Du siehst das falsch

Das menschliche Alltagsbewusstsein ist bestimmt von der Annahme, dass die Welt so ist, wie sie ist, dass es eine zugängliche objektive Realität gibt, die erkennbar und beschreibbar ist. Wir gehen davon aus, dass das, was wir sehen und hören, ein genaues Abbild einer externen und tatsächlich vorhandenen Realität ist und dass „die anderen“ als logische Folge, dasselbe sehen, hören.
Die Annahme, dass Wahrnehmungen mit der „Realität“ übereinstimmen, ist eine lebensnotwendige Vereinfachung. Würden wir ständig unsere Wirklichkeit in Frage stellen, resultierte daraus eine solche Verunsicherung, die uns innerhalb kürzester Zeit in einen Status der Handlungsunfähigkeit versetzte. Wir brauchen ein gewisses Maß an Sicherheit, dass das, was wir wahrnehmen, auch „tatsächlich so ist.“ Jedoch gibt es auch im Alltag zumindest Anzeichen dafür, dass andere ihre Welt anders wahrnehmen als wir selbst und dass unsere eigenen Wahrnehmungen anders sein können als die vermeintliche Realität. Jeder kennt den Satz: „Das siehst du falsch.“
Erkenntnisse der Neurobiologie belegen, dass Wahrnehmen, Sehen, Hören, Fühlen, Riechen nicht das Abbilden einer externen Realität ist. Farben sind keine Eigenschaften von Gegenständen, Farben entstehen durch Licht. Farben, die wir sehen, entstehen durch Transformationen im Nervensystem. Töne entstehen erst aus Schallwellen in unserem Kopf. Kein Objekt, kein Ding hat Eigenschaften, die es von sich aus besitzt, sondern sie werden ihm zugeschrieben. Dies trifft auch für soziale Phänomene und menschliches Verhalten zu. Wir würden alle gern in einer Welt leben, in der Dinge nur so sein können, wie wir sie sehen.Soweit so gut. Dies wird aber genau dann zu einem Problem, wenn unterschiedliche Sichtweisen, unterschiedliche Wahrnehmungen kollidieren. Im Großen wie im Kleinen