Verantwortung

Ist ein Rücktritt die Übernahme von Verantwortung? Oder ist ein Rücktritt das ganze Gegenteil? Die Reaktionen auf die Ankündigung des sächsischen Ministerpräsidenten zurückzutreten sind unterschiedlich, es ist manchmal auch erstaunlich, wie schnell eine Analyse oder Erklärung so da sein kann.

Menschlich mag es nachvollziehbar sein. Das Wahlergebnis, Sachsen, der ostdeutsche Musterschüler, Pisa-Spitzenland und dann der Verlust der Mehrheit ausgerechnet an eine Partei die mit Nicht-Bildung arbeitet. Der Rücktritt der Kultusministerin, die mehr oder weniger deutlich durch die Blume sagte, dass sie vom Ministerpräsidenten allein gelassen wurde mit einem Problem, dessen Bennennung ihren Vorgänger das Amt kostete. Auf Veranlassung des Ministerpräsidenten. Und dann der Finanzminister. Die unangreifbare Institution, gegen die sich der MP nicht durchsetzen konnte oder wollte. Der Verantwortung stellen durch Rücktritt? Der Verantwortung stellen hätte bedeutet, Themen anzugehen. Entscheidungen zu treffen. Die Probleme liegen tiefer als dass sie durch den Austausch einer Person würden behoben werden können.

Irgendwie irre wirkt dann insbesondere die „Aufbruchstimmung“, die durch einige MDLs in den Sozialen Medien verkündet wird. „Der König ist tot es lebe der König?“ Ganz so einfach ist es nicht, weder leben wir in einer Monarchie noch ist ein Ministerpräsident allmächtig. Und genau deshalb ist es Unfug, auf nur eine Person die Verantwortung eines Wahlergebnisses zu reduzieren. Oder so zu tun als sei es der MP allein gewesen, der eine Kultusministerin hängen gelassen hat oder einen Finanzminister gewähren lies.

Es wirkt schizophren. Wir leben in einer Demokratie. Und dann war immer nur einer schuld? Soll immer nur einer verantwortlich sein? Liebe Menschen, macht es euch nicht immer so verdammt einfach.

Herr Tillich hat aufgegeben. Und das ist ok. Menschen dürfen auch das. Es ist auch das einzige was bleibt, hat er  doch genauso wie alle anderen kein Rezept, keine Blaupause, keinen Plan wie man mit der momentanen gesellschaftlichen, politischen Situation umgehen soll, mit dem Veränderungsprozess in dem wir uns befinden.

Auch eine SPD, auch die Grünen, auch die Linken, auch die FDP nicht. Auch sie haben viele Wähler nicht erreicht.

Die anderen, die haben ihm gegenüber einen Vorteil. Einen potentiell Schuldigen. Den hat er nicht. Also bleibt ihm nur zu sagen, ok, dann gehe ich.

 

Widersprüche

Wir beklagen das Gletschersterben.  Und untermalen dies mit still stehenden und vor sich hin rostenden Liften. Und beschreiben, wie schlimm sich das auf den Tourismus auswirkt, ergreifen Gegenmaßnahmen wie Schneekanonen und Sonnenschutzfolien für Gletscher.

Wir beklagen den Klimawandel als Ursache für fehlenden Schnee und holzen Berghänge ab für neue Lifte und planieren Wiesen für Pisten und oder Menschen, die auf zwei oder vier Rädern schnell nach unten kommen wollen und zerfahren mit zwei oder vier Rädern Berghänge.

Wir schreiben vom wertvollen Wasser auf Berghütten, was sparsam verwendet werden soll und unten auf dem Parkplatz steht der SUV, am Wirtschaftsweg die Schneekanone und nicht weit entfernt das Wasserreservoir.

Wir preisen glückliche Kühe und freilaufende Esel auf zaunlosen Wiesen als Maß aller Dinge und hoffen, das Wölfchen daneben benehme sich wie ein anständiger Hütehund.

Fortsetzung folgt.

