Der Ossi – ein Wutbürger?

Es gibt so viele Erklärungsversuche. Viele allerdings vorurteilsbehaftet und das ist ein Problem. Verhalten zu verstehen setzt Vorurteilsfreiheit voraus und die gibt es nicht. Es ist zuviel Politik im Spiel und zu viel Ideologie.

Der Ossi – ein Wutbürger? Wie wäre es mit der These, dass der Ossi schon immer ein Wutbürger war, nur dass sich diese Wut jetzt in einer Weise offenbart, die vor einigen Jahren noch nicht offenbar wurde? Was ist damit gemeint.

Fangen wir mal mit der Bezeichnung Deutsche Demokratische Republik an. Die Bezeichnung war eine Farce. Der Staat war weder demokratisch noch im Wortsinn eine Republik. Und „deutsch“ hatte nach dem Nationalsozialismus die Assoziation nationalistisch in sich. Die DDR war eine Diktatur mit allen Folgen für die Bevölkerung. Psychologischen Folgen. Wie viele der DDR-Bürger haben sich mit „ihrem“ Staat den wirklich identifiziert? Opportunismus – und den gibt es heute so wie es ihn damals gab, mag man moralisch verdammen, dennoch gibt es ihn, aber Opportunismus bedeutet weder Identifikation noch Loyalität. Man hat sich arrangiert. So wie sich Menschen immer arrangieren und versuchen ihr Leben so gut wie möglich zu leben. Wer hier Luft zieht – verstehen, nicht Verständnis haben!

Der „gelernte DDR-Bürger“ wusste, dass die Staats- und Parteiführung nicht immer recht hatte auch wenn es Lieder gab, die genau das besangen. Dass es nicht die besten aller Menschen waren und dass sie sich ein anderes insbesondere materiell besseres leben erlaubten als die Menschen, die sie diktierten.  Misstrauen gegen „die da oben“, gegen den Staat, gegen Parteien, das haben die Menschen in der DDR gelernt. Durch eigenes Erleben, durch die Eltern, die Schule, Bekannte, Freunde.  Hinzu kommt noch die Nachkriegsgeschichte, die ganze Thematik kalter Krieg zwischen Ost und West.

Diktatur, das heißt, denn Menschen wird vorgeschrieben, wie sie zu leben haben. Welcher Mensch lässt sich gern vorschreiben, wie er zu leben hat? Vor allem wenn die Vorbilder selbst nicht glaubwürdig sind. Unter diesen Verhältnissen zu leben prägt Menschen. Auch geprägt hat den Osten die Wahrnehmung des ganz und gar nicht paradiesischen Westens, wenngleich die Aussicht auf Bananen, Palmen und die Bild so viele verwirrt hat.  Dass der Kapitalismus nicht die erstrebenswerte aller Gesellschaftsordnungen ist, dieses diffuse Wissen gibt es durchaus.

Menschen sind Menschen. Sie brauchen für ihre Identität eine eigene Geschichte. Sie brauchen Anerkennung der Lebensleistung, sie brauchen Wertschätzung. Das alles wissen wir heute, besser gesagt propagieren es. Wir reden über Chancengerechtigkeit, Individualisierung, lehnen Diskriminierung ab, wollen integrieren, inkludieren.

Das hat nach der Wende alles nicht stattgefunden. (Achtung, wer hier Luft zieht und zu, „ja aber“ ansetzt, es geht um das Verstehen und man muss erst Verstehen um vielleicht Ideen zu entwickeln was man tun kann um eine Entwicklung zu ändern). Viele haben sich eine bessere Welt nach der Wende versprochen, was auch immer das für den Einzelnen bedeutete. Für die Einen war es die Freiheit des Geistes, für den Anderen die Freiheit des Reisens oder der Berufswahl. Viele Träume und Wünsche haben sich erfüllt. Viele, sehr viele jedoch nicht und den Ossi unterscheidet vom Wesse etwas Gravierendes: Die Anerkennung der Lebensleistung. Was von der DDR ist noch übrig, anerkennenswert? Ich meine jetzt nicht die politische Seite sondern das was Menschen mit ihrer Arbeit geschaffen haben.  Bestenfalls trifft man das alles in eher lächerlichen Museen. Erinnern wir uns an den Ausverkauf durch die Treuhand. An „Buschzulagen“ und ähnliches. Das hat Nachwirkungen hinterlassen.

