Stultorum plena sunt omnia – Ode an eine Verwaltung

Sorge für Gleichbehandlung. Aber mache gerade hier eine Ausnahme.

Modernisiere Dich. Aber verbrauche dafür weder Zeit noch Geld.

Entscheide. Aber triff keine Entscheidungen.

Nutze Deine Ermessensspielräume. Aber immer im Sinne aller.

Mache kurzen Prozess. Aber frage alle.

Setze Prioritäten. Aber priorisiere nicht denn alles ist wichtig.

 

Fortsetzung folgt.

 

Ach Kurt

Du hast es gewusst, so schoss es mir durch den Kopf bei der Tageslektüre der Presse und dem Nachdenken was manchmal so in dieser Stadt passiert. Kurt Tucholsky, nicht der der König. Aber ein König spielt auch dabei eine Rolle:

Das Königswort

Dies ergötzte hoch und niedrig:
Als der edle König Friedrich,
August weiland von ganz Sachsen,
tat zum Hals heraußer wachsen
seinem Volk, das ihn geliebt,
so es billigen Rotwein gibt –
als der König, sag ich, merkte,
wie der innre Feind sich stärkte,
blickt er über die Heiducken,
und man hört ihn leise schlucken..
Und er murmelt durch die Zähne:
»Macht euch euern Dreck alleene!«

Welch ein Königswort! Wahrhaftig,
so wie er – so voll und saftig
ist sonst keiner weggegangen.
Wenn doch heute in der langen
langen Reihe unsrer Kleber,
Wichtigmacher, Ämterstreber,
einer in der langen Kette
nur so viel Courage hätte,
trotz der Ehre und Moneten
schnell gebührend abzutreten!
O, wie ich sein Wort ersehne:
»Macht euch euern Dreck alleene!«

Edler König! Du warst weise!
Du verschwandest still und leise
in das nahrhafte Zivil.
Das hat Charme, und das hat Stil.
Aber, aber unsereiner!
Sieh, uns pensioniert ja keiner!
Und wir treten mit Gefühle
Tag für Tag die Tretemühle.
Ach, wie gern, in filzenen Schuhen
wollten wir gemächlich ruhen,
sprechend: »In exilio bene!
Macht euch euern Dreck alleene!«

Kaspar Hauser
Die Weltbühne, 24.04.1919, Nr. 18, S. 483, wieder in: Fromme Gesänge,

Es läuft ja trotzdem …

Es liefert Potential zu einem satirischen Theaterstück, dieses Tänzchen um die Regierungsbildung. Das Lachen bleibt aber im Halse stecken, weil offenbar niemand in der Lage ist, einmal die drei Schritte weiterzudenken, dass eine geschäftsführende Regierung eben nicht die Funktionsfähigkeit eines Staates sichert und dass auf Dauer eben nicht, wie der ehemalige Geschäftsführer eines Energiekonzerns kürzlich meinte, die Wirtschaft ganz gut ohne Regierung leben kann. Kleines Beispiel: Der Shutdown in den USA. Mit einer teilweise erschreckend selbstgerechten Überheblichkeit wird dies in den Medien dargestellt. Liebe Menschen, auch wir haben einen vorläufigen Haushalt.

Lesebildungsempfehlung hier:

„Wird das Haushaltsgesetz nicht rechtzeitig zu Beginn des Haushaltsjahres verkündet, darf die Bundesregierung nur Ausgaben leisten, die nötig sind, um die Verwaltung aufrechtzuerhalten und rechtliche Verpflichtungen zu erfüllen (Artikel 111 Grundgesetz). Grundsätzlich dürfen nur Maßnahmen fortgeführt werden, die bereits begonnen wurden. Es können also keine neuen Programme oder neue Investitionen auf den Weg gebracht werden. […] Grundlage und Obergrenze bildet ab Januar der Haushaltsentwurf 2018, den das Bundeskabinett im Juni 2017 verabschiedet hatte. Sachausgaben dürfen bis zu 45 Prozent seiner Höhe geleistet werden. “
https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2017/12/2017-12-11-faq-haushaltsfuehrung.html