Euphemismen

Ein Zitat aus einem Zeitungsartikel. Nur so gespickt mit Euphemismen. Worum geht es? Um Fachkräftemangel. Lesen wir einmal:

Die Bundesagentur für Arbeit kommt in einer aktuellen Analyse zu dem Ergebnis, dass ein deutschlandweit flächendeckender Fachkräftemangel etwa bei Ingenieuren, Spezialisten im Hoch- und Tiefbau, in der Gesundheitsbranche und Krankenpflege sowie bei Softwareexperten
erkennbar sei. Sachsens oberster Arbeitsvermittler räumt ein, „in ausgewählten Berufen” sei zu spüren, dass es kaum noch Experten gebe. Dazu gehörten Altenpfleger, Elektriker und Mechatroniker. In Thüringen fehlt es laut Arbeitsagentur auch an Fachkräften in der Metallverarbeitung und bei Fein- und Werkzeugtechnikern.

Ohne Zweifel: Menschen, die in der Altenpflege arbeiten oder in der Krankenpflege, die als Zerspaner oder Mechatroniker ihr Geld verdienen – oder als Hausmeister äh facility manager, sie sind Experten und sie haben wichtige Jobs. Euphemistisch sind die Bezeichnungen aber wenn Arbeitsagentur oder Wirtschaft mit dem großen Jammern anfangen, aber allemal. Um welche Arbeitsplätze geht es denn eigentlich? Wie wäre es, einmal die Übersicht der Stellen zu veröffentlichen, um die es geht? Dann käme man der Lösung vielleicht ein wenig näher. Lösung heißt in dem Falle nicht eine Bewerberflut. Sondern eine Diskussion über den Wert von Arbeit vielleicht. Und noch ein wenig darüber hinaus. Was mich nur immer ein wenig wundert ist, warum nie danach gefragt wird udn das wird es offenbar nicht, sondern da gab es offenbar eine schöne Pressemitteilung mit einer großen Zahl und das wird dann auch gleich der Aufmacher.

Ich verwalte, Du verwaltest (oder warum ich froh bin dass Freitag ist)

Ich ahne womit in einer Verwaltung gefühlte 60% an Arbeitszeit(bescheiden geschätzt) eingespart werden könnten. Gefühlte 60% (manchmal auch mehr) an Zeit (und unzählige gerissene Geduldsfäden und verschwendetes Nervengewebe) gehen drauf wenn Aufgabe zu bewältigen, etwas zu tun, ein Problem zu lösen ist, nicht für die Bewältigung, die Tat oder die Lösung – sondern um die Frage wer dafür eigentlich zuständig wäre, etwas nicht getan hat und infolgedessen nun diese Aufgabe, die Frage oder das Problem steht oder welche Vorschrift dagegen spricht.

Und ich frage mich, woher kommt das. Sind es die Arbeitsjahre in einer Verwaltung gepaart mit Frustration weil die eigene Leistung nie wirklich anerkannt wurde (oder man sich nicht anerkannt fühlt)? Ist es profane Faulheit? Angst? Verunsicherung? Oder ein paar Jahre mehr solche Tage wie heute mit der Folge dass man sich irgendwann auch in der Haltung verschanzt, Hauptsache nicht ich.

Optimist oder Realist. Ich war ja mal optimistisch zu glauben, man könne eine Kultur einer Organisation verändern – gezielt verändern. Der Soziologe in mir sagt, Vergiss es. Organisationen haben ein ziemliches Beharrungsvermögen. Und Verwaltungen „leben“ genau von den Fragen, wer ist zuständig, wer hat (möglicherweise) einen Fehler gemacht und welche Vorschrift spricht dagegen. Denn wenn eine dieser Fragen mit Null beantwortet wird, also noch keine Zuständigkeit geregelt, niemand einen (nachweislichen) Fehler gemacht im Sinne eines Verstoßes oder es gibt nichts, was dagegen spricht (und das kann ja nun weißgott nicht sein), jubelt die Verwaltung. Man kann Zuständigkeiten regeln, eine neue Verfahrensvorschrift einführen (damit etwas da ist wogegen eventuell jemand verstoßen haben könnte) oder einen stichhaltigen Grund finden der dagegen spricht.

Ich freue mich auf Montag.

Rezensiert – für den Grusswortratgeber

Wie geht ungeschickt?