Es hat keine Integration stattgefunden. Das ist meine persönliche Diagnose. Und dass sie nicht stattgefunden hat, fällt uns heute auf die Füße. „Die da oben“, denen man nicht vertrauen kann, sind „die da oben geblieben“. Und sie sind es tatsächlich, denn Macht macht etwas mit Menschen und nicht jeder der langjährig in der Politik von sich behauptet hat das Beste zu wollen und durchzusetzen oder was sonst auch immer auf Wahlplakaten steht, hat das tatsächlich getan. In Sachsen vielleicht ganz besonders. Fakt ist leider dass Politiker nach einer gewissen Zeit zur Selbstgefälligkeit neigen. Und dass auch in der Politik Machtmechanismen eine Rolle spielen. Die dann dazu führen, dass Versprechen nicht eingehalten werden, Interessen nicht durchgesetzt, entgegen der eigenen Überzeugung abgestimmt. Der Vertrauensverlust ist ein Fakt – er ist nicht nur nicht neu sondern eine Bestätigung dessen, was „man schon immer wusste“.

Der Irrtum liegt jedoch darin dass es eine AFD anders oder besser machen könnte oder würde. Das zu erkennen könnten die etablierten Parteien helfen, dazu bedürfe es aber zuallererst Selbstkritik. Was NICHT hilft ist belehren. Dagegen ist „der Ossi“ allergisch, er ist genug belehrt worden. Und genug lächerlich gemacht. Da haben leider die Medien – denken wir mal an die Heute-Show – auch ne Aktie dran. Der bisschen minderbemittelte sächselnde Ossi mit dem Dederonbeutel, eine so beliebte Satirefigur.

Wut. Warum so viel Wut. Wut ist nicht rational und die wenigsten Menschen sind rational. Es gibt nun auch das Ding was sich Psyche nennt, trotz Politikwissenschaft. Wut kanalisierte sich früher anders. Da war es wichtig, irgendwelche Ersatzteile zu organisieren. Da gab es die eingeschworene Gemeinschaft mit Freunden, Arbeitskollegen, Familie, die das Wissen einte, dass, was in der Zeitung steht, kann man nicht für bare Münze nehmen. Da gab es Netzwerke um sich gegenseitig zu helfen. Es gab ein diffus-klares Feindbild. Staat, Stasi, Medien, Partei. Eben „die da oben“.

Das ist keine wissenschaftliche Analyse. Überlegungen zu Hypothesen vielleicht. Was würde nun helfen? Wenn wir mal über Integration reden und zwar nicht ideologisierend. Wenn wir versuchen würden zu verstehen. Verstehen heißt nicht, Verständnis zu haben oder alles gut zu heißen oder zu tolerieren. Verstehen ist aber notwendig, auch zu verstehen, was Integration heißt. Integration heißt nicht Eingliederung einer homogenen Gruppe in eine andere homogene Gruppe. Gesellschaft ist nichts statisches und Integration ist ein permanenter Prozess. Dazu gehört auch ein Geschichtsbewusstsein. Und unsere Geschichte sollten wir nochmal aufarbeiten. Und dringendst politische Bildung betreiben. Das meint, Kindern und Jugendlichen zu zeigen was Parteien sind, was Machtstrukturen in der Politik sind, wie Menschen von Machtstrukturen beeinflusst werden können. Nicht um Misstrauen zu schüren. Sondern weil das Verstehen von Verhältnissen und Mechanismen hilft, mit ihnen zu arbeiten und sie besser zu machen.