Wie viele Gräben gehen durch die Gesellschaft.

So lautete eine Überschrift irgendwann in den letzten Tagen in irgend einer Zeitung. Risse, Gräben, sie sind ständiges Thema. Zeit, sich diesem Thema zu widmen und zwar nicht aus politischer, politikwissenschaftlicher oder journalistischer Sicht. Sondern aus erkenntnistheoretischer und soziologischer. Wie viele Gräben? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. So viele Gräben, wie wir selbst ziehen. Und sie sind so tief, wie wir sie graben.

Erklärungsbedürftig? Nun: wir erinnern uns mal, Vor langer langer Zeit, da war alles was vier Räder hatte, ein Auto. Was vier Beine hatte ein Hund, was grün war und etwas Buntes oben drauf, das war eine Blume. Dass es da irgendwie doch Unterschiede (!) gibt, das wurde uns erst später klar. Was so simpel klingt, ist ziemlich bedeutsam. Unterscheiden ist ein völlig normaler kognitiver Prozess. Wir tun das ständig. Je mehr wir unterscheiden – oder differenzieren – desto differenzierter wird das Bild, was wir uns von der Welt machen. Unterschiede entstehen durch Unterscheiden. Kein Unterscheiden – keine Unterschiede. Das ist allerdings keine Lösung.

Unterscheidungen sind nicht nur relevant für das Bild, was wir uns von unserer Welt machen. Unterscheidungen sind auch in sozialer Hinsicht bedeutsam. Die erste Unterscheidung, die wir machen, ist  (die Feminist_*en mögen mir bitte verzeihen) ist Mama und Nicht-Mama. Familie und Nicht Familie. Kenne ich und kenne ich nicht. Das Unterscheiden zwischen Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe ist konstituierend für das Selbst. Und für soziale Gruppen. Klein-Systeme, aus denen die Gesellschaft irgendwie besteht. Leider gibt es einen Kitt für den Zusammenhalt, der heißt: Unterschied. Das, was eine soziale Gruppe zusammenhält, ist der Unterschied zu anderen, ist ein gemeinsames Merkmal, was andere Gruppen nicht haben. Das kann sein ein Fußballverein, das kann sein eine politische Überzeugung, das  ist das, was manche Personaler versuchen zu vermitteln, das Ding mit der Unternehmenszugehörigkeit.

Unterscheidungen haben eine kleine Eigenheit. Sie potenzieren sich. Unterscheidungen sind sozusagen Fraktale. Was ist damit gemeint? Nun, wieder ein Beispiel.  Nehmen wir mal an, jemand wollte sich um die Belange von Menschen mit Sommersprossen kümmern. Es wird also unterschieden zwischen Menschen MIT Sommersprossen und Menschen ohne Sommersprossen. Möglicherweise sind Menschen mit Sommersprossen eine Minderheit, sie sind dadurch benachteiligt, also muss auf ihre Belange Rücksicht genommen werden. Es wird über die Belange und Besonderheiten von Menschen mit Sommersprossen lang und breit diskutiert und immer wieder thematsiert. Nun gibt es aber vielleicht Menschen, die eine große Nase haben, die man bislang nicht berücksichtigte. Oder die kleiner sind. Kleiner als … Oder oder oder. Man kann dies imer weiter treiben und niemals wird man an einen Punkt kommen, an dem es nichts mehr zu differenzieren gibt, kein Unterschied mehr gemacht werden kann.

Die Möglichkeiten der Gräben- oder Rissproduktion kreuz und quer durch die Gesellschaft ist also nahezu grenzenlos. Und da der Mensch die Welt wahr nimmt und nicht nur spiegelt, und das Ganze auch noch aufmerksamkeitsgesteuert, kann es sein, dass er vor lauter Gräben und Rissen (ständig erzählt ja irgendeiner darüber) nicht mehr sieht, dass die anderen auch noch etwas anderes sind als jemand jenseits des Grabens.

Vielleicht wäre es an der Zeit, einmal über Themen zu diskutieren, die Unterschiede zum Problem werden lassen. Soziale Ungleichheit zum Beispiel. Das ist aber viel unbequemer. Dann müsste man sich tatsächlich Lösungen einfallen lassen.

Schau-Seite

Den Begriff las ich bei Stephan Kühl. Es ging um Organisationen und wie es der Name schon sagt, geht es um das, was gesehen werden soll. Das Offizielle. Wünschenswerte. Mir kam der Begriff wieder in den Sinn beim Schreiben einer Hausarbeit in angewandter Bildungsforschung. Evaluation von E-Portfolios. Was, wenn es auch im Bereich der Bildung eine Schau-Seite gibt, eine, die man in gemeinschaftlicher stiller Übereinkunft aufrecht erhält, die aber niemand tatsächlich lebt, ganz im Sinne des Luhmann-Zitates, dass die Reformen als die besten und beliebtesten und sinnvollsten in Erinnerung bleiben die niemals umgesetzt wurden?