Nehmen wir zum Beispiel mal an es geht um eine Schule. Eine neue Schule. Eine große Schule. Da wird ein Grundstein gelegt, es werden Kinder und Lehrer da sein die schon diese Schule „sind“. Um deren Haus geht es. Vielleicht gab es zu Beginn Schwierigkeiten, die gibt es oft wenn man baut und je größer das Projekt, desto größer sind manchmal die Schwierigkeiten. Da gibt es Grundstückstthemen, müssen die Umweltbelange berücksichtigt werden, schön soll es sein und nicht zu laut. Das kann dauern. Das ist aber kein böser Wille irgendeiner höheren Macht, da kämpft auch niemand gegen Windmühlen, da waren nur Lösungen zu finden. Nun hat aber nicht jeder, der eine Lösung gefunden zu haben glaubt, tatsächlich die Lösung. Wer keine Verantwortung für einen bestimmten Bereich, nehmen wir mal an Brandschutz oder Umweltschutz trägt, der kann leicht sagen, macht doch einfach mal. Bei 75 Millionen ist es auch angeraten, genau zu überlegen, was man da bauen will.

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Reden ist …

Heut hab ich beschlossen, es gibt irgendwann mal ein Buch von und über Grußworte. Mit meiner Sammlung gehörter Grussworte selbstverständlich. Zum Hören -und vergleichen – habe ich ziemlich oft die Gelegenheit. Es gibt solche und solche und wie immer im Leben gibt es die Geschichte dahinter und davor oder zwischen den Zeilen.

Deshalb werde ich die auch sortieren. Nach den bewährten Känguru Rubriken geordnet. Witzig und nicht witzig. Und mit Kommentaren zum Hintergrund, der die Sortierung verstehen hilft.

Vielleicht bastle ich ja auch einen Ratgeber für Grußworte. Kam mir heute so in den Sinn. Der enthielte auch eine Warnung vor einem  Zuviel an Selbstlob und Selbstbezug. Das kann ins Auge gehen und eine gegenteilige Wirkung erzielen. Zuallererst steht immer die Frage, zu wem soll gesprochen werden. Ein Grußwort ist kein Selbstgespräch.

Ich musst ja

so abstimmen. So äußerte sich mal eine Stadträtin vor nicht allzu langer Zeit in einer nicht allzu fernen Stadt in einem nicht allzu großen Tale an einem nicht allzu kleinen Fluss. Ein trauriger Versuch der Rechtfertigung. Ich musste ja…. oder du kennst doch die Fraktion/Partei/Kreisverband. Lässt sich beliebig austauschen. Keine Ahnung wie oft ich diesen Satz in verschiedensten Variationen schon gehört habe, hören musste.

Halten wir mal fest: niemand, aber auch niemand ist in diesem Land gezwungen, sich gegen seine Überzeugung zu verhalten oder anders abzustimmen. Niemand in diesem Land ist gezwungen die Klappe zu halten wenn jemand, egal ob Fraktionsmitglied, Parteivorsitzender oder ähnliches ein Verhalten an den Tag legt, was nennen wir es mal problematisch ist. Theoretisch. Praktisch ist es aber so, dass in Parteien und Fraktionen recht machtvolle Mechanismen existieren. Die führen nicht nur zu dem absurd erscheinenden beschriebenen Phänomen, sonder auch dazu dass das Vertrauen in „die Politik“ sinkt.

„Die da oben“ sind übrigens auch ein typisches Feindbild innerhalb der Politik. Für eine Stadtratsfraktion ist das der Kreisverband oder die Landespartei oder die Vorstände. Für einen Ortsverband der Kreisvorstand und ganz manchmal führt die Tatsache, dass aus Angst vor Ansehensverlust oder Machtverlust oder sonstigen Dingen Konflikte ignoriert, umgangen und nicht geklärt werden dazu, dass sich die einen sich um nichts streiten und lächerlich machen und sich bei den anderen eine hässliche Gesinnungsfratze zeigt. Helfen tut das niemanden, es trägt nur dazu bei dass die, die am wenigsten Lösungen und Ideen für eine gute Zikunft haben, weiter erfolgreich  den Rattenfänger von Hameln spielen.

So geht sächsisch. Theater a la Dürrenmatt.

