Im Westen nichts Neues

Es war nicht das übliche Konzertpublikum bei dieser Veranstaltung, einer Kombination  aus Lesung und Musik, die eine Lektion war. Leider viel zu versteckt an diesem Tag im April, teil eines langen Wochenendes. Die, die kamen, hatten einen ziemlichen Brocken zu bewältigen. Manchmal vermag Kunst in einer Deutlichkeit etwas zu vermitteln, was kein Geschichtsunterricht, keine Propaganda, keine noch so eindringliche Rede vermitten kann. (Vielleicht schafft Sachsen ja deshalb so „unwichtige“ Fächer wie Kunst, Musik und Sport ab. )

Texte aus „Vom Westen nichts Neues“, gelesen von der beeindruckenden Mechthild Großmann. Mit einem  Echo aus Musik. Max Regers Siegesfeier, einem Orgelwerk, in dem die Nationalhymne durchdringt und christlichen Motetten und Kantaten. Krasser lassen sich die Widersprüche unserer Welt nicht darstellen. Es war noch nie so schwer wie heute, nach dem Hören dieser Texte, sich wieder zu konzentrieren und diese Musik zu singen, die ich eigentlich so mag, weil sie tröstlich ist. Meistens. Heute nicht. Heute gingen mir die Schlagzeilen der letzten Wochen durch den Kopf. Die mit dem christlichen Abendland, unserer angeblich so christlich geprägten Kultur und den Kreuzen in Bayern.

Was müssen die jungen Männer gedacht haben, die mit in meiner Bahn saßen auf dem Weg zum Konzert und in der Bahn angeblafft wurden von einer Familie, sie sollen sich gefälligst nicht so laut unterhalten in ihrer Landessprache.  Sie saßen in dem Konzert, vorne im Parkett. Die Familie nicht. Dafür aber viele andere, die sich sicherlich nicht regelmäßig einen Konzertbesuch leisten können. Ein Publikum, vielmehr repräsentativ für diese Stadt als sonst. Ausgerechnet. Und macht nachdenklich.

Im Publikum ist man nie unbeobachtet. „Wir“ sehen ganz gut was im Saal „los“ ist. Wer da ist, wie die Stimmung ist. Heute war sie besonders, und das ist bei so einem Projekt wie heute nicht selbstverständlich. Man kann ein Publikum auch überfordern, der Versuch, es mitzunehmen, kann misslingen. Kürzlich sagte ein ziemlich einflussreicher CEO, das, was der Mensch Maschinen, KI und Algorithmen immer voraus haben wird, das ist Kunst, Kultur, eben so etwas wie heute. Der perfekte Klang ist das eine. Die Emotionen dabei, das (wichtigere) andere.

Meistens trifft man sich nach einem Konzert nochmal und lässt den Abend ausklingen. War mir heute nicht möglich. Fassen wir also zusammen: ein beeindruckender Abend.

Was Waldameisen mit Wertschätzung zu tun haben

Wandern ist gesund. Nicht nur physisch, sondern auch oder gerade psychisch und mir hilft Wandern, den Kopf wieder frei zu bekommen und Dinge hinter mir zu lassen. Manchmal aber, manchmal ist das anders. So wie heute beim Anblick eines dunklen Flecks im Wald. Auf den ersten Blick unscheinbar. Eine Ansammlung von Nadeln mitten im Laub, ein bisschen Gras daneben.

So:

Waldameisen

Von weitem, von oben betrachtet nur ein Haufen Nadeln oder ähnliches. Nichts bedeutsames. Die Blümchen und das frische Grün ziehen die Aufmerksamkeit wesentlich mehr auf sich. Man muss schon näher herangehen.

So:

Man muss sehr genau hinsehen um das rege Treiben wahrzunehmen. Man muss sehr genau hinsehen, um wahrzunehmen, dass das rege Treiben Sinn und System hat. Und man muss Wissen über das System Wald haben um wertzuschätzen, wie wichtig die Ameisen für den gesamten Wald sind. Für die großen, mächtigen, beeindruckenden Bäume. Für diese kleinen Blumen und das frische Grün.

