Der Menschheit Würde

So lautet der Titel des Werkes, das eigens für den 50. Geburtstag der Philharmonischen Chöre komponiert wurde.

Als ich die Noten in die Hand bekam, schaute ich zwei Mal hin, irgendwie konnte ich es kaum glauben. Sofort hatte ich ein Bild vor Augen. Ein Bild einer Plane, papyrusweisse Schrift auf dunkelblauem leicht ins Petrol driftenden Grund. Sie ersetzte zeitweise die Werbung auf der Bauplane am Kulturpalast. Erstmals hing sie zu Beginn des Jahres 2015, dem Jahr nach dem Aufkommen von Pegida. In einer Zeit, in der niemand wusste, wie man mit diesem Phänomen so richtig umgehen sollte, gezeichnet von überbordender politischer Korrektheit, die in Untätigkeit ihren Niederschlag fand.

Der 13. Februar ist in Dresden immer ein besonderer Tag und die Bilder der Montagsspazierer hatten uns zusätzlich geschadet, es sollten jedenfalls andere Bilder von Dresden ausgehen. Den Krakeelern auf den Plätzen sollte etwas entgegengesetzt werden, was an das erinnert, was das Menschsein ausmacht. Damals – noch Angestellte der städtischen Tochter, deren Logo auch auf dem Banner steht, hatte ich ziemlich direkt mit dieser Aktion zu tun. Und erinnere mich sehr gut daran, dass es alles andere als einfach war, bis die Plane hing. Kann man, geht das, als städtische Tochter ein politisches Statement und welches und machen dann auch alle mit … Ich bin auf nicht viel stolz aus meiner Zeit dort, aber darauf schon: Es wurde wahr und die Plane hing.

Ich persönlich war für die Variante blau auf weiß, der Kollege aus dem Kulturamt überzeugte mich aber und es war gut so. So sah das Teil dann aus:

Quelle: Dresdner Philharmonie (Aufnahme zum Richtfest)

Weithin sichtbar über den Altmarkt. Heute ist sie schon fast vergessen, aber sie hatte es sogar in den Spiegel geschafft. Immerhin. Das war übrigens der 13. Februar an dem Helma Orosz sagte, Dresden war keine unschuldige Stadt und Dresden war nicht nur Opfer. Der Mensch ist vergesslich.

Nun – das Stück „Des Menschen Würde“ ist modern, es ist kantig, es ist eckig und es ist erstmal auf den ersten „Hörer“ überhaupt nicht harmonisch. Als Sänger liebt man sowas nur bedingt. Insbesondere, wenn die anderen Stimmen oder – noch schlimmer – das Orchester etwas ganz anderes tut als man selbst, man gegeneinander ansingt oder musiziert. Bei dem Stück aber ist es genau richtig so. Ich sehe beim Singen Bilder vor mir. Die Eröffnung des Monument. Die krakeelende bedauernswerte alte Dame, die meinte mir am 2. Oktober das Handy aus der Hand schlagen zu müssen. Die, die allwöchentlich ihren Lebensfrust damit bewältigen wollen, in dem sie Rattenfängern hinterherlaufen. Und ich sehe machmal auch den Plenarsaal. Das Orchester zeigt in Tönen das, was momentan passiert. Hier und überall. Nicht nur in Dresden – leider muss man das immer wieder betonen. Ich habe keine Ahnung ob der Komponist sich das dachte, was ich höre aus seine Werk. Das ist aber auch egal. Es passt in diese Zeit und nach Dresden so gut wie selten etwas passt.

Der Menschheit würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie. Sie sinkt mit Euch, mit Euch wird sie sich heben.

Eine Stelle gibt es, an der wird das Stück sehr still. Nur noch ein Herzschlag ist zu hören. Eine Mahnung. Das Konzert ist fast ausverkauft. Das ist zu wenig, nur dieses eine Konzert, finde ich. Aber manchmal hat man einen Wunsch frei. Mein Wunsch ist, dass dieses Werk ein Teil von Dresdens Kultur wird.