Vor ein paar Jahren hatte ich eine Petition gestartet. Umweltschule erhalten. Es gelang, gemeinsam mit vielen anderen, davon zeugt noch eine kleine Astscheibe, die ich als Dankeschön bekam.

Heute lese ich, sie ist wieder gefährdet weil der Bildungsagentur das Konzept nicht gefällt. Kann ja sein, dass das Konzept einer Schule Verbesserungen nötig hat. Nötige Verbesserungen. Welche Probleme die Bildungsagentur sieht weiß ich nicht, ist mir aber auch ziemlich egal, denn ich lese heute dass der Unterricht an einer Schule mit öffentlichem Träger, da muss das Konzept, weil staatlich, nicht hinterfragt werden, nicht abgesichert werden kann und Eltern einspringen. Ich kenne auch da die Gegebenheiten nicht, aber wenn es so ist, gleicht die sächsische Bildungspolitik momentan einem Stück von Dürrenmatt. In guter Erinnerung ist mir noch das Zitat eines sächsischen MDL: Neulehrer, Verzeihung Quereinsteiger, sorgen für Vielfalt an sächsischen Schulen. Welch tiefgründiges Zitat…

So lange es Sachsen nicht hinbekommt, an allen Schulen den Unterricht so mit ausgebildeten Lehrern abzusichern dass weder Schüler noch Lehrer unter Stress leiden (Lehrer werden nicht ohne Grund lanzeitkrank und da meine Eltern zu den Verschleißobjekten dieses Systems gehören weiß ich wovon ich da rede) ist Kritik oder Zweifel an Konzepten freier Schulen ziemlich unglaubwürdig.

Der Rücktritt von der Landesschulbehörde war nur eine weitere Episode. Wenn im SMK Zeit ist, soviel Polimik sei mir bitte gestattet, sich solche Dinge auszudenken, dann hat Sachsen noch Reserven.  Sicher könnte man aufgrund des Beamtenrechts ein Lehramtspraktikum für die betreffenden Denker im SMK realisieren.

Werden wir wieder seriös. Es passt einfach nicht zusammen. Man kann nicht guten Gewissens ein Schulkonzept für nicht genehmigungsfähig erklären und an anderer Stelle die Unterrichterrichtsversorgung nicht oder nur notdürftig absichern. Anders gesagt: Wenn der Unterricht qualitativ nicht schlechter ist und nicht weniger Lernerfolg garantiert als bei Quereinsteigern, dann darf die NUS weitermachen.  Dass das so ist, davon darf man ausgehen.

Allergien

Sehr oft denke ich über meine Stadt nach. Sehr oft denke ich darüber nach, warum sich die Dinge so entwickelt haben, warum Dresden so viele Gesichter hat – ein paar davon sind verdammt hässlich.  Und frage mich, wie konnte es dazu kommen. Wie konnte es überhaupt zu irgendwas kommen. Und was ist es, was ist irgendwas. Mir sind all die lauten Erklärungen und Zuschreibungen einfach zu einfach. Ich glaube man macht es sich zu einfach. Viel zu oft.

Sachsen ist braun, der Osten tendiert zum rechten Gedankengut … und weiter? Ich glaube die Blindheit auf dem rechten Auge ist weiter verbreitet. Viel weiter. Nicht nur im Osten. Aber es lenkt eben so schön ab. Auch von den Problemen, die man angehen müsste. Das Gesichtsfeld ist viel mehr eingeschränkt als nur rechts. Oder anders gesagt: Es gibt, davon bin ich jedenfalls mittlerweile überzeugt, noch zwei blinde Flecken, die sind aber nicht ganz so einfach zu erkennen und noch weniger zu beseitigen. Der eine blinde Fleck betrifft das Thema Integration. Ein viel gebrauchtes Wort. Integration. Ab wann gibt es sie eigentlich nochmal genau?