Forschendes Lernen. Lernen durch Forschung. Die Hochschulen haben sich das schon seit Jahrzehnten auf die Fahnen geschrieben. Lernen durch Forschen. In realen Forschungssituationen, mit echten Fragestellungen. Nichts mit auswendig pauken. Klingt erst mal gut. Wird aber zu Rohrkrepierer, wenn der Student feststellt, es geht nicht um das, was ich da herausgefunden habe, sondern darum, dass ich ordentlich zitiere, Seitenabstände und Schriftgrößen einhalte. Sorgfalt und die Einhaltung von Standards sind zweifellos wichtig für wissenschaftliches Arbeiten. Forschungsinteresse und Kreativitöt aber auch. Sich aber mit den Inhalten zu befassen, das braucht Ressourcen. Ressourcen, die die Universitäten gar nicht immer haben. Und manchmal ist ja das, was Studierenden da gerade erforschen, nicht zwingend so mainstream, dass man Forschungsgelder dafür bekommt.

Also wäre eine stille Übereinkunft, dass eben e-Portfolios nur so genutzt werden wie es die Pflicht erfordert, Schriftgrößen, Zitierregeln und Zeitabstände eingehalten werden und damit allen unnützer Aufwand erspart wird, vielleicht gar nicht so absurd? Die zweite Realität. Aber bestimmt irre ich mich. Der Mensch irrt, solange er strebt. Zum Glück.

Wieder mal Dresden. Ja, verdammt.

Im vergangenen Jahr hatten wir die Busse. Objekte, mahnend für die einen, fremd, verstörend für die anderen. Stein des Anstoßes. Denkanstöße. Die aber – Objekte eben, wieder abtransportiert wurden. Und die Wasseroberfläche wurde wieder ruhiger.

Jetzt, so scheint es, geht es ans „Eingemachte“. Nicht um Objekte, die etwas symbolisieren. Nein, es geht um Meinungen. Einstellungen. Weltsichten. Deutlich wird, eine bestimmte Weltsicht ist nicht das Privileg irgend einer Schicht. Die Entzauberung der Eliten. Endlich, verdammt nochmal! Danke dafür.

Ich fürchte nur, die Karawane der Aufmerksamkeit zieht nach Suhrkamp. anstelle sich dem zu stellen, was wirklich ist.

Aufschrei

Sachsen will Schulstunden reduzieren, um dem Problem Lehrermangel Herr zu werden. Das Kultusministerium habe diese Pläne bestätigt, schreiben die Zeitungen. Nehmen wir also an, das stimmt.

Sport, Kunst, Musik, Fremdsprache. Es gibt zu wenig Lehrer, also reduziert man die als verzichtbar erscheinenden Schulstunden und bekommt damit wieder Ressourcen frei. Das klingt logisch. Ist es aber nicht. Es sei denn, die Sportlehrer haben als Zweitfach Mathe, die Kunstlehrer Deutsch und die Musiklehrer Bio oder so.  Es ist also keine wirkliche Lösung. Es ist eine Scheinlösung. Warum macht man dann sowas ?

Ich glaube nach 20 Jahren Kommunalpolitik von innen und außen und drunter und drüber und daneben irgendwie immer noch an das Gute im Menschen und an halbwegs kluge Entscheidungen.

Das Problem fehlender Lehrer ist nicht neu. Und es ist vielschichtig. Es hat seine Ursache darin, dass der Lehrerberuf keinen guten Ruf hat. Dass jeder Politiker sich hinstellen kann und behaupten zu wissen wie gute Schule richtig geht. Dass Eltern Helikopter spielen und meinen sie seien die eigentliche Schulleitung. Dass Schule gesellschaftliche Probleme lösen soll, die viel größer sind, systembedingt sind und Schule eher ein Teil des Problems als die Lösung. Die Ursache liegt darin, dass durch den gesellschaftlichen Wandel weniger Kinder geboren wurden und daraufhin Schulen geschlossen und Lehrerstellen gekürzt wurden und um die Besitzstände zu wahren – da haben die Gewerkschaften auch ihre Aktie dran – dem Nachwuchs keine Chance gelassen wurde. Man hat ihn verprellt und in alle Winde geschickt. Dresdens Uni wollte die Lehrerbildung loswerden, zumindest für einige Schularten.

