Angst

Anlass für den Text – eine Pressekonferenz. Die Stadt benötigt weniger Geld für die Kosten der Unterkunft. Also Unterstützung für Menschen, die sich ihre Miete nicht leisten können. Warum der geringere Bedarf? Weil es nicht ganz so viele Menschen sind, weil weniger Menschen in so prekärer Lage leben, weil man pessimistischer geplant hat. Im Grunde steht die Stadt gut da.

Nehmen wir diese Dinge, das, was gut ist, was positiv macht, eigentlich noch wahr? Es ist eine Binsenweisheit, dass eine positive Einstellung zum Leben (damit ist keiner dieser Thinkpositiveratgebersolgans gemeint! Sondern eine realistische Weltsicht) Menschen sich anders verhalten lässt als Angst, Verunsicherung, Misstrauen.

Es wundert jedoch nur bedingt dass Unzufriedenheit sich breit macht, Misstrauen gegenüber allem was „von oben“ kommt, was auch immer damit gemeint ist, gegenüber der Presse, Politik, Fremden. Und ich bin fest davon überzeugt dass Politik und Medien hierfür einen Gutteil verantwortlich sind. Nein, das wird keine Medien- oder Politikerschelte. Sondern das Problem ist „systembedingt“. Es stehen Wahlen an, Wahlen sind ein Grundpfeiler unserer Demokratie, wir können wählen, wer unsere Politik bestimmen, wer regieren soll. Wer wählen will, muss sich entscheiden. Wer gewählt werden will, muss einen Grund liefern, warum. Vor allem wenn mit einer Wahl eine Veränderung herbeigeführt werden soll. Es muss also bewiesen werden dass der Status quo veränderungswürdig ist, dass etwas verändert werden muss, dass etwas nicht gut ist. Logisch, never change a Running System. Deshalb machen Parteien uns am laufenden Band klar, irgendwas an der Welt, am jetzt, ist schlecht. Sie machen uns auch klar, die anderen sind alle blöd, nicht vertrauenswürdig, unfähig, können es nicht, haben die falsche Strategie, führen ins Elend und  nur die für sich werbende Partei kanns, hat den Stein der Weisen,

Das hat lange funktioniert. Und ich vermute weiter, dass es bei einem Teil gewirkt hat. Das Misstrauen sitzt tief, so tief dass keiner der etablierten Parteien mehr über den Weg getraut wird, ein Teil der Leute ist aber auch die Versprechen leid. Zum einen ist ja wohl logisch dass kein Gesellschaftssystem den Himmel auf Erden und absolute Gerechtigkeit herstellt, es gibt keine Gesellschaftsform ohne Ungerechtigkeit. Aber das ist so weil Menschen eben Menschen sind. Und zwar alle samt und sonders. Zum anderen wurde bewiesen dass es für Opposition nun mal einfacher ist  zu versprechen als dann in Verantwortung diese Versprechen auch einzulösen.

Meine Stadt gilt als zerrissen. Die Verständigung zwischen dem Menschen sei gestört. Wir müssten lernen, wieder miteinander zu reden. Ja, das stimmt. Menschen sind nicht immer einer Meinung und in meiner Stadt kann man aus allem ein Thema machen was die Stadt teilt. Was dagegen tun? Manchmal, wenn ich im Stadtrat auf der Mitarbeiterbank sitze, bin ich froh, dass das öffentliche Interesse so gering ist. Kein gutes Vorbild an Diskussionskultur.

Früher gehörte ich selber dazu. Und ein Journalist verlieh mir mal den Titel Kassandra. Stimmt. Ich habe selbst die Instrumente politischer Profilierung genutzt. Und ja, damit man in der Zeitung erscheint, muss man Botschaften liefern. Möglichst drastische. Kritik. Kassandrarufe eben. Mit Lob der Verwaltung wäre ich als Schul- und Finanzpolitikerin nie ernst genommen worden. Nicht in den Medien, nicht in meiner damaligen Partei.

Wenn mich heut jemand fragt, was wollt ihr gegen die Situation tun, wie wollt ihr Vertrauen schaffen … niemand hat ein Patentrezept und manchmal verlässt mich mein Optimismus. Es wird kein Wundermittel geben. Es ist zu hoffen dass viele Menschen die Verantwortung übernehmen. Selbst übernehmen. Selbst etwas tun. Nicht nur von anderen fordern.

Demokratie ist nicht bequem, das hat aber auch niemand behauptet. Sie beinhaltet Unsicherheiten, es ist eben niemand da „der endlich mal sagen muss, wo es lang geht“. Demokratie bedeutet dass man Menschen eben nicht zu einem Verhalten oder jener Einstellung oder einer Weltsicht oder einer Lebensweise verdonnern kann.

So. Wo waren wir? Bei den Kosten der Unterkunft. Ich erinner mich an einige Haushaltsdebatten auch aus meiner Stadtratszeit in denen mindestens drei mal der Weltuntergang prognostiziert wurde, wenn nicht Summe x. Verunsicherungsfaktor 1. Eingetreten sind diese Szenarien nicht. Verunsicherungsfaktor 2 und der schlimmere von beiden. Man kann sich irren, aber irgendwann einmal werden Warnungen nicht mehr ernst genommen weil nicht unterscheidbar ist, welche sind ernst, welche nicht. Das Überzeichnen von Katastrophenszenarien führt nicht zum Nachdenken sondern eher zu dem Schluss, dass die Kassandras dieser Welt nicht ernst genommen werden  können. Wenn es nun nicht „nur“ die Opposition ist sondern um Positionen in Verantwortung, dann tut das nicht gut.

Politik hat zu lange am eigenen Ast gesägt, das Vertrauen in sich selbst untergraben. Bei den Medien ist das leider ähnlich. Dazu aber später mal.