Natürlich „verliert“ jeder, der in die Regierungsverantwortung geht und diese mit Partnern teilen muss. Er verliert deshalb, weil niemals alle Versprechen, die man in einem Wahlkampf macht, (sofort) eingelöst werden können. Das scheitert schon an der Realität, daran, dass Interessenslagen immer mit anderen Interessenslagen kollidieren. Er verliert deshalb, weil Kompromisse immer nötig sind, in der Oppositionswelt aber immer als Schwäche gelten, als ein „Einknicken“. Oppositionswelt meint hier nicht die Oppositionsparteien – der Begriff umfasst auch „die Basis“. Im Parteisprech sowas wie „der Bürger“.

Meines Erachtens hat sich die FDP komplett aus der Politik verabschiedet – ob Christian Lindner nochmal über Jamaika reden will oder nicht ist so bedeutend wie – nein, nicht der Sack Reis in China. Der kann jemandem auf den Fuss fallen, der Reis aus dem Sack rieseln und jemandem Probleme bereiten – es interessiert keinen. Die FDP hat sich selber abgeschossen.

Die SPD muss sich entscheiden was sie sein will und was ihr wichtig ist. Man kann nicht beides sein: Oppositionsführer und Teil der Regierung. Politplautze oder distinguierter Profi.  Und die CDU muss entscheiden was sie sein will. Da sind sich Sachsen und Bayern übrigens sehr ähnlich. Auch die Sachsen haben ihre Seehofers. Kleiner Einwurf: Von einem neuen MP, der sich in den eigenen Reihen erstmal durchsetzen muss, zu erwarten, all die Dinge zu klären, die man selber in vielen Jahren vorher nicht hinbekommen hat – als Koalitionspartner der sich außerhalb der Staatsregierungsmauern eher gern mit Linken und Grünen fotografieren lässt und kooperiert, das ist ein bisschen lächerlich und macht unglaubwürdig. Wenn ich mal viel Zeit habe, analysiere ich die bildungspolitische Verantwortung der SPD.

Nichtsdestotrotz: Wer jetzt die SPD auffordert, nicht in eine Große Koalition zu gehen, der möge eine eindeutige Alternative benennen. Wer jetzt Neuwahlen fordert möge bedenken, dass das Wahlergebnis nicht viel an der Gesamtsituation ändern wird. Die FDP dürte verlieren. Die SPD auch. Ich glaube, dass die Grünen auf Bundesebene zumindest von frustierten SPD-Wählern profitieren könnten, die Linke angesichts des eigenen Streits der Königinnen eher nicht. Ergo stehen die Beteiligten dann wieder vor dem selben Problem. Es werden sich aber – und das sollte man auch bedenken, für Neuwahlen weder die Parteien selbst erneuern (und das müssten sie, wöllten sie tatsächlich für etwas „Neues“, für einen Neubeginn stehen) noch wird es grundlegende Programmänderungen geben oder komplett neue Kandidaten. Es könnte an den Basen etwas rappeln, aber die bisheringen MdBs werden mit sicherheit ihre eigene Existenz nicht abschießen. Warum sollten sie auch, wurden sie doch bisher in den Parteien immer gehypt. Wer jetzt die SPD auffordert, keine GroKo zu bilden, der solle jetzt im eigenen Wahlkampf auch keine Themen aufrufen, die bundeshaushalterische Voraussetzungen haben wie zu Beispiel irgendwelche Programme für Bildung, Integration, Wohnungsbau.

 

 

 

 

Schnee

Es klang ja schräg. Skicup am Elbufer. Ob das nun Spaß macht, bei knapp über Null im feuchten nebligen Wetter über nasse Eiskügelchen, darüber kann man geteilter Meinung sein. Man kann auch über Skizirkus und Profisport im Allgemeinen geteilter Meinung sein. Oder über Events im Allgemeinen.

