Allergien

Sehr oft denke ich über meine Stadt nach. Sehr oft denke ich darüber nach, warum sich die Dinge so entwickelt haben, warum Dresden so viele Gesichter hat – ein paar davon sind verdammt hässlich.  Und frage mich, wie konnte es dazu kommen. Wie konnte es überhaupt zu irgendwas kommen. Und was ist es, was ist irgendwas. Mir sind all die lauten Erklärungen und Zuschreibungen einfach zu einfach. Ich glaube man macht es sich zu einfach. Viel zu oft.

Sachsen ist braun, der Osten tendiert zum rechten Gedankengut … und weiter? Ich glaube die Blindheit auf dem rechten Auge ist weiter verbreitet. Viel weiter. Nicht nur im Osten. Aber es lenkt eben so schön ab. Auch von den Problemen, die man angehen müsste. Das Gesichtsfeld ist viel mehr eingeschränkt als nur rechts. Oder anders gesagt: Es gibt, davon bin ich jedenfalls mittlerweile überzeugt, noch zwei blinde Flecken, die sind aber nicht ganz so einfach zu erkennen und noch weniger zu beseitigen. Der eine blinde Fleck betrifft das Thema Integration. Ein viel gebrauchtes Wort. Integration. Ab wann gibt es sie eigentlich nochmal genau?

Vielleicht liegt eine Ursache, dass es jetzt so ist wie es ist, genau darin, in diesem blinden Fleck.  Vielleicht fehlt uns der verklärungsfreie, ehrliche und vorurteilsfreie Blick auf die eigene Geschichte – und das ist der andere blinde Fleck. In Ost wie in West. Und auf die Zeit nach der Wiedervereinigung. Hat da Integration stattgefunden? Integration wie sie heute verstanden werden will? Ich glaube, da gibt es noch einiges aufzuarbeiten. Und nicht nur mit dem Blick der Politikwissenschaften. Sondern mit dem Blick auf die Sozialgeschichte. Ich habe allerdings meine Zweifel, dass es eine solche Aufarbeitung geben wird, zumindest in absehbarer Zeit. Sie wäre zu unangenehm.

Als politisch aktiver Mensch, der sich lang, vielleicht ein bisschen zu lang für den perfekten Lebenslauf, mit  Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Bildungswissenschaft befasst hat, ist es immer weniger einfach, das Glas herumzudrehen. Weil es eben alles nicht so einfach ist, weil es keine einfachen Lösungen gibt. Aber jeder sie verspricht.

Wenn  Menschen das Gefühl haben,  die eigene Geschichte nimmt, Ihnen nimmt worauf sie stolz waren, oder Menschen das Gefühl haben, es wird ihnen ihre Geschichte genommen, dann können sie gar nicht offen sein für Neues, haben das Vertrauen verloren. Vielleicht fühlt sich ein Teil der Menschen seiner Geschichte oder seines Lebenswerkes oder wie auch immer beraubt, weil alles so „falsch“ gewesen ist.

Oder umsonst.  Menschen sind unterschiedlich. Das ist so und das wissen wir – Differenzierung wird ja in der Bildungspolitik gefordert. Der Einzelne zählt, weil eben jeder Mensch anders ist. Erwachsene übrigens auch. Auch Erwachsene möchten ernstgenommen werden. Wertgeschätzt werden. Auf etwas stolz sein können. Unzufriedenheit, Neid, Konkurrenzdenken, auch diese  Eigenschaften sind – leider – menschlich. Und wenn wir ehrlich wären nutzen wir heute doch auch. Manchmal sind sie sogar gefordert – im Job, manchmal werden sie befördert – weil das die Auflage erhöht. Unlösbare Widersprüche?

Wir sehen immer nur die Extreme. Und nicht das, was darunter ist. Menschenfeindlichkeit – die Feindlichkeit gegenüber Menschen, die nicht meinem Status, meiner Einstellung, meinen Auffassungen, meinen Haltungen entsprechen – die ist viel viel weiter verbreitet als wir das wahrhaben wollen. Sie beginnt mit Missachtung. In der politischen Rhetorik spielt die eine nicht unmaßgebliche Rolle. Und nun?

Gestern las ich: „Eine Allergie gegen moralische Selbstüberhöhung“. Besser hätte ich es nicht auf den Punkt bringen können. Und eine Pseudo-Allergie gegen einfache Lösungen (weil es die nicht gibt).