Lehrer werden zu wollen, da muss man schon einen ziemliches Weltrettungsdings haben. Und wir haben es dem Markt überlassen. Der Mangel an den Ressourcen Schüler und zu vergebenden Studienplätzen. Man hat nicht um die Besten geworben, die Besten, die das Beste von uns, nämlich die Kinder, betreuen und lehren und bilden und erziehen. Scheiben aus Sand waren viel wichtiger. Jetzt haben wir den Salat und die sozialmarktwirtschaftlich sozialisierten Schüler entscheiden sich wie sich eine knappe Ressource eben entscheidet. Gehen in andere Bundesländer. Wollen nicht aufs Land wo sich Wolf und Hase Gute Nacht sagen. Wollen in die Stadt. Wer kann es ihnen verdenken?

Der Geburtenknick und viele andere Faktoren machen sich bemerkbar, die Gesellschaft altert und es fehlt Nachwuchs. Der zwar nachwächst, aber noch zu klein ist und der Gap wird immer größer. Es fehlt an der menschlichen Infrastruktur für das funktionieren einer Gesellschaft. Kranken- und AltenPflege. Erzieher. Lehrer. Polizei.  Dienstleister, die sich in den Dienst der Gesellschaft stellen. Die fehlen massiv und die Katze beisst sich hier in den Schwanz, denn:

Um mehr Erzieher auszubilden, braucht man Berufsschullehrer. Die muss man erstmal haben. Um Berufsschullehrer auszubilden, braucht man Studienplätze. Die muss man erstmal haben. Für Studienplätze braucht man Hochschullehrer. Die muss man erstmal haben. Für Hochschullehrer braucht man Studenten. Ehemalige Schüler. Die so gebildet sind, diese Berufe auch lernen zu – WOLLEN. Man kann dieses Spielchen mit vielen anderen Berufen weitertreiben. Fehlt das Huhn oder das Ei? Es fehlt die Ressource der Ressource der Ressource.

Beruf hat was mit Ruf zu tun. Warum sollte jemand Altenpfleger werden wollen? Krankenpflege? Polizist? Altruismus ist nicht marktkonform. Warum solche Berufe ergreifen, wirbt doch „die Wirtschaft“ so um Fachkräfte. Der Wirtschaft fehlen die Berufsschullehrer übrigens auch. Und die Ressource Mensch.

Und nun? Weniger Unterricht und größere Klassen? Vielleicht blüht das den Kindern und Lehrern und Schulen tatsächlich. Es ist sogar sehr wahrscheinlich. Wenn man vor der Entscheidung steht, kein Unterricht oder stattdessen größere Klassen.  Wenn es so ist, dass tatsächlich massiv Lehrer fehlen (die „Wahrheit“ wird ja auch nur unter der Hand kommuniziert) dann wird es wohl so kommen. Es wird die Elefantentränen geben, man wird „unter Schmerzen“ diese Entscheidung treffen. Die Schmerzen, die Politik immer mal so hat. Und dann wird es weiter gehen.

Mit Bildungspolitik gewinnt man keinen Blumentopf, Bildung ist nicht abrechenbar. Man kann sich entscheiden ob man Humanressourcen für ein Wirtschaftssystem heranzieht, dann sind auch die paar Stunden Musik und Kunst und Sport und vielleicht noch andere verzichtbare Fächer wie Geschichte und Ethik vernachlässigenswert. Oder man erkennt Bildung an als erstrebenswertes Gut. Und man erkennt an, dass Dienst an der Gesellschaft kein notwendiges Übel ist. Es ist eine Frage des Menschenbildes. Wie viel ist uns eigentlich der Mensch noch wert.

Nach 20 Jahren Kommunalpolitik und 20 Jahren Lernen habe ich zwar beinah jegliche Illusionen verloren. Aber der kleine Funken Glaube an das Gute flackert manchmal. Nehmen wir mal an,  Kultus- und der Finanzminister wissen sehr wohl, dass diese Stundenreduzierung keine wirkiche Lösung ist, wissen aber auch dass alle anderen wissen, dass diese Maßnahmen ein Jahr vor der Landtagswahl ein Scheiss-Bild abgeben, dass jeder denkt, das nächste sind dann größere Klassen und das ganze ist nichts anders als wenn sie sich hinstellten in ihre Ministerien und in den Landtag und brüllten: Nehmt das Problem verdammt noch mal ernst, denn es IST ernst. Der Mensch darf noch Illusionen haben, oder?

