnet. Einige der Folgen: die horizontale Differenzierung,  mehr Möglichkeiten von Bildungsabschlüssen in der Breite (was dann wieder dazu führt, dass junge Menschen länger im Bildungssystem verbleiben und nicht als Ressourde dem Wirtschaftssystem zur Verfügung stehen.  Und: ie Konkurrenzen um Bildungsabschlüsse haben sich nach oben verlagert. Der Wandel des Abiturs vom „exklusiven Bildungstitel zum Massenzertifikat“ als frühere zentrale Selektionsinstanz  verschiebt eben diese Selektion.(Baader & Freytag, 2017, p. 531).

Die Entscheidung, den Besuch des Gymnasiums nicht mehr von der Bildungsempfehlung abhängig zu machen, führt – völlig logisch – dazu dass mehr Kinder an Gymnasien angemeldet werden. Und dies ist eben keine Verantwortungslosigkeit der Eltern, wie ihnen gerne mal vermittelt wird. Eltern wollen – in den meisten Fällen – das Beste für ihre Kinder. Und das ist in Bezug auf die Bildung die Chance auf den höchstmöglichen Abschluss, denn dieser ist der Schlüssel zu gesellschaftlicher Teilhabe und für die entsprechenden Türen auf den Arbeitsmarkt. Wer will es ihnen verdenken, wenn sie eben NICHT die Oberschule wählen. Und wer will ihnen verdenken, ihr Kind auf das Gymnasium zu schicken, das ihnen das Beste zu sein scheint. Aber welches ist das beste Gymnasium? Gerne wird darauf geschaut, was eine Schule so „produziert“. Wie viele Einserabis. Oder wie viele Bildungsempfehlungen fürs Gymnasium. Eine Statistik, wie viele Schüler auf dem Weg zum Abitur an dem einen oder anderen Gymnasium verloren gehen, die gibt es nicht. Zumindest nicht in Dresden. Was mit Schülern passiert, wenn sie vom Gymnasium an die Oberschule wechseln müssen, das hat die Stadt Dresden mal untersuchen lassen. Studie Schulformwechsel. Es wäre durchaus mal interessant, darauf zu schauen, welche Schule es denn schafft, niemanden fallen zu lassen. Damit würde man auch die Oberschulen stärken.

Nun also das Grundschulzeugnis als Aufnahmekriterium an Gymnasien. Das ist keine Lösung, sondern verlagert nur das Problem der Selektion. Damit schafft man sich eine weitere verborgene Klassengesellschaft – zwischen den Gymnasien nämlich.  Das gab es übrigens schon mal und wurde wohlweislich abgeschafft. Zielführend im Sinne einer Chancengleichheit (wenn diese überhaupt jemals herstellbar sein sollte) ist das nicht. Sondern nur eine weitere Selektionsinstanz, die genau die benachteiligt, die ohnehin schon nicht privilegiert sind.

References
Baader, M. S., & Freytag, T. (Eds.). (2017). Bildung und Ungleichheit in Deutschland. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Böhner-Taute, E. (2018). Chancenungleichheiten im Bildungsverlauf. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. .