Experten in der Zeitung

„Den Eltern wird eingeredet , dass für ihr Kind auf der Oberschule nicht mehr alle Lebenschancen offen sind . Das ist eine Fehleinschätzung . Dieses Land lebt von Facharbeitern . Der Bedarf wächst auch mit dem wachsenden Dienstleistungsbereich . Ein Oberschulabschluss ist nichts , womit man gesellschaftlich absteigt . Es bleiben alle Wege offen , auch der Übergang zur Universität.“

Dieses Zitat aus einem Interview mit einer Stadträtin ist ein solches Sammelsurium an Unfug, der sich auch noch widerspricht und deshalb auseinandergenommen gehört. Im betreffenden Artikel steht davon noch mehr, aber ich belasse es erstmal dabei.

Lebenschancen

Es geht los mit „den Eltern wird eingeredet“. Warum das Passiv? Wer redet den Eltern ein und warum und sind Eltern so dämlich, dass sie sich überhaupt etwas einreden lassen würden? Und vor allem, warum sollte irgendwer den Eltern einreden (was ja in diesem Artikel etwas schlechtes zu sein scheint) dass das Beste fürs Kind nun einmal das Gymnasium ist. Reaktionäre Versuche der Volksbeeinflussung? Ganz bestimmt und morgen kommt der Weihnachtsmann, sagte mir gerade der Osterhase. Es wird also den Eltern eingeredet, an der Oberschule stünden den Kindern nicht mehr alle Lebenschancen offen. Liebe Expertin, keinem! Menschen! stehen jemals alle Lebenschancen offen. Leider ist Ullrich Beck verstorben und kann darauf nicht mehr antworten, so empfehle ich die Kenntnisse der Individualisierungsthese von Herrn Beck wieder aufzufrischen. Sollte man als Experte der Bildung ab und an.

Für Nichtexperten ganz verkürzt: Individualisierung ist die Herauslösung der Biographie des Einzelnen aus den früher sehr bestimmtenden sozialen Strukturen. Man blieb wo man geboren war, erlernte den Beruf des Vaters. Mobilität gab es früher eher selten, nicht lokal und nicht sozial. Heute kann theoretisch jeder (fast ) überall hin, auch sozial sind Aufstiege und Abstiege möglich, die so früher fast ausgeschlossen waren. Das ist etwas gutes. Klingt super, Jedem stehen alle Lebenschancen offen. Der Mensch ist der Gestalter seiner eigenen Biografie.

Ganz langsam lesen. Der Mensch. ist Gestalter. seiner eigenen Biografie. Das Aber dabei: er trägt damit aber auch alle Risiken. Das heißt, wer es nicht schafft, seine Lebenschancen zu nutzen, ist selbst schuld. Was heißt überhaupt Lebenschancen nutzen? Was versteht die Gesellschaft darunter, die Gesellschaft, die wachstumsgeprägt ist, in der das Mehr, das Wachsen, der Aufstieg zählt? Ein ziemlicher Druck also, oder?  Lebenschancen nutzen. Nichts anderes tun Eltern, die ihr Kind aufs Gymnasium schicken.  Kommen wir nochmal zum Vorwurf des Einredens, gegen wen auch immer er gerichtet ist. Ein Eigentor, so scheint es, dreht sich in der Bildungspolitik immer alles um Bildung als Schlüssel zur Zukunft, zu sozialem Aufstieg, zu Lebenschancen. Und dreht es sich doch immer irgendwie darum, dass alle Kinder barrierefrei aufs Gymnasium gehen können dürfen sollen. Kampf um Zugang zur Mittel- oder besser gesagt Oberschule? Wenn das Gymnasium denn doch nicht der richtige Weg ist? Fehlanzeige.

Bleiben wir aber einmal bei den Lebenschancen. Zwar kann die theoretisch jeder nutzen, aber ihre Anzahl hat sich nicht erhöht. Genauer gesagt die Türen zum Aufstieg sind nicht mehr geworden oder anders ausgedrückt: die Relationen sozialer Ungleicheit sind gleich geblieben. Nennt man auch Fahrstuhleffekt. Insgesamt sind die Lebensbedingungen verbessert, aber die Ungleichheiten sind noch immer da, nur einige Ebenen höher.

Jedem stehen alle Lebenschancen offen. Und damit steht jeder mit jedem um diese Lebenschancen – eben weil sie begrenzt sind, im Wettbewerb. Wer es nicht schafft, hat seine Chancen nicht genutzt. Zynismus? Ja. Natürlich.

Dieses Land lebt von …

Wir nähern uns der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Dieses Land lebt von Facharbeitern und braucht Dienstleister. Es kann nicht nur Wissenschaftler, Führungskräfte und Spitzenpolitiker geben. Welch eine Binsenweisheit. Im Übrigen ist dies auch die Ursache dafür, dass die Lebenschancen (was auch immer man darunter versteht) nicht unendlich sind sondern begrenzt. Eine differenzierte Gesellschaft braucht tatsächlich Dienstleister, Facharbeiter und Wissenschaftler. Letztere aber nicht in der Überzahl. Ist so. Und Schule hat die wichtige und leidige Funktion der Zuteilung. Oder Allokation. Ein ziemlich blöder Job. Denn gleichzeitig soll Schule ja helfen, Lebenschancen zu eröffnen und zu nutzen. Blöd dabei ist natürlich, wenn das Land zwar von Facharbeitern lebt und Dienstleister braucht, diese aber kaum oder nur eingeschränkt davon leben können.  Ein Wunder ist es nicht dass Eltern versuchen ihr Kind möglichst aufs Gymnasium zu schicken.  Und jeder Versuch, die Mittel- oder Oberschule aufzuwerten, war bisher doch nur halbherzig und unglaubwürdig.

Es bleiben alle Wege offen

auch der zur Universität. Warum denn das auf einmal? Kommt man mit dem Oberschulabschluss doch nicht so weit? Ist der Weg zur Uni also doch der Beste? Und nicht der Facharbeiterabschluss und dann auch die Ausübung des Berufes, den Deutschland zum leben braucht, oder ein Berufsleben als Dienstleister.

Zu guter Letzt noch die Frage des Abstiegs. Ganz sicher ist die Oberschule kein sozialer Abstieg. Nur wenn man die Einrichtung eines Gymnasiums in einem Stadtteil, der mit sozialem Abstieg gleich gesetzt wird, fordert und argumentiert, dass durch die Einrichtung des Gymnasiums sich in diesem Stadtteil irgend etwas verbessert, hat ein Problem mit der Logik.

Mir scheint, das ist ein typisches Politwahlkampfsprechzitat. Und darüber rege ich mich auf. Immer noch.