Irgendwie erinnerte mich dieser Ameisenhaufen an meine Arbeit. An das Rathaus, an die Verwaltung. An die Kollegen, deren Arbeit so wenig Wertschätzung erfährt, ohne die aber nichts, gar nichts funktionierte. Und ohne die all das Bedeutsame, das so viel Aufmerksamkeit erfährt, niemals möglich würde.

Ameisen.

Vielleicht sollte zu Führungscoachings eine Wanderung durch den Wald Pflichtprogramm sein.

Schulstandortwertigkeit

Was ist eine Schule wert. Was ist die Arbeit der Pädagogen wert. Was ist eine gute Schule und für wen. die Rückblickende Betrachtung einiger schulpolitischer Debatten ist gelinde gesagt erschreckend.

Wir müssen uns dringend von der irrigen ökonomisierten Annahme verabschieden, Anmeldezahlen einer Schule seien ein Indikator für eine „wertvolle“ Schule. Wir müssen uns auch von der irrigen – ebenfalls ökonomisierten – Annahme verabschieden, der Durchschnitt der Abschlusszeugnisse oder die Anzahl der Einser seien ein Indikator für eine „wertvolle“ Schule. .

Man kann es auch schärfer formulieren: Die Sozialstruktur an einer Schule ist nicht deren Verdienst oder Eigenleistung oder gar Ergebnis einer mangelhaften pädagogischen Arbeit. Wir müssen die empirisch belegte Erkenntnis akzeptieren, dass die freie Schulwahl nicht zu einer vielleicht wünschenswerten und ausgewogenen Sozialstruktur an Schulen führt. Sondern zu sozialer Segregation. Wir müssen die empirisch belegte Erkenntnis akzeptieren, dass die Herkunft immer noch erhebliche Effekte auf die Bildungslaufbahn  hat. Und: dass gerade moderne Unterrichtsformen, die Kulturtechniken erfordern, die manche Kinder herkunftsbedingt nicht in die Wiege gelegt bekommen, diese Kinder genau dann benachteiligen, wenn sie mit ihren Mitschülern, die herkunftsbedingt anders ausgestattet sind,  im Unterricht in Konkurrenz treten müssen.

Fatal ist es, Schulen mit einer eher benachteiligten Schülerschaft eine schlechte pädagogische Arbeit zu unterstellen oder den Standort als per se aufwertungsbedürftig zu stigmatisieren. Vielmehr sollte die Frage interessieren, inwieweit arbeitet eine Schule so, dass ihre Schülerschaft bestmöglich gefördert wird. Eine Schule mit einem hohen Anteil an Hauptschülern, in der Schüler aus der Mittelschicht die Minderheit sind, ist nicht weniger wertvoll als ein Gymnasium. Und genau deshalb hat sie das Recht, genauso anerkannt zu werden – und unterstützt, auch wenn vielleicht eine Lobby, eine starke Elternvertretung oder ein Förderverein fehlt. Besser gesagt gerade deshalb.

Ich habe mal an meiner früheren Arbeitsstelle eine Diskussion über Elternverantwortung bei der Bildung der Kinder geführt. Leider fehlten mir damals die Argumente, die ich jetzt habe. Die Illusion der Chancengleichheit ist leider nach wie vor Realität und gerade die andersseinwollende Bildungspolitik befördert diese.

 

 

 

Legitimierte, organisierte soziale Ungleichheit – und alle machen mit

ist die passende Überschrift für das, was unsere Gesellschaft trotz aller Unterstützungssysteme und aller politischen und anderen Absichtsbekundungen ausmacht.

Der Zeitpunkt ist passend, gerade erst sind die Streiks im öffentlichen Dienst beendet  und es ist ein Verhandlungsergebnis da.  Vielleicht trugen ja bevorstehende Wahlen dazu bei, dass es irgendwie gefühlt erstaunlich schnell ging.  Ich bin mir nicht sicher ob es immer so im öffentlichen  Bewusstsein präsent ist, worum es geht, wenn „der öffentliche Dienst“ streikt. Jedenfalls bei weitem nicht nur um die unteren Gehaltsgruppen und die Erzieherin und die Krankenschwester, die aber gern als Gallionsfigur herhalten müssen. Für deren berechtigte Interessen die Gesamtbevölkerung Verständnis haben muss und soll. Aber: Der öffentliche Dienst ist weit mehr. Und innerhalb des öffentlichen  Dienstes gibt es verdammt viel soziale Ungleichheit. Ich hatte kürzlich einen Beitrag geschrieben zum Thema Legitimation von Ungleichheit mit Gerechtigkeit.