Vielleicht liegt eine Ursache, dass es jetzt so ist wie es ist, genau darin, in diesem blinden Fleck.  Vielleicht fehlt uns der verklärungsfreie, ehrliche und vorurteilsfreie Blick auf die eigene Geschichte – und das ist der andere blinde Fleck. In Ost wie in West. Und auf die Zeit nach der Wiedervereinigung. Hat da Integration stattgefunden? Integration wie sie heute verstanden werden will? Ich glaube, da gibt es noch einiges aufzuarbeiten. Und nicht nur mit dem Blick der Politikwissenschaften. Sondern mit dem Blick auf die Sozialgeschichte. Ich habe allerdings meine Zweifel, dass es eine solche Aufarbeitung geben wird, zumindest in absehbarer Zeit. Sie wäre zu unangenehm.

Als politisch aktiver Mensch, der sich lang, vielleicht ein bisschen zu lang für den perfekten Lebenslauf, mit  Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Bildungswissenschaft befasst hat, ist es immer weniger einfach, das Glas herumzudrehen. Weil es eben alles nicht so einfach ist, weil es keine einfachen Lösungen gibt. Aber jeder sie verspricht.

Wenn  Menschen das Gefühl haben,  die eigene Geschichte nimmt, Ihnen nimmt worauf sie stolz waren, oder Menschen das Gefühl haben, es wird ihnen ihre Geschichte genommen, dann können sie gar nicht offen sein für Neues, haben das Vertrauen verloren. Vielleicht fühlt sich ein Teil der Menschen seiner Geschichte oder seines Lebenswerkes oder wie auch immer beraubt, weil alles so „falsch“ gewesen ist.

Oder umsonst.  Menschen sind unterschiedlich. Das ist so und das wissen wir – Differenzierung wird ja in der Bildungspolitik gefordert. Der Einzelne zählt, weil eben jeder Mensch anders ist. Erwachsene übrigens auch. Auch Erwachsene möchten ernstgenommen werden. Wertgeschätzt werden. Auf etwas stolz sein können. Unzufriedenheit, Neid, Konkurrenzdenken, auch diese  Eigenschaften sind – leider – menschlich. Und wenn wir ehrlich wären nutzen wir heute doch auch. Manchmal sind sie sogar gefordert – im Job, manchmal werden sie befördert – weil das die Auflage erhöht. Unlösbare Widersprüche?

Wir sehen immer nur die Extreme. Und nicht das, was darunter ist. Menschenfeindlichkeit – die Feindlichkeit gegenüber Menschen, die nicht meinem Status, meiner Einstellung, meinen Auffassungen, meinen Haltungen entsprechen – die ist viel viel weiter verbreitet als wir das wahrhaben wollen. Sie beginnt mit Missachtung. In der politischen Rhetorik spielt die eine nicht unmaßgebliche Rolle. Und nun?

Gestern las ich: „Eine Allergie gegen moralische Selbstüberhöhung“. Besser hätte ich es nicht auf den Punkt bringen können. Und eine Pseudo-Allergie gegen einfache Lösungen (weil es die nicht gibt).

 

Wir wollen doch gar nicht alles wissen

was wir vorgeben wissen zu wollen…

Wieso ist das so? Oder wieso ist das immer wieder so? Eine oft gestellte Frage, sehr gern politisches oder das Handeln von Verwaltungen oder das – auch eine gern in Anspruch genommene Verallgemeinerung – von „denen da oben“ betreffend. Die da oben kommt übrigens auch immer auf die Sichtweise an.  „Die da oben“ gibt’s auch für die, die zu „denen da oben“ aus anderer Perspektive gehöre würden. Das schweift aber jetzt ab. Kommen wir später darauf zurück.

Also: warum ist das so? Nehmen wir uns en schönes weil häufiges Beispiel vor. Die öffentliche Hand baut und das wird immer viel teurer. Eine einfache Frage? Mitnichten. Es ist eine sehr komplexe Frage, genauer gesagt ein Fragenkomplex und es ist ziemlich lästig, diesen Komplex auseinanderzunehmen. Lästig auch deshalb, weil unangenehme Fragen dabei sind.  wir uns da stellen müssen.  Nächster Haken: wer stellt die Frage und mit welcher Intention? Nicht immer geht es bei Fragen um die Erweiterung der eigenen Erkenntnis. Manchmal sind Fragen auch Instrumente. Es kommt immer darauf an, wer was wann warum fragt.