 

Stultorum plena sunt omnia – Ode an eine Verwaltung

Sorge für Gleichbehandlung. Aber mache gerade hier eine Ausnahme.

Modernisiere Dich. Aber verbrauche dafür weder Zeit noch Geld.

Entscheide. Aber triff keine Entscheidungen.

Nutze Deine Ermessensspielräume. Aber immer im Sinne aller.

Mache kurzen Prozess. Aber frage alle.

Setze Prioritäten. Aber priorisiere nicht denn alles ist wichtig.

 

Fortsetzung folgt.

 

Ach Kurt

Du hast es gewusst, so schoss es mir durch den Kopf bei der Tageslektüre der Presse und dem Nachdenken was manchmal so in dieser Stadt passiert. Kurt Tucholsky, nicht der der König. Aber ein König spielt auch dabei eine Rolle:

Das Königswort

Dies ergötzte hoch und niedrig:
Als der edle König Friedrich,
August weiland von ganz Sachsen,
tat zum Hals heraußer wachsen
seinem Volk, das ihn geliebt,
so es billigen Rotwein gibt –
als der König, sag ich, merkte,
wie der innre Feind sich stärkte,
blickt er über die Heiducken,
und man hört ihn leise schlucken..
Und er murmelt durch die Zähne:
»Macht euch euern Dreck alleene!«

Welch ein Königswort! Wahrhaftig,
so wie er – so voll und saftig
ist sonst keiner weggegangen.
Wenn doch heute in der langen
langen Reihe unsrer Kleber,
Wichtigmacher, Ämterstreber,
einer in der langen Kette
nur so viel Courage hätte,
trotz der Ehre und Moneten
schnell gebührend abzutreten!
O, wie ich sein Wort ersehne:
»Macht euch euern Dreck alleene!«

Edler König! Du warst weise!
Du verschwandest still und leise
in das nahrhafte Zivil.
Das hat Charme, und das hat Stil.
Aber, aber unsereiner!
Sieh, uns pensioniert ja keiner!
Und wir treten mit Gefühle
Tag für Tag die Tretemühle.
Ach, wie gern, in filzenen Schuhen
wollten wir gemächlich ruhen,
sprechend: »In exilio bene!
Macht euch euern Dreck alleene!«

Kaspar Hauser
Die Weltbühne, 24.04.1919, Nr. 18, S. 483, wieder in: Fromme Gesänge,

Es läuft ja trotzdem …

Es liefert Potential zu einem satirischen Theaterstück, dieses Tänzchen um die Regierungsbildung. Das Lachen bleibt aber im Halse stecken, weil offenbar niemand in der Lage ist, einmal die drei Schritte weiterzudenken, dass eine geschäftsführende Regierung eben nicht die Funktionsfähigkeit eines Staates sichert und dass auf Dauer eben nicht, wie der ehemalige Geschäftsführer eines Energiekonzerns kürzlich meinte, die Wirtschaft ganz gut ohne Regierung leben kann. Kleines Beispiel: Der Shutdown in den USA. Mit einer teilweise erschreckend selbstgerechten Überheblichkeit wird dies in den Medien dargestellt. Liebe Menschen, auch wir haben einen vorläufigen Haushalt.

Lesebildungsempfehlung hier:

„Wird das Haushaltsgesetz nicht rechtzeitig zu Beginn des Haushaltsjahres verkündet, darf die Bundesregierung nur Ausgaben leisten, die nötig sind, um die Verwaltung aufrechtzuerhalten und rechtliche Verpflichtungen zu erfüllen (Artikel 111 Grundgesetz). Grundsätzlich dürfen nur Maßnahmen fortgeführt werden, die bereits begonnen wurden. Es können also keine neuen Programme oder neue Investitionen auf den Weg gebracht werden. […] Grundlage und Obergrenze bildet ab Januar der Haushaltsentwurf 2018, den das Bundeskabinett im Juni 2017 verabschiedet hatte. Sachausgaben dürfen bis zu 45 Prozent seiner Höhe geleistet werden. “
https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2017/12/2017-12-11-faq-haushaltsfuehrung.html

Natürlich „verliert“ jeder, der in die Regierungsverantwortung geht und diese mit Partnern teilen muss. Er verliert deshalb, weil niemals alle Versprechen, die man in einem Wahlkampf macht, (sofort) eingelöst werden können. Das scheitert schon an der Realität, daran, dass Interessenslagen immer mit anderen Interessenslagen kollidieren. Er verliert deshalb, weil Kompromisse immer nötig sind, in der Oppositionswelt aber immer als Schwäche gelten, als ein „Einknicken“. Oppositionswelt meint hier nicht die Oppositionsparteien – der Begriff umfasst auch „die Basis“. Im Parteisprech sowas wie „der Bürger“.