Und je mehr ich darüber nachdenke, wird wohl „der öffentliche Dienst“ als sozialer Raum und als soziales System als legitimierte organisierte soziale Ungleichheit mein nächstes Thema.

 

 

Des-Illusionierung

Widersprüche und Spannungsverhältnisse prägen gesellschaftliche Systeme. Sich mit ihnen zu befassen ist manchmal hochinteressand und spannend. Manchmal aber führt das auch zu Anfällen von Verzweiflung und/oder Resignation und der Frage, wozu das alles.

Für mich persönlich ist die Illusion der Chancengleichheit um bei dem gleichnamigen Titel eines Buches einer meiner Lieblingssoziologen wenn man das so sagen kann, ein Feld, mit dem ich mich sehr gern und sehr ausführlich befasse. Deshalb, weil dort diese ganzen Widersprüchlichkeiten zu Tage treten, auch Widersprüche zwischen kommuniziertem politischem Anspruch und politischem Entscheiden beziehungsweise Handeln. Und ich bin ausgewiesener Luhmann-Fan. Das ist kein Widerspruch, denn der Bildungssoziologe und der Vater der Systemtheorie haben eines gemeinsam: Sie nehmen eine distanzierte, manchmal sogar von Selbstironie geprägte Haltung zu den Phänomenen ein, die sie untersuchen. Manchmal stößt eine solche Haltung auf Unverständnis wenn man Dinge benennt, die sind wie sie sind, obwohl sie gerne anders erscheinen wollen.

Bei der Recherche zum Ungleichheitsthema bin ich nun auf einen Artikel gestoßen, der mich zugegebenermaßen überrascht hat ob seiner Deutlichkeit.

Peter, T. (2012) Verdiente Spitze? Zur Rechtfertigung von Ungleichheit in Bildung und Gesellschaft. In M. S. Baader & T. Freytag (Eds.), Bildung und Ungleichheit in Deutschland (pp. 55–71). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden

Zusammenfassung: (https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-14999-4_4)

„Wie kommt es, dass sich der Wert der Gleichheit immer weniger Geltung verschafft? Während die höchsten Einkommen enorm gestiegen sind, ist es gleichzeitig zu einer verstärkten Förderung von Exzellenz und Elitebildung gekommen. Mit der prinzipiell positiven Konnotation von Ungleichheit in den Diskursen um hohe Einkommen und Exzellenz ist zugleich ein Gerechtigkeitsanspruch verbunden. Dieser These nachgehend interessiert der Beitrag sich in Anlehnung an die Soziologie der kritischen Urteilskraft nach Boltanski und Thevenot für die Rechtfertigungsordnungen, die mit der Herstellung von Reichtum und Exzellenz verbunden sind. Anhand von programmatischen, institutionellen und wissenschaftlichen Texten wird herausgearbeitet, wie im Bildungswesen bestehende Ordnungsmuster delegitimiert, Spitzen konstruiert und Ungleichheiten legitimiert werden. Rhetoriken von Reichtum und Exzellenz suchen sich anhand ökonomischer Ineffizienz und unverdienter Erfolge zu plausibilisieren, unterstellen gerechte Verfahren auf dem Weg zu Spitzenpositionen und gehen davon aus, dass sowohl Reichtum als auch Exzellenz dem Allgemeinwohl zugute kommen.“