Fangen wir aber einmal an, den Fragenkomplex, warum es immer so zu scheint, dass wenn die öffentlich Hand baut, es immer teurer wird, es immer gute Gründe und viele Erklärungen aber nie eine wirkliche (!) Antwort gibt, eine Antwort im Sinne der Vermeidung dieser Phänomene. Darum geht es ja eigentlich Oder?

Fange wir also einmal an, den Fragenkomplex auseinanderzunehmen dergestalt, dass Antworten gegeben werden könnten um diese dann als – nennen wirs mal Handlungsempfehlungen oder Achtungszeichen oder Marker zu nehmen um beim nächsten Mal es besser zu machen und daraus zu lernen. Das ist nämlich ein Dilemma – geht es denn darum aus einer weniger gut gelaufenen Sache darum, daraus zu lernen oder geht es darum jemanden zu finden, der einfach mal schuldig ist? (Vorsicht: Es gibt durchaus auch Fehler oder Fehlentwicklungen verursachendes, mindestens aber beförderndes Verhalten. Die Betreffenden aber empfinden das meist nicht so und fühlen sich zu unrecht kritisiert, hinterfragt und wehren sich mit dem Wechsel in eine Art Opferrolle. )

Um mit dem Auseinandernehmen des Fragenkomplexes zu beginnen, legen wir also los: Wer ist die öffentliche Hand, was baut sie da, wann, für wen und warum genau  und wer hat es entschieden und was wurde wann von wem entschieden und was wird überhaupt teurer und im Vergleich zu was?  Man wird sehen, so einfach ist das alles nicht, vor allem ist es nicht so einfach wie es gern dargestellt wird.  Um es vorab zu nehmen, Mehrkosten bei Bauvorhaben durch die öffentliche Hand sind weder gottgegeben noch ein unvermeidbares Übel unserer Zeit.

Wenn „die öffentliche Hand“ irgendetwas tut, dann tut sie es nicht aus Spaß an der Freude, sondern weil dafür ein „öffentliches Interesse“ besteht. Und nun kommt es darauf an, wer das ist, die „Öffentlichkeit“. Manchmal sind es nämlich Teilöffentlichkeiten und je nachdem wer das gerade ist und wie die politische Wichtung dieser Teilöffentlichkeiten aussieht, sind die Schwierigkeitsgrade, die entsprechenden Entscheidungen herbeizuführen, die nötig sind, damit überhaupt gebaut wird, unterschiedlich. Apropos Interessenslagen: Die Bösen sind grundsätzlich und immer die Finanzer – und zwar in Verwaltung UND Politik. Eigentlich könnten sie dazu eine Solidargemeinschaft gründen, das sind die, die immer nein sagen. Weil – und das wissen sie ganz genau, man jeden Euro nur einmal ausgeben kann, die Verteilungskämpfe aber manchmal recht heftig geführt werden und jeder irgendwie den Eindruck hat, öffentliche Kassen seien ein Fass ohne Boden was einen unerschöpflichen Geldfluss gewährleistet. Und dieser Eindruck oder diese Haltung findet sich eben auch bei denjenigen wieder, die mit öffentlichen  Bauprojekten zu tun haben oder betraut sind. Ist leider ne Tatsache. Da muss der Bauherr (also die Kommune oder das Land oder der Bund, wer auch immer baut) eben nochmal Geld in die Hand nehmen (auch wenn die eigentlich geplante Summe schon weit überschritten ist). Manchmal ist die Selbstverständlichkeit, mit der gefordert wird, das Geld müsse dann einfach da sein, erschreckend.

Es bleibt festzuhalten, einerseits entsteht der Eindruck unerschöpflicher und immerwährend sprudelnder Kassen, andererseits ist nie genug Geld da für (Schulen, Kitas, Fusswege, Spielplätze, Parkbänke und und und) und wenn es ausgegeben wird, wird’s immer teurer. Ein Dilemma. Man könnte nun beginnen das Thema Finanzen und Geldverteilung. Man könnte im Grunde viel viel mehr Fragen stellen was den Umgang mit öffentlichen Geldern angeht. Aber das ist so ein bisschen wie Mond anbellen und nein – daran werden auch Wahlentscheidungen nichts ändern.