Meines Erachtens hat sich die FDP komplett aus der Politik verabschiedet – ob Christian Lindner nochmal über Jamaika reden will oder nicht ist so bedeutend wie – nein, nicht der Sack Reis in China. Der kann jemandem auf den Fuss fallen, der Reis aus dem Sack rieseln und jemandem Probleme bereiten – es interessiert keinen. Die FDP hat sich selber abgeschossen.

Die SPD muss sich entscheiden was sie sein will und was ihr wichtig ist. Man kann nicht beides sein: Oppositionsführer und Teil der Regierung. Politplautze oder distinguierter Profi.  Und die CDU muss entscheiden was sie sein will. Da sind sich Sachsen und Bayern übrigens sehr ähnlich. Auch die Sachsen haben ihre Seehofers. Kleiner Einwurf: Von einem neuen MP, der sich in den eigenen Reihen erstmal durchsetzen muss, zu erwarten, all die Dinge zu klären, die man selber in vielen Jahren vorher nicht hinbekommen hat – als Koalitionspartner der sich außerhalb der Staatsregierungsmauern eher gern mit Linken und Grünen fotografieren lässt und kooperiert, das ist ein bisschen lächerlich und macht unglaubwürdig. Wenn ich mal viel Zeit habe, analysiere ich die bildungspolitische Verantwortung der SPD.

Nichtsdestotrotz: Wer jetzt die SPD auffordert, nicht in eine Große Koalition zu gehen, der möge eine eindeutige Alternative benennen. Wer jetzt Neuwahlen fordert möge bedenken, dass das Wahlergebnis nicht viel an der Gesamtsituation ändern wird. Die FDP dürte verlieren. Die SPD auch. Ich glaube, dass die Grünen auf Bundesebene zumindest von frustierten SPD-Wählern profitieren könnten, die Linke angesichts des eigenen Streits der Königinnen eher nicht. Ergo stehen die Beteiligten dann wieder vor dem selben Problem. Es werden sich aber – und das sollte man auch bedenken, für Neuwahlen weder die Parteien selbst erneuern (und das müssten sie, wöllten sie tatsächlich für etwas „Neues“, für einen Neubeginn stehen) noch wird es grundlegende Programmänderungen geben oder komplett neue Kandidaten. Es könnte an den Basen etwas rappeln, aber die bisheringen MdBs werden mit sicherheit ihre eigene Existenz nicht abschießen. Warum sollten sie auch, wurden sie doch bisher in den Parteien immer gehypt. Wer jetzt die SPD auffordert, keine GroKo zu bilden, der solle jetzt im eigenen Wahlkampf auch keine Themen aufrufen, die bundeshaushalterische Voraussetzungen haben wie zu Beispiel irgendwelche Programme für Bildung, Integration, Wohnungsbau.

 

 

 

 

Schnee

Es klang ja schräg. Skicup am Elbufer. Ob das nun Spaß macht, bei knapp über Null im feuchten nebligen Wetter über nasse Eiskügelchen, darüber kann man geteilter Meinung sein. Man kann auch über Skizirkus und Profisport im Allgemeinen geteilter Meinung sein. Oder über Events im Allgemeinen.

Was aber völlig bekloppt (Entschuldigung) unsachlich, unsinnig,  unglaubwürdig ist, das ist diese Hysterie. „Was erlaube sich Dresden da!“

Nette Nebenepisode: Da twittert eine Journalistin des öffentlichen Rundfunks, der Schnee müsse aus dem Fichtelgebirge (!) herangekarrt werden. Wenn man nichts zu sagen hat, oder keine Ahnung, dann soll man besser den Mund halten, wusste schon Klopfer.  Der Schnee kam zum Teil vom Fichtelberg, also echt regional eingekauft, und der große Rest entstand in Klotzsche. Vielleicht spendet der Skiverband oder die DMG der Dame mal einen Atlas.