“ Zur ‚Illusion der Chancengleichheit‘ (Bourdieu) treten die Illusionen von Leistung und Qualität. Dabei zeigen sich zugleich die unabweisbaren normativen Lücken, die mit den Rechtfertigungen einhergehen. Dass hohe Einkommen und Vermögen für eine prosperierende Ökonomie unabdingbar sind, ist ebenso zu hinterfragen wie der Kern der Exzellenzargumentation, nach der Spitzenforscher und „High-Potentials“ den entscheidenden Beitrag für gesellschaftlichen Fortschritt liefern. Längst kann die Privilegierung von Reichtum das Versprechen allgemeinen Wohlstands nicht mehr halten sondern zeitigt kontraproduktive ökonomische Effekte. Auch die einseitige Orientierung auf Exzellenz in der Bildung ist nur zu durchbrechen, wenn in der gesellschaftlichen Debatte sowohl Nutzen und Funktion der Wissenschaft als auch das Zustandekommen von sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Innovation hinterfragt wird. Erst die Einsicht, dass das komplexe Entstehen wissenschaftlicher Erkenntnisse weniger durch Konkurrenz, sondern vielmehr durch Kooperation geprägt ist, dass Innovationen weniger durch einzelne Genies, als zunehmend durch gut organisierte kollektive Intelligenz möglich werden, wird Alternativen in der Wissenschaftspolitik ermöglichen. Eine solche Perspektive muss freilich mit einer Idee von Gesellschaft einhergehen, die sich jenseits ihrer Reduzierung auf den Markt bewegt. (Peter, 2017, p. 69)

References
Peter, T. (2017). Verdiente Spitze? Zur Rechtfertigung von Ungleichheit in Bildung und Gesellschaft. In M. S. Baader & T. Freytag (Eds.), Bildung und Ungleichheit in Deutschland (pp. 55–71). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-14999-4_4

 

Ambivalenzen

Gegenwärtig wird Unterricht oft jahrgangsübergreifend, teilweise schon inklusiv vollzogen, wobei der Unterricht nicht auf den Lehrer, sondern auf den individualisierten und schöpferisch-kreativen Schüler zentriert ist und weniger die Disziplin als vielmehr die Selbstorganisation und Selbstmotivation von Schülern im Vordergrund steht. Erschienen vor 10 Jahren in dem unter Lehrern stark rezipierten Film ‚Treibhäuser der Zukunft‘ von Eberhard Karl individualisierte und auf die Kreativität des Einzelnen abzielende Unterrichtsformen noch als futuristische Experimente von Privatschulen, ist der jahrgangsübergreifende Unterricht mittlerweile ein bundesweites, in manchen Bundesländern teilweise verpflichtendes Unterrichtsprinzip geworden. Schülerinnen und Schüler sitzen in der Regel ab der ersten Klasse mit Schülern aus der 2. und 3. Klasse zusammen. Die Lösung der damit aufgeworfenen Probleme besteht oft in einer projektförmigen Unterrichtsorganisation. Die Lehrkräfte zeigen sich als Projektbegleiter individualisierter Lernprozesse, die mit einer zunehmend heterogen organisierten Schülerschaft umgehen müssen. Betrachtet man auf der Ebene des Unterrichts die Gewinner und Verlierer dieser neuen, auf Selbstorganisation abzielenden Lernformen, dokumentiert sich, dass soziale Ungleichheiten und damit verbundene neue Illusionen von Chancengleichheit verstärkt werden. Empirische
Arbeiten auch der quantitativen Bildungsforschung zeigen (Weinert 2001), dass die Differenz zwischen Kindern aus bildungsnahen und bildungsfernen Familienmilieus verstärkt wird. Diejenigen Kinder, denen ein selbstständiges Arbeiten mit den aus der bürgerlichen Kultur bekannten Lerngegenständen vertraut ist, können diese Vertrautheit nun unter den Bedingungen eines individualisierten Lernmarktes noch besser einsetzen. Vor dem Hintergrund von organisationstheoretischen Überlegungen – wie sie in Bezug auf Migration beispielsweise von Gomolla und Radtke (2007) angestellt wurden – ist zu erwarten, dass sich die Schule neue Auffangbecken für die Opfer individualisierten Unterrichts kreieren wird. Entscheidungen über Mitgliedschaften in aussichtsreichen Bildungsinstitutionen werden durch eine Individualisierung und den damit einhergehenden Beschleunigungsprozessen oft schon zu Beginn von Schulkarrieren zementiert. Kinder, die nicht im gleichen Maße mit in der Schule legitimierten kulturellen Kapitalformen ausgestattet sind, werden unter einen sich verstärkenden Transformationsdruck gestellt, wollen sie ihre Mitschüler aus den besseren Wohnvierteln nicht enteilen sehen.