Was aber völlig bekloppt (Entschuldigung) unsachlich, unsinnig,  unglaubwürdig ist, das ist diese Hysterie. „Was erlaube sich Dresden da!“

Nette Nebenepisode: Da twittert eine Journalistin des öffentlichen Rundfunks, der Schnee müsse aus dem Fichtelgebirge (!) herangekarrt werden. Wenn man nichts zu sagen hat, oder keine Ahnung, dann soll man besser den Mund halten, wusste schon Klopfer.  Der Schnee kam zum Teil vom Fichtelberg, also echt regional eingekauft, und der große Rest entstand in Klotzsche. Vielleicht spendet der Skiverband oder die DMG der Dame mal einen Atlas.

Realsatire ist die Aufregung um die Frage der – Achtung – Nachhaltigkeit aber schon. Und hier zitiere ich mal einen ehemaligen Fraktionskollegen :

Grundsätzlich finden ich einen Diskurs in der Sache sehr wichtig. Allerdings sollte man vorher sich grundsätzlich mit der Problematik Wintersport in unseren Breitengraden auseinandersetzen. Wenn die hier geäußerte Kritik ehrlich gemeint ist dann sollte konsequenterweise jede Form von Wintersport abgelehnt werden. Erinnern wir uns einmal wie Wintersport entstand. Eishockey, Eiskunstlauf, Eisschnelllauf fand auf zugefrorenen Seen und Flüssen statt. Heute baut man dafür riesengroße Hallen und Freiluftanlagen und kühlt mit Ammoniak. Skispringen machte man von natürlichen Hügeln mit aufgeschütteten Schneebergen als Absprung. Heute werden dafür Berge gesprengt und zubetoniert. Bob und Rennschlitten fuhr man auf Natureisbahnen. Heute werden dafür Betonschlangen in die Landschaft gebaut und auch hier wird mit Ammoniak gekühlt. Und nun zum Langlauf und Biathlon. Glaubt ein jeder wirklich das da einfach nur durch den Wald gelaufen wird. Man schaue mal nach Oberhof oder nach Altenberg oder in andere Skigebiete. Hier werden mit gigantischem Aufwand ganze Skistadien gebaut, hier werden Strecken planiert, hier werden stationäre Beschneiungsanlagen gebaut. Meckert da jemand über die ökologischen Auswirkungen. Man kann den Wintersport kritisieren, aber ich erwarte von einer Landtagsabgeordneten dann die konsequente grundsätzliche Kritik. Insbesondere auch am Eissport in der eigenen Stadt.“

Richtig. Denn die grundsätzliche Kritik – so wird nämlich deutlich, was der Gegenstand der Kritik ist, die scheut man in dieser Diskussion. Wohl nicht ganz ohne Grund. Denn, machen wir doch mal weiter. Beim Wintersport, dem ganz privaten. Jeder, der in den Skiurlaub fährt um dort  mit einem Lift den Berg hoch- und eine möglichst noch kunstbeschneite, vorher von Bäumen und anderem natürlichem Unbill befreite Piste runterzubrettern, gehe in sich, halte die Klappe und buche einen Wanderurlaub und schaut sich mal ein Skigebiet im Sommer an.

Die öffentlich-rechtlichen recherchieren hoffentlich bei den nächsten Wintersportwettkämpfen die komplette (!) Umweltbilanz einschließlich des Energieverbrauchs durch twitternde Journalisten und Doppelpräsenz beider Anstalten. Wie ist eigentlich die Umweltbilanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks…? Genug der Unsachlichkeit.

Es geht nicht um das Kinderspiel, wenn der kann, dann will ich auch. Es geht um diese unsinnige aufmerksamkeitsheischende punktuelle Hysterie. Und es wird deutlich: es geht um (politisch motivierte) Aufmerksamkeit. Mit Nachhaltigkeit hat das nichts zu tun.

 

Der Fluch der Kommunikation

Es wird momentan sehr viel geredet über Kommunikation. Deren Rolle und Bedeutung. Man müsse kommunizieren. Aber es muss auch irgendwas dabei rauskommen. Etwas Abrechenbares möglichst. Aber: Was soll das sein? Das Ende von Kommunikation?