Realsatire ist die Aufregung um die Frage der – Achtung – Nachhaltigkeit aber schon. Und hier zitiere ich mal einen ehemaligen Fraktionskollegen :

Grundsätzlich finden ich einen Diskurs in der Sache sehr wichtig. Allerdings sollte man vorher sich grundsätzlich mit der Problematik Wintersport in unseren Breitengraden auseinandersetzen. Wenn die hier geäußerte Kritik ehrlich gemeint ist dann sollte konsequenterweise jede Form von Wintersport abgelehnt werden. Erinnern wir uns einmal wie Wintersport entstand. Eishockey, Eiskunstlauf, Eisschnelllauf fand auf zugefrorenen Seen und Flüssen statt. Heute baut man dafür riesengroße Hallen und Freiluftanlagen und kühlt mit Ammoniak. Skispringen machte man von natürlichen Hügeln mit aufgeschütteten Schneebergen als Absprung. Heute werden dafür Berge gesprengt und zubetoniert. Bob und Rennschlitten fuhr man auf Natureisbahnen. Heute werden dafür Betonschlangen in die Landschaft gebaut und auch hier wird mit Ammoniak gekühlt. Und nun zum Langlauf und Biathlon. Glaubt ein jeder wirklich das da einfach nur durch den Wald gelaufen wird. Man schaue mal nach Oberhof oder nach Altenberg oder in andere Skigebiete. Hier werden mit gigantischem Aufwand ganze Skistadien gebaut, hier werden Strecken planiert, hier werden stationäre Beschneiungsanlagen gebaut. Meckert da jemand über die ökologischen Auswirkungen. Man kann den Wintersport kritisieren, aber ich erwarte von einer Landtagsabgeordneten dann die konsequente grundsätzliche Kritik. Insbesondere auch am Eissport in der eigenen Stadt.“

Richtig. Denn die grundsätzliche Kritik – so wird nämlich deutlich, was der Gegenstand der Kritik ist, die scheut man in dieser Diskussion. Wohl nicht ganz ohne Grund. Denn, machen wir doch mal weiter. Beim Wintersport, dem ganz privaten. Jeder, der in den Skiurlaub fährt um dort  mit einem Lift den Berg hoch- und eine möglichst noch kunstbeschneite, vorher von Bäumen und anderem natürlichem Unbill befreite Piste runterzubrettern, gehe in sich, halte die Klappe und buche einen Wanderurlaub und schaut sich mal ein Skigebiet im Sommer an.

Die öffentlich-rechtlichen recherchieren hoffentlich bei den nächsten Wintersportwettkämpfen die komplette (!) Umweltbilanz einschließlich des Energieverbrauchs durch twitternde Journalisten und Doppelpräsenz beider Anstalten. Wie ist eigentlich die Umweltbilanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks…? Genug der Unsachlichkeit.

Es geht nicht um das Kinderspiel, wenn der kann, dann will ich auch. Es geht um diese unsinnige aufmerksamkeitsheischende punktuelle Hysterie. Und es wird deutlich: es geht um (politisch motivierte) Aufmerksamkeit. Mit Nachhaltigkeit hat das nichts zu tun.

 

Der Fluch der Kommunikation

Es wird momentan sehr viel geredet über Kommunikation. Deren Rolle und Bedeutung. Man müsse kommunizieren. Aber es muss auch irgendwas dabei rauskommen. Etwas Abrechenbares möglichst. Aber: Was soll das sein? Das Ende von Kommunikation?

Die Krux sich ein wenig mit Soziologie zu befassen ist, es laufen einem ständig Paradoxa über den Weg. Nehmen wir mal eine Stadt. Oder eine Gesellschaft. Eine gespaltene Gesellschaft. Oder eine zerrissene. Worüber reden wir da eigentlich. Zunächst: Es gibt keine Gesellschaft (gab es auch nie) in der alle gleich sind, gleich denken, keine gegensätzlichen, konkurrierenden Interessenslagen haben, einander gewogen sind, gleich aussehen. Es gibt keine Gesellschaft ohne Unterschiede. Es kann auch nicht Ziel sein – denn das bedeutet Gleichmacherei. Gleichschaltung. Den Verlust des Wertes des Einzelnen, der Einzigartigkeit. Der Individualität. Es gibt also in jeder Gesellschaft Grenzen, Risse, Spalten, Mauern, wie auch immer man sie bezeichnen mag, diese Linie der Unterscheidung. Ein Unterschied bedarf einer Unterscheidung. Klingt profan, ist es aber nicht. Nur wenn ich unterscheide, nehme ich Unterschiede war. „Mache“ einen Unterschied.  Unterscheide ich nicht, mache keinen Unterschied, dann sind Unterschiede nicht existent. Klingt nicht mehr ganz so profan, ist aber nachdenkenswert. Vor allem wenn man über Integration, Inklusion oder auch Diversity und Diversity Management spricht. Und  – welche Bedeutung haben Unterschiede.