(Rosenberg, 2017, pp. 310–311) References
Rosenberg, F. v. (2017). Ambivalenzen von Habitustransformationen. In M. Rieger-Ladich & C. Grabau (Eds.), Pierre Bourdieu: Pädagogische Lektüren (pp. 299–314). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Stadtbildung – Bildungsstadt

Ich bin nicht sicher ob es wirklich einfach nur naheliegend war, das Thema Diversität und kommunales Bildungsmanagement für die Prüfung zu wählen oder ob nicht da -Freud lässt grüßen – ich einfach mal das mache was ich immer schon machen wollte: Die Komplexität eines sehr komplexen Themas aufzeigen. Weil es mich fürchterlich nervt, immer wieder diese verschlagwortende, kompexitätsreduzierte eindimensionale Bildungspolitikrhetorik zu lesen und dabei um Verzeihung bittend mit Blick auf die Äußernden Beck, Bourdieu, Luhmann, Heitmeyer zu bitten, Vergebt Ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.

Was die ganze Debatte um die Chancengleichheit heraufbeschworen hat, ist eine Meritokratie. Eine Leistungserechtigkeit, die Kollateralschäden fordert. Die freie Wahl der Schule fördert  und legitimiert (!) soziale Segregation. Für alle die gleichen Startchancen zu schaffen, heißt Ungleichkeiten zu verstärken. Wir denken vom Start her und nicht vom Ergebnis. Bildungsexpansion schaftt neue Ungerechtigkeiten.  Bildung als ein verkäufliches und vermarktbares Gut zu betrachten, schafft Ungleichheit und Beliebigkeit. Und Stadtentwicklung hat ganz viel mit Bildung zu tun. Damit ist nicht gemeint, die nötigen Kita- oder Schulkapazitäten mitzudenken wenn ein neues Wohngebiet entsteht, das ist noch das geringste. Und „meine“ Stadt ist sozial viel stärker segregiert als es denkt.

Kapitel heute also: Was Stadtentwicklung mit Bildung zu tun hat und Bildung mit Stadtentwicklung.

Bildung und Erziehung sollte ich richtigerweise formulieren. Im Englischsprachigen Raum heißt beides zusammen education. Nur im deutschsprachigen Raum gibt es die Unterscheidung, das hat auch etwas mit der Theoriegeschichte zu tun und ist irgendwie typisch deutsch. Typisch deutsch ist auch,  auch zu allem Bildung zu sagen aber Erziehung zu meinen. Politische Bildung zum Beispiel. Alles was mit Normen und Werten zu tun hat ist nämlich „eigentlich“ Erziehung.

Wie gesagt. Komplex. Und ich werde ein Problem bekommen, die Komplexität derart zu reduzieren, dass sie in die maximal erlaubte Seitenzahl passt. Luhmann, hilf!

 

Policy

„Wir befinden uns im Aufwind und könnten die Weichen für erfolgreiche Wahlkämpfe stellen . Statt mit dem politischen Gegner befassen wir uns mit uns selbst .“

so ließ sich ein Parteichef zitieren. Inhaltlich steht er mit seiner Unzufriedenheit nicht allein, deshalb ist es auch irrelevant, welcher Partei in welcher Region er angehört. Statt mi dem politischen Gegner befassen wir uns mit uns selbst.

Nu ja, liebe Parteiführungskräfte, Parteien befassen sich immer mit sich selbst. Die Selbstbefassung dreht sich um eine Abgrenzung von einem imaginären politischen Gegner (Wahlweise eine andere Partei, eine Verwaltung, bös- und lernunwillige Bürger, „das System“).  Dazu dient dann meist ein Stellvertreterthema, anhand dessen nachgewiesen wird, wie sehr man sich doch vom politischen Gegner abgrenzt.

Da die Welt immer diverser geworden ist – besser gesagt, sie ist nicht diverser geworden, sondern der Blick auf die Welt immer differenzierter, auch eine Folge der Globalisierung und Digitalisierung und damit veränderter Kommunikationsformen und ebenfalls damit verbunden virtuellen Realität, die nicht mehr allein duch Massenmedien geprägt ist, sondern durch soziale Netzwerke, wird es immer schwieriger, „eigene“ Themen zu finden. In einer diversen Welt gibt es nicht mehr schwarz und weiß, die „alten“ Grenzen exisiteren nicht mehr. Machtstrukturen weltweit haben sich verändert und es ist nicht mehr ganz so einfach, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Und wenn das schon für die große Welt nicht geht, so geht das in einem Land oder in einer Stadt noch weniger.