Die Krux sich ein wenig mit Soziologie zu befassen ist, es laufen einem ständig Paradoxa über den Weg. Nehmen wir mal eine Stadt. Oder eine Gesellschaft. Eine gespaltene Gesellschaft. Oder eine zerrissene. Worüber reden wir da eigentlich. Zunächst: Es gibt keine Gesellschaft (gab es auch nie) in der alle gleich sind, gleich denken, keine gegensätzlichen, konkurrierenden Interessenslagen haben, einander gewogen sind, gleich aussehen. Es gibt keine Gesellschaft ohne Unterschiede. Es kann auch nicht Ziel sein – denn das bedeutet Gleichmacherei. Gleichschaltung. Den Verlust des Wertes des Einzelnen, der Einzigartigkeit. Der Individualität. Es gibt also in jeder Gesellschaft Grenzen, Risse, Spalten, Mauern, wie auch immer man sie bezeichnen mag, diese Linie der Unterscheidung. Ein Unterschied bedarf einer Unterscheidung. Klingt profan, ist es aber nicht. Nur wenn ich unterscheide, nehme ich Unterschiede war. „Mache“ einen Unterschied.  Unterscheide ich nicht, mache keinen Unterschied, dann sind Unterschiede nicht existent. Klingt nicht mehr ganz so profan, ist aber nachdenkenswert. Vor allem wenn man über Integration, Inklusion oder auch Diversity und Diversity Management spricht. Und  – welche Bedeutung haben Unterschiede.

Reden wir aber mal von den sozialen Unterschieden. Es gibt mittlerweile sehr viel Forschung darüber, aber: es kommt im Grunde immer nur auf den sozialen Status an. Beispiel?  Jemand, der die Sprache eines Landes nicht beherrscht, ficht das nicht an wenn er sich zum Beispiel im Raum der Forschung, der Wissenschaft oder der Wirtschaft bewegt. Also das Einkommen und das soziale Umfeld komfortabel ist. Für Menschen mit Beeinträchtigungen gilt das Gleiche. Fehlende „Schlüssel“ zum System aber, wie Bildungsabschlüsse (wohlgemerkt anerkannte Abschlüsse) führen zu sozialer Benachteiligung – und die kann sich dann sozusagen in einen Exponenten verwandeln. Dann werden Beeinträchtigungen zum Problem.

Bildung allein aber garantiert keine soziale Sicherheit. Wer das erzählt, glaubt auch an Einhörner. Selbst das Schlagwort Chancengleichheit ist Selbstbetrug. Ich wage die These (und ich bin damit nicht alleine unter den Bildungswissenschaftlern) dass unser heutiges System viel brutaler siebt, differenziert, platziert, als wir das wahrhaben wollen und propagieren. Brutaler weil subtiler. Aber zurück zur Kommunikation. Natürlich gibt es Grenzlinien in einer Gesellschaft. Gespalten oder zerrissen aber ist die Gesellschaft nicht. Das wäre sie wenn Kommunikation abbräche. Differenzierter ist sie geworden. Weil Kommunikation stattfindet. Ein kleines gedankliches Experiment. Stellen wir uns mal vor, Kommunikation wäre sowas wie „atmen“ fürs Gehirn. Wir haben alle einen Atemreflex. Geht nicht ohne. Und ohne Kommunikation geht es auch nicht. Wir sind zwar (noch) nicht fremdgesteuert, aber auch nicht absolut autonom, das liegt nun mal darin dass der Mensch ein soziales Wesen ist und ohne seine Umwelt nicht auskommt. Auch wenn man das manchmal gerne würde. Ohne Kommunikation wäre die Menschheit längst ausgestorben. So einfach ist das. Und deshalb ist Kommunikation auch so „gestrickt“, dass sie nicht aufhören will. Erfolgreiche Kommunikation bleibt anschlussfähig. Sie ruft neue Kommunikation hervor. Insofern ist ein Streit dann ein konstruktiver, wenn er sich fortsetzt. Selbst wenn die Tür knallt. Das Bedürfnis hinterherzubrüllen zu unterdrücken ist mindestens genauso schwer wie Luft anhalten.