Reden wir aber mal von den sozialen Unterschieden. Es gibt mittlerweile sehr viel Forschung darüber, aber: es kommt im Grunde immer nur auf den sozialen Status an. Beispiel?  Jemand, der die Sprache eines Landes nicht beherrscht, ficht das nicht an wenn er sich zum Beispiel im Raum der Forschung, der Wissenschaft oder der Wirtschaft bewegt. Also das Einkommen und das soziale Umfeld komfortabel ist. Für Menschen mit Beeinträchtigungen gilt das Gleiche. Fehlende „Schlüssel“ zum System aber, wie Bildungsabschlüsse (wohlgemerkt anerkannte Abschlüsse) führen zu sozialer Benachteiligung – und die kann sich dann sozusagen in einen Exponenten verwandeln. Dann werden Beeinträchtigungen zum Problem.

Bildung allein aber garantiert keine soziale Sicherheit. Wer das erzählt, glaubt auch an Einhörner. Selbst das Schlagwort Chancengleichheit ist Selbstbetrug. Ich wage die These (und ich bin damit nicht alleine unter den Bildungswissenschaftlern) dass unser heutiges System viel brutaler siebt, differenziert, platziert, als wir das wahrhaben wollen und propagieren. Brutaler weil subtiler. Aber zurück zur Kommunikation. Natürlich gibt es Grenzlinien in einer Gesellschaft. Gespalten oder zerrissen aber ist die Gesellschaft nicht. Das wäre sie wenn Kommunikation abbräche. Differenzierter ist sie geworden. Weil Kommunikation stattfindet. Ein kleines gedankliches Experiment. Stellen wir uns mal vor, Kommunikation wäre sowas wie „atmen“ fürs Gehirn. Wir haben alle einen Atemreflex. Geht nicht ohne. Und ohne Kommunikation geht es auch nicht. Wir sind zwar (noch) nicht fremdgesteuert, aber auch nicht absolut autonom, das liegt nun mal darin dass der Mensch ein soziales Wesen ist und ohne seine Umwelt nicht auskommt. Auch wenn man das manchmal gerne würde. Ohne Kommunikation wäre die Menschheit längst ausgestorben. So einfach ist das. Und deshalb ist Kommunikation auch so „gestrickt“, dass sie nicht aufhören will. Erfolgreiche Kommunikation bleibt anschlussfähig. Sie ruft neue Kommunikation hervor. Insofern ist ein Streit dann ein konstruktiver, wenn er sich fortsetzt. Selbst wenn die Tür knallt. Das Bedürfnis hinterherzubrüllen zu unterdrücken ist mindestens genauso schwer wie Luft anhalten.

Und das mit der Einigung? Dem Aussöhnen? Juli Zeh hat in einem ihrer Bücher mal den klugen Satz gelesen: Jeder Mensch lebt in einem Universum, in dem er von morgens bis abends recht hat. Eine Haltung ändern, umdenken, das ist unheimlich scher (sonst würden nicht Heerscharen von Menschen davon leben, Ratgeber zu schreiben wie man abnimmt, endlich Sport treibt, endlich gelassener wird, „klug denkt“ oder richtig handelt – wobei letztere meistens der größte Blödsinn sind, nichts hilft und nur der Selbstbestätigung dient). Kommunikation kann nicht überzeugen. Das erfordert erhebliche Veränderungen im Gehirn (und nein, hier ist keine flache Beleidigung gemeint, das ist ernst.) Leider.

Also: Wenn beim miteinander Reden herauskommt, dass weiter und immer mehr miteinander geredet wird, ist das Ziel erreicht. Und irgendwann und irgendwie wird sich dadurch auch die Gesellschaft verändern. So wie schon immer. Nur ist das eben nicht wirklich plan- oder steuerbar, so sehr wir uns das auch wünschen.

 

 

Bored Faultier … oder?

http://de.disney.wikia.com/wiki/Flash

Beim Frühstück las ich wieder mal einen der total lustigen Beiträge, die sich mit der Schnelligkeit im öffentlichen Dienst befassen. Es ging um die Abschaffung der Majestätsbeleidigung. Ein Eilverfahren – und der zeitliche Bezug war die letzte Monarchie in Deutschland. Ha. (5 sec Pause) Ha. (5 sec Pause) Ha. (5 sec Pause)

Hätten wir noch einen Kaiser oder König, dann wär das schneller gegangen. Wirklich. Der hätte nämlich allein entscheiden können. Es ist eigentlich ganz einfach und ganz profan: je mehr (Mit)entscheider, Entscheidungsebenen und Beteiligung, desto länger dauerts. Das ist beinahe Physik. Die Serpentine den Berg hoch zu fahren, braucht weniger Kraft (wir übertragen das mal und übersetzen: Verantwortungslast  aber mehr Zeit). Den geraden und schnellen Weg (Alleinverantwortung) zu wählen ist kraftaufwändiger (risikobehafteter), geht aber schneller. Zumindest auf den ersten Blick. Alleinentscheider wollen wir doch aber gar nicht. Beteiligung wird immer wieder (zu recht) gefordert. Einbeziehung. Und Information. Demokratie dauert deshalb nun mal.

