Widersprüche oder Zusammenhänge

Kürzlich gesehen in einem Ostseebad. Ein Urlaubsort, in dem zumindest in der Hochsaison Bäcker gut zu tun haben. Und ich meine nicht nur die Handwerksbäcker (die selten genug sind). Eine Bäckereifiliale muss schließen, weil man keine Verkäuferin fand. Nachwuchsmangel, Fachkräftemangel? Der Ruf tönt schon eine ganze Weile seit geraumer Zeit. Mich hätte ja interessiert, was der Arbeitsplatz den für Konditionen beinhaltete. Mindestlohn und 20 Stunden die Woche? Oder eine geringfügige Beschäftigung? Der Arbeitsplatz ist das eine. Den Lebensunterhalt davon bestreiten zu können UND davon leben (!) zu können ist das andere. Wir reden da natürlich über den Lohn. Wir reden aber auch über die Rahmenbedingungen am Lebensort. Wenn dieser eine Tourismushochburg ist, mögen die Bedingungen für Touristen sicher ideal sein. Für Einwohner sind sie es nicht immer. Wenn nur hochwertige und exklusive Ferienwohnungen gebaut werden, wenn  Einkaufsmöglichkeiten hauptsächlich tourismusorientiert sind, wenn am Lebensort kein Platz mehr ist. Nicht umsonst beginnen viele Regionen, über einen sanfteren Tourismus nachzudenken. Barcelona, Venedig, Alpendörfer. Zurück zum Bäcker. Mindestlohn, Arbeitszeit von 4:30 – 12:00 und ein weiter Arbeitsweg mit dem Bus. Wer greift da gerne zu?

Szenenwechsel.

Presseartikel über fehlenden Nachwuchs in Ausbildungsberufen, die im Dienstleistungssektor oder im Handwerk angesiedelt sind. Für die man nicht unbedingt ein Studium braucht. Deren Verdienstobergrenzen schnell erreicht sind. Schnell kommt der Ruf aus der Politik, da müssten sich die Arbeitgeber etwas einfallen lassen. Solche Rufe kommen gern und schnell aus der Politik, sind nur sinnfrei, weil Fordern eine der leichtesten Übungen ist, so man sich um das Umsetzen der Forderungen keine Platte machen muss.

Politik. Schönes Stichwort. Bildungspolitik. Noch besser. Was ist den heute ein guter Bildungspolitiker. Als guter Bildungspolitiker verspricht man Chancengleichheit. Förderung für alle. Jeder kann gewissermaßen alles erreichen und mit einem entsprechenden Bildungssystem ist das auch möglich. Nun ist aber eine Gesellschaft ein ziemlich komplexes Ding. Stellen wir uns mal vor, alle würden studieren wollen, Informatiker werden. Oder Biologe. Oder Geschäftsführer. Wer stellt dann die Gerätschaften für die Labore her? Führt den Kalender des Geschäftsführers (und regelt seine sonstigen Angelegenheiten, ohne Assistenten sind Geschäftsführer meistens recht hilflos)? Wer putzt Labore und Schreibtische? Auch diese Aufgaben gibt es in einer Gesellschaft und wir sind darauf angewiesen, dass „jemand“ diese erfüllt. Besonders die, die keiner sieht (Putzen, Reparieren, anderen den Dreck wegräumen, pflegen, helfen) oder die, die man richtig sieht (Haarpracht, ordentliche Dächer). Leider leider haben Schulen eine Allokationsfunktion. Darunter versteht man die „Chancenzuteilungsfunktion“. Eine ziemlich miese Rolle. Sie muss die unangenehme Aufgabe erledigen, die unrealistischen Bilder, die Bildungspolitik malt, zu entzaubern. Was ist nun schlimm daran, wenn jemand nicht studiert und mit Herzblut Friseur, Bäcker, Fleischer, Reinigungskraft, Hotelfachfrau wird? Erst Mal nichts. Das Tragische ist, dass wir diese Berufe brauchen, das Renommee oder Prestige aber ein ziemlich mieses ist. Das fängt bei der Bezahlung an. Was ist Arbeit wert? Dazu zählt im Übrigen auch geistige Arbeit. Vergessen wir gerne mal. Es geht aber nicht immer nur ums Geld. Mir sagte mal eine Projektleiterin einer Baufirma : “ Wir Projektleiter sind es doch, die die Aufträge akquirieren, die den Bestand des Unternehmens sichern, das Geld verdienen.“ Die Projektmitarbeiter, Assistenten, Sekretäre, Hausmeister und so weiter also nicht. Der Witz bei dieser Aussage war zudem, es handelt sich um eine städtische GmbH. Nun gut. Wertschätzung? In selbiger Firma berichtete mir ein Hausmeister, es gäbe Kollegen höherer Hierarchiestufen, die würden nie zuerst grüßen. Wertschätzung! Kleinigkeiten im Alltag, Großigkeiten auf gesellschaftlicher Ebene. Wer verübelt es Jugendlichen, wenn  sie den Versprechungen folgen und den Bildern, die unsere auf Perfektion ausgerichtete Gesellschaft malt? Zum Job geht man frisch frisiert mit gebügeltem Hemd, morgens im Sonnenschein nach ausgiebigem Frühstück ins Büro. Hat studiert, ist Führungskraft. Oder wenigstens Fachkraft.  Die Jugendlichen zu verurteilen, ihnen mangelnden Leistungswillen zu unterstellen ist pure Ignoranz. (Übrigens … Bäcker und Fleischer sind in Zeiten des kohlehydratfreien veganen Antilaktoseismus auch einfach nicht mehr „in“.)

Apropos Wertschätzung: Wie halten wir es denn so mit den Schulen? Den Lehrern? Da schließt sich der Kreis zur Bildungspolitik. Wer Schulen permanent als rückständig und unbeweglich hinstellt, Lehrer zu den Trotteln der Nation macht, muss sich nicht wundern, wenn die Motivation den Bach runter geht. Abgesehen davon ist die Darstellung falsch. Es glaubt nur zunehmend jeder, mitreden zu können und zu wissen was gute Schule und gute Bildung ist. In der aktuellen Debatte geht es aber bei genauem Hinsehen gar nicht mehr um Wissen und Bildung. Sondern es wird Politik auf Schule projiziert. Als ob Schule ein Raumschiff wäre, losgelöst von gesellschaftlicher Realität. Mein Lieblingsthema ist Inklusion. Ich frage rhethorisch: Wie sieht ein Spielplatz aus, der barrierefrei, sicher, interkulturell ist, aber noch seinen eigentlichen Zweck erfüllt, körperliche Bewegung, die Entwicklung des Körpergefühls zu fördern und Physik am eigenen Leib zu erleben?

Es fällt schwer, als Bildungswissenschaftler und ehemaliger Bildungspolitiker ruhig zu bleiben. Ganz besonders dann, wenn Schulen und Lehrer als unbeweglich und nicht lernfähig hingestellt werden. Von Wissenschaftlern. Organisationen übrigens reagieren per se nicht immer ganz schnell. Das hat auch sein gutes. Großes Schiff und kleines Schiff. Das Große Schiff braucht länger zur Kursänderung. Wird aber auch nicht gleich von jeder Welle umgeworfen.