Und das mit der Einigung? Dem Aussöhnen? Juli Zeh hat in einem ihrer Bücher mal den klugen Satz gelesen: Jeder Mensch lebt in einem Universum, in dem er von morgens bis abends recht hat. Eine Haltung ändern, umdenken, das ist unheimlich scher (sonst würden nicht Heerscharen von Menschen davon leben, Ratgeber zu schreiben wie man abnimmt, endlich Sport treibt, endlich gelassener wird, „klug denkt“ oder richtig handelt – wobei letztere meistens der größte Blödsinn sind, nichts hilft und nur der Selbstbestätigung dient). Kommunikation kann nicht überzeugen. Das erfordert erhebliche Veränderungen im Gehirn (und nein, hier ist keine flache Beleidigung gemeint, das ist ernst.) Leider.

Also: Wenn beim miteinander Reden herauskommt, dass weiter und immer mehr miteinander geredet wird, ist das Ziel erreicht. Und irgendwann und irgendwie wird sich dadurch auch die Gesellschaft verändern. So wie schon immer. Nur ist das eben nicht wirklich plan- oder steuerbar, so sehr wir uns das auch wünschen.

 

 

Bored Faultier … oder?

http://de.disney.wikia.com/wiki/Flash

Beim Frühstück las ich wieder mal einen der total lustigen Beiträge, die sich mit der Schnelligkeit im öffentlichen Dienst befassen. Es ging um die Abschaffung der Majestätsbeleidigung. Ein Eilverfahren – und der zeitliche Bezug war die letzte Monarchie in Deutschland. Ha. (5 sec Pause) Ha. (5 sec Pause) Ha. (5 sec Pause)

Hätten wir noch einen Kaiser oder König, dann wär das schneller gegangen. Wirklich. Der hätte nämlich allein entscheiden können. Es ist eigentlich ganz einfach und ganz profan: je mehr (Mit)entscheider, Entscheidungsebenen und Beteiligung, desto länger dauerts. Das ist beinahe Physik. Die Serpentine den Berg hoch zu fahren, braucht weniger Kraft (wir übertragen das mal und übersetzen: Verantwortungslast  aber mehr Zeit). Den geraden und schnellen Weg (Alleinverantwortung) zu wählen ist kraftaufwändiger (risikobehafteter), geht aber schneller. Zumindest auf den ersten Blick. Alleinentscheider wollen wir doch aber gar nicht. Beteiligung wird immer wieder (zu recht) gefordert. Einbeziehung. Und Information. Demokratie dauert deshalb nun mal.

Eine schnelle Entscheidung fordert üblicherweise immer nur der, in dessen Interesse eine für das Interesse positive Entscheidung liegt. Ein Bauunternehmen zum Beispiel. Die Genehmigung soll schnell her, das Gebäude stehen, Verkauf oder Vermietung möglich werden. Zeit ist Geld, also Beeilung bitte. Ob da ein Baum steht oder das Gebäude sich nett in die Umgebung einfügt, Nachbarn was dagegen haben könnten, das ist da weniger von Belang. Nun stellen wir uns mal vor, in Bauangelegenheiten würden immer ganz schnell Entscheidungen (natürlich pro) getroffen. Wir stellen uns das lieber nicht vor.

Ein etwas diffizileres Beispiel. Risikomanagement. Schon mal gehört? Wikipedia sagt dazu:  Risikomanagement ist die Tätigkeit des Umgangs mit Risiken. Dies umfasst sämtliche Maßnahmen zur Erkennung, Analyse, Bewertung, Überwachung und Kontrolle von Risiken. Und das sind mögliche Ereignisse mit wiederum möglichen Folgen. Wir hätten es gern, sind es aber nicht: Allwissend und Propheten. Das heißt es ist nahezu unmöglich, alle möglichen Ereignisse und deren mögliche Folgen im Vorhinein zu erkennen, zu analysieren, die richtigen Maßnahmen vorzusehen und dann noch zu wissen, welche möglichen Folgen diese Maßnahmen möglicherweise haben könnten.