Eine schnelle Entscheidung fordert üblicherweise immer nur der, in dessen Interesse eine für das Interesse positive Entscheidung liegt. Ein Bauunternehmen zum Beispiel. Die Genehmigung soll schnell her, das Gebäude stehen, Verkauf oder Vermietung möglich werden. Zeit ist Geld, also Beeilung bitte. Ob da ein Baum steht oder das Gebäude sich nett in die Umgebung einfügt, Nachbarn was dagegen haben könnten, das ist da weniger von Belang. Nun stellen wir uns mal vor, in Bauangelegenheiten würden immer ganz schnell Entscheidungen (natürlich pro) getroffen. Wir stellen uns das lieber nicht vor.

Ein etwas diffizileres Beispiel. Risikomanagement. Schon mal gehört? Wikipedia sagt dazu:  Risikomanagement ist die Tätigkeit des Umgangs mit Risiken. Dies umfasst sämtliche Maßnahmen zur Erkennung, Analyse, Bewertung, Überwachung und Kontrolle von Risiken. Und das sind mögliche Ereignisse mit wiederum möglichen Folgen. Wir hätten es gern, sind es aber nicht: Allwissend und Propheten. Das heißt es ist nahezu unmöglich, alle möglichen Ereignisse und deren mögliche Folgen im Vorhinein zu erkennen, zu analysieren, die richtigen Maßnahmen vorzusehen und dann noch zu wissen, welche möglichen Folgen diese Maßnahmen möglicherweise haben könnten.

Wir versuchen es aber, wir versuchen uns abzusichern. Schon deshalb um im Falle des Falles nicht die Verantwortung tragen zu müssen. Denn trifft einmal ein solches Ereignis ein (manchmal kotzen eben die Pferde vor der Apotheke), ist man bei der Suche nach dem Schuldigen gnadenlos. Und weil es eben nahezu unmöglich ist, absolut sichere Aussagen über mögliche Ereignisse zu treffen, wird versucht, möglichst sichere Aussagen über mögliche Ereignisse zu treffen. Und das führt nicht selten dazu, dass ein Handeln unmöglich wird – denn wer würde gegen gute Ratschläge handeln, ein formuliertes (wenn auch unwahrscheinliches) Risiko in Kauf nehmen? Sei es nun beim Brandschutz, bei einer öffentlichen Veranstaltung oder sonstwo. Ein formuliertes Risiko, so unwahrscheinlich es ist, wird allein dadurch, dass es formuliert ist, schon real. (Denke nicht daran, dass es rosa Elefanten regnen könnte und schon gar nicht, dass Dir einer auf den Kopf fällt.)

Es gibt Anforderungen, die schnellen Entscheidungen unmöglich machen. Je transparenter, nachvollziehbarer, „objektiver“ eine Entscheidung sein soll, desto mehr Entscheidungs(vorbereitungs)ebenen gibt es (wobei dann am Ende gar keine Entscheidung mehr zu treffen ist, Entscheidung setzt voraus, dass es überhaupt Optionen gibt) und desto länger dauert es. Auch wenn uns das nicht gefällt, wir wollen es ja selbst so. Im Falle, wir bekämen den Job nicht, die Baugenehmigung würde abgelehnt, eine Veranstaltung, eine Raumnutzung nicht genehmigt.

Dass man aber nicht erwarten kann, dass eine Kanzlerin (oder ein Bürgermeister) per Federstrich ein Gesetz abschafft, dürfte auch klar sein. Denn – wer entscheidet welches Gesetz, welche Regel verzichtbar ist? Deshalb gibt es dafür Verfahren. Und Verfahren, die regeln wie im Falle des Zuwiderhandelns zu verfahren ist.

Und nun noch zu guter Letzt -Entbürokratisierung. Die Abschaffung einer Regel gebiert 20 neue. Ist so ein Spruch. Absurd? Nur auf den ersten Blick. Prüfe ich nämlich die Abschaffung einer Regel, dann fällt erst in diesem Prozess auf, was alles nicht  geregelt ist und was zu Regeln wäre um die Abschaffung der Regel regelrecht durchzuführen. Das ist nun mal unser selbstgewähltes Elend.

Da rauskommen? Würden wir uns denn darauf einlassen wollen…?