Öffentliche Bauprojekte, Schulen, Kitas, Straßen, Brücken, Paläste und andere Werke haben einen Zweck. Einen ganz konkreten, die Nutzung betreffenden. Sie haben aber auch eine Wirkung. Gibt es sie, gibt es sie ausreichend und in gutem Zustand, sind sie ein Symbol für den Wohlstand einer Gemeinde, einer Stadt, einer Kommune, eines Bundeslandes. Nicht erst seit heute, waren sie schon immer – nehmen wir nur mal die alten Ägypter. Kleinere Pyramiden hättens auch getan.

Wenn etwas wichtig ist und von guter Qualität – dann wird es teuer, muss es teuer sein. Viel Geld, hoher Preis = das ist etwas Besonderes, das MUSS einfach gut sein. Stimmt überhaupt nicht, aber so sind wir Menschen nun (manchmal). Und es ist ja auch nicht falsch – Geiz ist Geil ist manchmal schlicht und ergreifend Ausbeutung. Der Preis einer Sache gibt nicht den Wert einer Sache wieder. Eine Binsenweisheit, aber gar nicht so einfach. Der Preis wird aber – um auf das Thema öffentliche Gelder zurückzukommen, gar nicht immer hinterfragt. Im Gegenteil.  Wer nach den Kosten fragt, macht sich erst mal immer irgendwo bei irgendwem unbeliebt. Die Frage ist, bei wem und wie groß ist die Unterstützung, dennoch eine kritische Haltung beizubehalten.  Ein erster Ansatz übrigens.

Bei Bauprojekten reden immer viele Menschen, insbesondere Fachleute mit. Und nicht immer sind es die Nutzer mit ihren (verständlichen) Wünschen. Wer sich ein Haus baut oder gebaut bekommt, vielleicht auch eine ganze Weile darauf warten musste, möchte es schön und gut. Was darunter zu verstehen ist, das ist höchst unterschiedlich. Man kann zum Beispiel trefflich über Schulen philosophieren. Oder über Kulturhäuser und der gleichen. Es reden aber nicht nur die Nutzer mit, ein paar andere Leute auch. Stadtentwickler, Architekten, Denkmalschützer und so weiter. Kann man nicht hier noch und kann man nicht da noch und so wäre es doch besser. Abgesehen von den Themen die ohnehin immer aufploppen, da hat mal eine Firma ein sehr niedriges Gebot abgegeben, man freut sich, die Prognose sieht gut aus, denkt, fein, da kann man dort ein bisschen mehr und am Ende stimmte dieses niedrige Gebot nicht und der Kostenplan knallt auseinander.

Nun, an irgend einer Stelle hatte ich mal was dazu geschrieben, wie gesichert Baukostenprognosen sind, die die Grundlage für Entscheidungen liefern. Und oft genug sind sie nicht so sicher wie man das gern hätte oder hinterher vorgibt es gern gehabt hätten zu wollen. Aber – das ist eben NICHT der einzige Grund, auch nicht die Hauptursache, auch wenn das gern behauptet wird. Natürlich sind Baukosten oder Kostenprognosen IMMER ein politisches Instrument. Aber im Laufe eines Planungs- und Baufortschritts werden Kostenplanungen immer konkreter und es gibt erst sehr spät diesen Point of no return. Jetzt können wir nicht mehr anders oder nicht mehr zurück, das ist tatsächlich kurz vorm Ende. Aber wer sagt, dass etwas zu entscheiden ist, wer entscheidet dann? Es bleibt kompliziert. Viele Beteiligte. Viele Interessenslagen, die alle ihre Berechtigung haben und die zu bedienen sind. Viele Menschen, die lieber ja als nein sagen. Und dann nützen alle Kontrollinstrumente nichts, wenn sie nicht genutzt werden von denen, die die Verantwortung dafür tragen. Projektsteuerung erfordert aber genau das. So wie Ursachenforschung nach Verantwortungen fragen muss, ohne dass es eine Bauernopfersuche ist. Anders geht es nicht, anders bleibt es beim Schema F. Mehrkosten – Aufschrei -Bau fertig – alle freuen sich – Alles gut. Bis zum nächsten Mal.