Wir versuchen es aber, wir versuchen uns abzusichern. Schon deshalb um im Falle des Falles nicht die Verantwortung tragen zu müssen. Denn trifft einmal ein solches Ereignis ein (manchmal kotzen eben die Pferde vor der Apotheke), ist man bei der Suche nach dem Schuldigen gnadenlos. Und weil es eben nahezu unmöglich ist, absolut sichere Aussagen über mögliche Ereignisse zu treffen, wird versucht, möglichst sichere Aussagen über mögliche Ereignisse zu treffen. Und das führt nicht selten dazu, dass ein Handeln unmöglich wird – denn wer würde gegen gute Ratschläge handeln, ein formuliertes (wenn auch unwahrscheinliches) Risiko in Kauf nehmen? Sei es nun beim Brandschutz, bei einer öffentlichen Veranstaltung oder sonstwo. Ein formuliertes Risiko, so unwahrscheinlich es ist, wird allein dadurch, dass es formuliert ist, schon real. (Denke nicht daran, dass es rosa Elefanten regnen könnte und schon gar nicht, dass Dir einer auf den Kopf fällt.)

Es gibt Anforderungen, die schnellen Entscheidungen unmöglich machen. Je transparenter, nachvollziehbarer, „objektiver“ eine Entscheidung sein soll, desto mehr Entscheidungs(vorbereitungs)ebenen gibt es (wobei dann am Ende gar keine Entscheidung mehr zu treffen ist, Entscheidung setzt voraus, dass es überhaupt Optionen gibt) und desto länger dauert es. Auch wenn uns das nicht gefällt, wir wollen es ja selbst so. Im Falle, wir bekämen den Job nicht, die Baugenehmigung würde abgelehnt, eine Veranstaltung, eine Raumnutzung nicht genehmigt.

Dass man aber nicht erwarten kann, dass eine Kanzlerin (oder ein Bürgermeister) per Federstrich ein Gesetz abschafft, dürfte auch klar sein. Denn – wer entscheidet welches Gesetz, welche Regel verzichtbar ist? Deshalb gibt es dafür Verfahren. Und Verfahren, die regeln wie im Falle des Zuwiderhandelns zu verfahren ist.

Und nun noch zu guter Letzt -Entbürokratisierung. Die Abschaffung einer Regel gebiert 20 neue. Ist so ein Spruch. Absurd? Nur auf den ersten Blick. Prüfe ich nämlich die Abschaffung einer Regel, dann fällt erst in diesem Prozess auf, was alles nicht  geregelt ist und was zu Regeln wäre um die Abschaffung der Regel regelrecht durchzuführen. Das ist nun mal unser selbstgewähltes Elend.

Da rauskommen? Würden wir uns denn darauf einlassen wollen…?

 

 

Wenn Satiriker die besseren Politiker sind

Ich kann mich gut erinnern als meine Großeltern fassungslos waren über „den Schauspieler“, der da Präsident war. So ein Regierungschef, der muss doch was „Richtiges“ können. Es sind viele Jahre vergangen seitdem. Jahre, in denen noch so einige Illusionen über Politik verloren gingen.

Und heute – heute droht ein Regierungschef dem anderen mit der Größe seines Atomknopfes (- und alle Welt fragt nach dem Geisteszustand des Einen – nach dem Geisteszustand es Anderen nicht. Wie bekloppt ist diese Welt eigentlich?) Ich stopfe einen neuen Wollpullover nach dem Kauf in die Handtasche weil ich die 20 Cent Erziehungsgebühr für die Tüte aus Prinzip nicht zahle, die Biogurke im Kaufland  in Plaste eingewickelt, die geschälte Pomelo im Rewe auf einem Plastikteller mit Folie umhüllt – ich lasse sie liegen.

Parteichefinnen bedienen sich eines Hinterhofjargons oder spielen Brundhild und Kriemhild. Ein Ministerpräsident schmeisst den Lehrer aus dem Kultusministerium, setzt einen Juristen auf diesen Ministerstuhl und den, der aus eben diesem geschasst wurde, weil er Versäumnisse nicht mehr mittragen wollte (der also als neuer alter Kultusminister vielleicht noch einigermassen verkaufbar gewesen wäre), lässt er sich mit Innereien befassen. Die Bundesebene entlarvt sich gleich als komplett handlungs-, kommunikations- und entscheidungsunfähig. Aber eine CDU-Bürgermeisterin liebt einen Prinzen-Sänger. Ein so wichtiger Sachverhalt steht in allen Zeitungen. Medien. Unsere 4. Gewalt.