Womit will man in einer Stadt, der es wirtschaftlich halbwegs gut geht, in der keine Schulen geschlossen werden müssen (jedenfalls nicht aufgrund fehlender Schülerzahlen), in der Kitas gebaut werden, die ziemlich viel grün aufweist, ein paar kaputte Fuß- und zuwenig Radwege, die zwei neue Kulturpaläste hat, in der sich Armut und Kriminalität vergleichsweise in Grenzen halten, wie will man in einer solchen Stadt Wahlen gewinnen? Was sollen Parteien sich in ihre Programme schreiben, womit sollen sie für sich werben, damit die Bürger sie wählen? Irgendwas muss ja besser werden. Veränderung per se mag Mensch nicht. Höchstens dann, wenn sich eine Veränderung zum Guten (was auch immer das bedeutet) erwarten lässt. Aber was ist das gute wenn die Gesamtlage halbwegs stimmt. Was kann man verändern. Man muss irgendwas Veränderungswürdiges finden. Oder man arbeitet sich am politischen Gegner ab. Das aber, das interessiert, mit Verlaub, kein Schwein. Nur Menschen die entweder der eigenen Partei oder maximal noch dem politischen Gegner verbunden sind. Und die haben dann wieder Spielgeld. So beschäftigt Politik dann mit sich selbst und die Welt draußen dreht sich weiter.

Keine Problemschule, sondern Schule, die Probleme löst

Thema (meines) Tages heute: Inklusion und Exklusion und die Rolle von Bildung.  Bei der Recherche meiner Forschungsliteratur bin ich auf folgendes Zitat gestoßen:

“ … führen aber auch insgesamt „erfolgreiche“ Bildungsprozesse kollektiv i. d. R. zu einem Mix aus sozialer Inklusion und Exklusion. Als soziale  Querschnittsvariable kann Bildung in vielen Fällen eine mehrdimensionale Inklusion in verschiedenen Lebensbereichen leisten, gerade aufgrund ihrer zentralen Bedeutung besteht aber erhöhte Exklusionsgefahr für diejenigen, bei denen (abso-lute oder relative) Bildungsdefizite bestehen. Auch die große soziale Bedeutung von Reichtum und Armut geht letztlich darauf zurück, dass materielle Unterschiede eine Vielzahl von Lebenssituationen parallel und dauerhaft entscheidend beeinflussen. Abhängig von ihrer Größe, ihrem Zusammenwirken und ihrer Stabilität können sich Bildungseffekte somit zu Phänomenen ausgeprägter sozialer In- und Exklusion verdichten. Diese grundsätzlichen Zusammenhänge werden durch die historische Entwicklung akzentuiert, welche langfristig eine zunehmende Bedeutung formalisierter Bildungsprozesse als notwendige Basis für eine erfolgreiche Lebensgestaltung zeigt. Mit der quantitativen Verschiebung hin zu einer „Massenbildung“ wird Bildung ein Breiten-Inklusionsmedium. Gleichzeitig bedeutet dies aber, dass eine besondere Exklusionsgefahr für diejenigen besteht, welche die qualifikatorischen Mindestanforderungen nicht erfüllen. (Hillmert, 2009, p. 86)

Hillmert, S. (2009). Soziale Inklusion und Exklusion: die Rolle von Bildung. In R. Stichweh & P. Windolf (Eds.), Inklusion und Exklusion: Analysen zur Sozialstruktur und sozialen Ungleichheit (1st ed., pp. 85–100). Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss. https://doi.org/10.1007/978-3-531-91988-1_5

Das heißt in der Konsequenz, dass es gesellschaftliche Aufgabe ist, genau dem vorzubeugen. Was bei dergesamten Diskussion um die Rolle von Bildung und sozialer Ungleichheit – ob absichtlich oder nicht – außer Acht gelassen wird, ist die Frage von Ursache und Wirkung. Mehr und bessere Bildung „für alle“ heißt, den Faktor soziale Ungleichheit zu verstärken. Es ist nicht opportun, es ist nicht mainstream, aber es ist leider so.