Verzeihung. Ich habe mich verwählt.

Sorry für den Aufwand. Wir hatten gedacht, Sie sind aufs Regieren vorbereitet. Wir hatten gedacht, Ihr Ziel sei das Regieren. Wir dachten, Sie wüssten, dass Kompromisse zur Politik gehören. Wir dachten, Sie wüssten, dass wir wissen, dass Wahlprogramme nie vollumfänglich umgesetzt werden können und Kompromisse notwendig sind. Wir wussten nicht, dass wir strategisch wählen sollten. Sonst hätten wir um eine Verlängerung der Beratungsfrist gebeten mit unseren Mitwählern. Wir wussten nicht, dass Sie von uns eine Koalitionswahl erwartet haben. Wir waren so einfältig, die Partei zu wählen von der wir glauben, dass sie für dieses Land Verantwortung übernehmen soll und in der Lage ist. Wir dachten, Sie nähmen uns ernst. Und sich selber und unsere Demokratie auch.  Wir haben nicht vorausgesehen, dass Sie auf andere Mehrheiten nicht vorbereitet waren. Wir haben uns verwählt. Sorry für die Umstände. Wir werden uns beim nächsten Mal zusammenreissen und Ihnen gern das richtige Wahlergebnis liefern. Wenn Sie uns bitte vorher sagen, welches!

Ironie aus. Mittlerweile ist man ja fast geneigt, auf Neuwahlen zu hoffen in Vorfreude auf die – entschuldigung – dämlichen Gesichter hinterher wenn sich heraustellt, das Ergebnis ist nicht viel anders. Und das wird wohl so sein. Spinnen wir doch mal, es gäbe eine Neuwahl. Da hilft der Blick aufs Wahlergebnis von September:

Wahlbeteiligung von 76,2 Prozent (2013: 71,5 Prozent)

CDU Christlich Demokratische Union Deutschlands 26,8 % (2013: 34,1 %)
SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands 20,5 % (2013: 25,7 %)
AfD Alternative für Deutschland 12,6 % (2013: 4,7 %)
FDP Freie Demokratische Partei 10,7 % (2013: 4,8 %)
DIE LINKE DIE LINKE 9,2 % (2013: 8,6 %)
GRÜNE BÜNDNIS 90/GRÜNE 8,9 % (2013: 8,4 %)
CSU Christlich-Soziale Union in Bayern e.V 6,2 % (2013: 7,4 %)
Sonstige 5,0 % (2013: 6,2 %)

An der fehlenden Wahlbeteiligung lag es also erst einmal nicht. Um zur Wahl zu gehen, braucht es eine Motivation. Die war offenbar da. Die Gewählten einigen sich nicht, der Wähler muss nochmal ran. Signal an Wähler: „Es lag an Euch.“ Da fragt sich vielleicht ein Teil der Wähler: Nochmal? Wozu? Man kann sicherlich mal recherchieren wie die Beteiligung bei Neuwahlen oder zweiten Wahlgängen so in der Regel ist.

Die kurze Zeit für Neuwahlen lässt weder Zeit für neue Wahl- oder Parteiprogramme (größere Änderungen würde sowieso keiner glauben) oder langwierige Kandidatensuchen und -aufstellungen.. Es ändern sich also werder Inhalte noch Personen. Kein Anlass, die Wahlentscheidung, die man im September getroffen hat als Wähler dieser Parteien, ein paar Wochen später anders zu treffen.

These 1: Die Wahlbeteiligung geht runter.

Ein schlechteres Wahlergebnis im Vergleich zu 2013 hatte die SPD und die CDU. Interpretiert mit „Groko abgewählt, Wähler will andere Mehrheiten.“ Nun, die sind da, genützt hat es nichts. Zwar hat die FDP hinzu gewonnen – aber auch mit einem Wahlkampf der die „Macherpartei“ verkauft hat. Nicht die Ideologen. Und nun sagt die FDP: Uns sind Überzeugungen wichtig. Das wird vielleicht beim einen oder anderen Wechswähler die Frage aufwerfen, wähle ich die FDP nochmal? Oder zeigen sie sich solidarisch und gehen zurück zu Grünen und CDU und SPD.

These 2: Verlierer bei einer Neuwahl ist die FDP

Die anderen Verhandlungspartner haben sich auch bewegt. Und das in Größenordnungen, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Erfolgsfall Einigung für Nachfragen und Ärger auf Mitgliederversammlungen gesorgt hätten. Darauf schaut keiner mehr, es werden sich die Reihen schließen. Bei SPD; Grünen und der CDU (und hier wird vielleicht sogar der eine oder andere Streit begraben).

These 3: CDU, SPD und Grüne werden gewinnen (allerdings nicht so dass es neue „klare“ Mehrheiten gibt. Auch nicht für RRG.

These 4: Die Linke hat ihre Wählerschaft, mehr kann sie nicht mobilisieren, Protestwähler hat sie schon verloren, dazu werden auch die offen ausgetragenen innerparteilichen Querelen und Richtungsstreits beitragen.

Und die AFD? Da neige ich fast zu einer ganz gewagten These, für die es sich fast richtig lohnt, auf Neuwahlen zu hoffen. Die Wählerschaft der AFD setzt sich zusammen aus „Überzeugungstätern“ und aus Unzufriedenen und Protestwählern, die es „denen da oben“ endlich mal zeigen wollen. Nun hat die AFD insbesondere im Osten bewiesen, wie sehr sie ganz genau die Machtspielchen spielt, die sie anderen vorwirft. Eine Frauke Petry zieht nicht mehr. In Dresden werden die Direktwahlkreise nicht mehr so knapp ausgehen.

Was wäre wenn die AFD Protestwähler verliert und nur noch der rechte harte Wählerkern verbleibt? Wäre dann der Osten immer noch blauer?

Es bleibt spannend. Und – sorry für die Umstände. Ein Wähler.