So ein Regierungschef, so ein Politiker muss doch was „Richtiges“ können. Hm. Und zu genau diesem Zeitpunkt stellt ausrechnet ein Bühnenmensch, ein Moderator, ein Satiriker (!) die richtigen Fragen.

„Es geht um die Formulierung einer positiven, radikal neu gedachten und vor allem sozialen Vision einer zukünftigen Gesellschaft, die Neugestaltung demokratischer Teilhabe angesichts der digitalen Revolution und die Wiederentdeckung der Kategorie Mensch.

Wer das kann, gewinnt.“

https://www.facebook.com/jboehmermann/

Wenn Satiriker die besseren Politiker sind…

Zum Neuen Jahr

keine schönen Zitate oder dergleichen. Sondern ein wenig Nachdenken. Irgendwann demnächst wird der Stadtrat über die Fortschreibung des Schulnetzplanes entscheiden. Ich hoffe mir diese Debatte nicht anhören zu müssen, es würde mir wohl sehr schwer fallen, still zu bleiben.

Am Thema Bildung zeigt sich nämlich, wie ehrlich Politik sein will. Schulsanierungen und der Bau neuer Schulen ist eine Herausforderung. Aber nicht die wichtigste. Segregation. Soziale Segregation. Jeder denkt dabei sofort an Armenviertel. An Ghettoisierung. Die Lösung? Soll der Wohnungsbau sein. Sorry, das ist Quatsch. Segregation – das ist Alltag in Kindertagesstätten und in Schulen. Dort findet eine Entmischung, dort findet Homogenisierung statt.  Dadurch, dass Eltern die Einrichtung für ihre Kinder wählen. Oder es eben nicht tun. Es fällt nicht auf, weil nur das in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, was wahrnehmbar ist, was problematisiert oder skandalisiert wird. Hat sich eigentlich schon mal jemand darüber aufgeregt, dass an bestimmten Schulen sagen wir mal der Anteil von Kindern aus bildungsnahen Elternhäusern sehr gering ist? Mir nicht erinnerlich, vielleicht ist es das Alter. Ich kenne nur Aufregung darüber wenn Eltern ihr Kind nicht an der Wunschschule oder Wunschkita unterbringen konnten (und das setzt voraus, dass sie einen Wunsch haben.)

„Eine solche Praxis der „Entmischung“ als Zusammenspiel von
Schulen, Eltern und Politik gibt nicht nur das rhetorisch immer
wieder beschworene Ziel der sozialen Integration auf, sondern verweist darauf, dass die Motive der Diskriminierung nicht nur an den Rändern der Gesellschaft bei unaufgeklärten, vorurteilbehafteten Gruppen zu suchen sind, sondern in einer Leistungsgesellschaft unter Bedingungen der Konkurrenz als
Streben nach individuellen wie organisatorischen Vorteilen in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt sind.“ (Radtke, 2007)

Ein Plädoyer gegen die freie Schulwahl? Nein. Aber als Anregung, vielleicht mal den einen oder anderen, sich für eine bestimmte Schule oder einen bestimmten Stadtteil vehement einsetzenden Bildungspolitiker zu fragen, ob er die eigenen Kinder dort hin schickt, geschickt hat oder schicken würde. Und warum er das nicht tut.

 

 

Update. Deja vu.

Es regnet draußen. Der 31. Dezember ist noch nie mein Lieblingstag gewesen. Hatte ich erwähnt, Silvester nicht zu mögen? Als kleineres Kind war das noch anders, aber irgendwann hörte es auf und meine Aversion gegen alles Aufgesetzte, gegen Masken und unechte bemühte Fröhlichkeit trat zu Tage. Irgendwann mal ein Silvester in den Bergen. Ohne Feuerwerk. Und ohne diese Rückblicke. Diese fürchterlichen Rückblicke von denen niemand weiß wozu sie gut sein sollen.

