Glasbruch

– manchmal bleibt nur Sarkasmus.

Ich dachte immer (ist natürlich Quatsch, aber irgendwie muss man einen Anfang finden) Pädagogen wüssten, wovon sie reden, wenn sie von Pädagogik reden. Nein, Frau Kurth, Kinder „zerbrechen“ (welche Wortwahl!) nicht an „den Anforderungen“ einer Schule. So argumentiert es sich einfach und verlagert die Verantwortung an der Stelle völlig zu unrecht auf die Eltern.
Was wollen den Eltern in aller Regel? Das Beste für den Nachwuchs. Und dies nicht aus Jux und Dollerei oder wegen der Nachbarn, Schwiegereltern oder Arbeitskollegen. Nein, in aller Regel wollen Eltern, dass es die Kinder besser, leichter, einfacher haben. Dass ihnen keine Chancen verbaut werden, ihnen alle Wege offen stehen, „etwas zu werden“. Ob der Weg, den Eltern wählen, immer der geeignete für das Kind ist, das eigene Kind manchmal anders eingeschätzt wird was die Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten betreffen, das ist normal. Aber eine Bildungsempfehlung ist auch nicht besser. Zumindest nich die, die auf Zensuren in der Grundschule beruhen.

Wir leben in einer Zeit, die scheinbar unendlich viele Möglichkeiten bietet. So unüberschaubar wie das Angebot an Käsesorten, so vielfältig sind die Bildungswege. Es gab Zeiten, da wurde der Handwerkerssohn Handwerker wie der Vater auch. Dementsprechend hatte das Kind eines Mediziners den elterlichen Weg einzuschlagen. Ungeachtet des Habitus, der nach wie vor die soziale Mobilität begrenzt, so ist Mobilität heute scheinbar kreuz und quer durch die Gesellschaft möglich. Der fatale Fehler: der Glaube an die gerechte Verteilung der Chancen. Versuchen wir das mal aufzudröseln. Theoretisch kann jedes Kind das Abitur machen, studieren, einen Hochschulabschluss erhalten und später einen dementsprechend vergüteten Job bekommen. Theoretisch. Praktisch geht das nicht und praktisch ist das – Achtung – nicht einmal wünschenswert. Gesellschaftlich gesehen. Eine – unsere – Gesellschaft braucht schlicht und ergreifend Menschen mit Abitur und Hochschulabschluss, aber genauso auch Menschen, die nicht studiert haben. Eine – unsere – Gesellschaft kann nicht nur Menschen in wohldotierten Jobs unterbringen, dazu ist sie momentan einfach nicht ausgelegt. Wir tun aber so. Job ist immer Büro. Zur Arbeit fährt man immer im Hellen nach dem Frühstück. Eine Gesellschaft besteht aber nicht nur aus Führungskräften.
Schule hat für die Gesellschaft eine so genannte Allokationsfunktion. Darüber redet niemand gern, besonders die nicht, die das Bildungssystem immer so gern reformieren wollen. Die so tun als könne jedes Kind tatsächlich alles werden. Kann es nicht selbst wenn es könnte.
Somit wird immer mehr Verantwortung auf den einzelnen delegiert. So wie jetzt auf die Eltern. Die logischerweise erst einmal versuchen werden für das Kind den Bildungsweg zu wählen, der die meisten Möglichkeiten bietet. Wenns das Kind nicht schafft, haben die Eltern falsch gewählt. Oder sich nicht genug gekümmert. Oder sonstwas.
Der Appell von Frau Kurth an die Vernunft könnte man als blanken Hohn verstehen, diesen hilflosen Versuch, einen drohenden Run aufs Gymnasium noch abzuwenden. Zum Glück gibts ja die „feinen Unterschiede.“

An den Anforderungen zerbricht ein Kind nicht. Sein Lebensmut, sein Selbstvertrauen, Freude am Lernen, entdecken, all dies zerbricht wenn es erfährt, nicht zu genügen. Wenn es die Verantwortung übergeholfen bekommt für Dinge, die ganz woanders liegen. Es zerbricht an einer ziemlich großen Lüge.

Ausweg? So einfach ist der nicht zu finden. Es gibt ihn nicht.