Spielplatzbeobachtungen

Zugegeben, auf einem Spielplatz habe ich nicht mehr wirklich etwas verloren. Nicht mehr und noch nicht, genauer gesagt. Dennoch saß ich heute auf einem solchen, in Prerow. Anlass war mein lädiertes Knie, was zu einer Pause zwang. Ein bisschen in die Sonne setzen und an nichts denken. Dachte ich. Vor uns ein Spielplatz, pädagogisch wertvoll. Eine nicht mehr ganz junge Mutti – ich schätze sie auf Anfang 30 – saß da und beobachtete die mehr als deutliche Rangelei von zwei Kindern. Ein Mädchen, vielleicht 6, saß auf so einem dieser Wippepferdchen und ein kleiner Junge von etwa vier Jahren war etwas ungeduldig und der Meinung, sie müsse da sofort verschwinden, weil er schaukeln wollte. Das ging eine ganze Weile so. Beide Kinder hatten nichts gewonnen. Das Mädchen kam nicht zum Schaukeln. Der Junge nicht zum Ziel. Die junge Frau schaute ein paar Mal zu uns. „Seid Ihr die Eltern des Mädchens?“ „Nö, Unsere sind schon etwas größer“ beeilte ich mich zu sagen.

„Naja“ versuchte sie ihre Frage zu erklären, „manche Eltern haben etwas dagegen, wenn Kinder so etwas unter sich ausmachen“. Dieses „Unter sich“ – also die Rangelei ums Schaukelpferd – war inzwischen weitergegangen. Ohne ein Ergebnis. Anders gesagt, stand der Sieger noch nicht fest. „Ihr habt das ja alles schon durch“ meinte sie. „Ja.“ Sagte mein Mann. „Und nun beobachtet man die Spielplatzszenen mit ein wenig SChadenfreude?“ Versuchte sie einen Scherz. „Nein, nicht Schadenfreude. Ich wundere mich nur manchmal“ sagte ich eher zu mir.

Der kleine Junge hatte inzwischen gesiegt. Das Mädchen hatte nachgegeben und ihn auf das Schaukelpferd gelassen. Keine zwei Minuten später stieg der Junge vom Spielgerät und trat seine kleine Schwester, nicht einmal ein Jahr alt, gegen den Kopf. Offenbar störte ihn nun die Aufmerksamkeit der Muter, die dem Baby galt. „Das gefällt mir aber gar nicht“ sagte der Vater des Jungen in einem für mich angesichts dessen, was da passiert war, Ton, der fast wie eine Karrikatur klang.

Was hat der kleine Junge nun heute wohl gelernt …

Nun ist das eine kleine Begebenheit. Nicht von Belang? Ich denke doch.

Warum ich das schreibe … Weil ich glaube – aus meiner Erfahrung und dem was ich in den vielen Semestern Geisteswissenschaften gelernt habe – dass Ethik und Moral nichts ist was wir als Selbstverständlichkeit nehmen dürfen. Menschlichkeit muss gelernt werden. Wir sind nicht gut von Natur aus. Wir müssen das gut sein lernen. Lernen, dass es Regeln geben muss damit eine Gesellschaft menschlich sein kann. Dass Freiheit und Demokratie Regeln braucht.