Mein Rückblick und gleichzeitig Ausblick, ein Auf- und Ausräumen, man könnte es als emanzipatorische Selbst-Aufgabe (nicht das Aufgeben des Selbst sondern die Aufgabe AN das Selbst, sich zu empanzipieren) ist eine Hausarbeit. Kein Abwasch sondern ein weiterer Baustein zum Master (der schon längst hätte erledigt sein sollen). Da sitze ich nun. Vor den beiden kommunalen Bildungsberichten. Einen habe ich als Stadträtin mit erlebt und beauftragt. Den zweiten habe ich gelesen als Nicht-mehr-Stadträtin. Und gerade dieser Bildungsbericht hatte es in sich. Angefangen hat damit aber niemand etwas. Auch nicht meine ehemaligen Kollegen. Das gehört zu den Dingen, die ich niemals verstehen will (obwohl ich mittlerweile verstanden habe, dass die Dinge manchmal zwar anders sein könnten, es aber nicht sind weil die Menschen und die Welt eben sind wie sie sind.)

Es wird also um Bildungspolitik gehen. Wissenschaft darf und muss das. Sich damit beschäftigen. Mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – die Politik eigentlich schaffen müsste, es aber nicht tut, weil ihr die Courage fehlt. Die Courage, Dinge zu benennen, zu erkennen und zu handeln. Wissenschaft soll objektiv sein. (Ich vereinfache an der Stelle denn Objektivität an sich gibt es nicht. Das ist aber ein anderes Thema, warum und wieso erkläre ich vielleicht an anderer Stelle mal.) Das gibt aber die Möglichkeit, Fragen zu stellen, die gestellt werden müssen. Nach Antworten zu suchen, die tatsächliche sind. Die vielleicht auch niemand wissen will. Denn mit Antworten muss man umgehen. Deswegen werden manche Fragen nicht gestellt.

Die Illusion der Chancengleichheit. Oder warum wir uns nicht von Bourdieu verabschieden sollen.

Schuldfragen

„…Wieso die Brücke für Fußgänger und Fahrradfahrer einstürzte , soll nun ein Statiker klären . In den Medien wurden schwere Vorwürfegegen die Stadtverwaltung erhoben . Demnach habe ein Gutachten aus dem Jahr 2012 die weitereLebensdauerder Brücke auf maximal fünf bis sieben Jahregeschätzt . Die Spannseile seien durch Rost geschwächt gewesen.“

Wir reden hier von Prag. Brückeneinstürze sind sonst eher weit weg. Kann ja bei uns nicht passieren, sowas. Doch. Es kann. Betroffen sind immer Menschen, es gibt Verletzte, manchmal auch Tote. Und zu Recht wird gefragt, warum, wie konnte das passieren. Aber die Frage zielt selten darauf ab, wirklich eine Antwort zu finden. Denn mit einer Antwort muss man umgehen und Konsequenzen ziehen. Etwas tun. Bauen. Eine Veranstaltung nicht genehmigen, manchmal auch vorsorglich, einfach um jedes Risiko auszuschließen (was gar nicht geht, auch wenn Mensch das gerne hätte). Und das will auch immer niemand. Dann sind die Behörden weltfremd, ängstlich, übervorsichtig, haben keine Ahnung. Lesen wir mal den Artikel in den DNN weiter:

„Oppositionspolitiker kritisierten, der Unterhalt der Brücken in der Moldaumetropole werde seit Jahren vernachlässigt . …“

DAS geht dann immer ganz schnell. Politisch braucht man eine Schuldzuschreibung. Macht sich gut in der Öffentlichkeit. Und rechtlich – rechtlich wird es auch mindestens eine konkrete Person geben, die zur Verantwortung gezogen wird. Auch wenn die einzelne Person dieses Unglück hätte gar nicht verhindern können.

Nehmen wir mal an, die Stadtverwaltung in Prag hätte seit Jahren gewarnt und gesagt, wir brauchen für diese Brücke Geld für die Sanierung. Der Stadtrat hat es aber nicht bereitgestellt. Eine Sperrung wurde in Erwägung gezogen, vorgewarnt, angekündigt. Aber aus nachvollziehbaren Gründen noch nicht vollzogen. Wer ist schuld?