Die Illusion der Chancengleichheit (1)

„Der bildungspolitische Diskurs der Chancengleichheit erweist sich auf der Ebene der Meinungsbildung ja durchaus als allseits zustimmungsfähig. Indes verleitet er kaum eine Familie dazu, statusbedingte Vorsprünge zugunsten Angehöriger und Nachkommen statusniederer Gruppen einfach aufzugeben. Diesem Anliegen kommt das hierarchisch strukturierte Angebotsfeld entgegen. Potentiell ermöglicht es, eine zur eigenen Lebensführung passende, mehr oder weniger standesgemäße Kindertageseinrichtung zu finden. In seinen praktischen Auswirkungen legt das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage den Finger auf die Wunde der Diskurse zur Chancengleichheit. Auch in ihrer auf frühkindliche Bildung bezogenen Variante leisten sie der Verschleierung von Mechanismen der Selektion Vorschub. Sie unterschätzen die Wucht und Wirkmacht klassenspezifischer, auf Besitzstandswahrung ausgerichteter Reproduktions- und Abgrenzungsstrategien von Familien, zu denen Bildungs- und Erziehungsstrategien konstitutiv gehören . Insgesamt verkennen sie die Kräfte, Funktionsweisen und Gesetze des Marktes der frühkindlichen Bildung, Erziehung und Betreuung.“

Bröskamp, Bernd (2017): Der Markt der frühkindlichen Bildung. In: Markus Rieger-Ladich und Christian Grabau (Hg.): Pierre Bourdieu: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 15–33