So geht sächsisch. Theater a la Dürrenmatt.

Vor ein paar Jahren hatte ich eine Petition gestartet. Umweltschule erhalten. Es gelang, gemeinsam mit vielen anderen, davon zeugt noch eine kleine Astscheibe, die ich als Dankeschön bekam.

Heute lese ich, sie ist wieder gefährdet weil der Bildungsagentur das Konzept nicht gefällt. Kann ja sein, dass das Konzept einer Schule Verbesserungen nötig hat. Nötige Verbesserungen. Welche Probleme die Bildungsagentur sieht weiß ich nicht, ist mir aber auch ziemlich egal, denn ich lese heute dass der Unterricht an einer Schule mit öffentlichem Träger, da muss das Konzept, weil staatlich, nicht hinterfragt werden, nicht abgesichert werden kann und Eltern einspringen. Ich kenne auch da die Gegebenheiten nicht, aber wenn es so ist, gleicht die sächsische Bildungspolitik momentan einem Stück von Dürrenmatt. In guter Erinnerung ist mir noch das Zitat eines sächsischen MDL: Neulehrer, Verzeihung Quereinsteiger, sorgen für Vielfalt an sächsischen Schulen. Welch tiefgründiges Zitat…

So lange es Sachsen nicht hinbekommt, an allen Schulen den Unterricht so mit ausgebildeten Lehrern abzusichern dass weder Schüler noch Lehrer unter Stress leiden (Lehrer werden nicht ohne Grund lanzeitkrank und da meine Eltern zu den Verschleißobjekten dieses Systems gehören weiß ich wovon ich da rede) ist Kritik oder Zweifel an Konzepten freier Schulen ziemlich unglaubwürdig.

Der Rücktritt von der Landesschulbehörde war nur eine weitere Episode. Wenn im SMK Zeit ist, soviel Polimik sei mir bitte gestattet, sich solche Dinge auszudenken, dann hat Sachsen noch Reserven.  Sicher könnte man aufgrund des Beamtenrechts ein Lehramtspraktikum für die betreffenden Denker im SMK realisieren.

Werden wir wieder seriös. Es passt einfach nicht zusammen. Man kann nicht guten Gewissens ein Schulkonzept für nicht genehmigungsfähig erklären und an anderer Stelle die Unterrichterrichtsversorgung nicht oder nur notdürftig absichern. Anders gesagt: Wenn der Unterricht qualitativ nicht schlechter ist und nicht weniger Lernerfolg garantiert als bei Quereinsteigern, dann darf die NUS weitermachen.  Dass das so ist, davon darf man ausgehen.

Allergien

Sehr oft denke ich über meine Stadt nach. Sehr oft denke ich darüber nach, warum sich die Dinge so entwickelt haben, warum Dresden so viele Gesichter hat – ein paar davon sind verdammt hässlich.  Und frage mich, wie konnte es dazu kommen. Wie konnte es überhaupt zu irgendwas kommen. Und was ist es, was ist irgendwas. Mir sind all die lauten Erklärungen und Zuschreibungen einfach zu einfach. Ich glaube man macht es sich zu einfach. Viel zu oft.

Sachsen ist braun, der Osten tendiert zum rechten Gedankengut … und weiter? Ich glaube die Blindheit auf dem rechten Auge ist weiter verbreitet. Viel weiter. Nicht nur im Osten. Aber es lenkt eben so schön ab. Auch von den Problemen, die man angehen müsste. Das Gesichtsfeld ist viel mehr eingeschränkt als nur rechts. Oder anders gesagt: Es gibt, davon bin ich jedenfalls mittlerweile überzeugt, noch zwei blinde Flecken, die sind aber nicht ganz so einfach zu erkennen und noch weniger zu beseitigen. Der eine blinde Fleck betrifft das Thema Integration. Ein viel gebrauchtes Wort. Integration. Ab wann gibt es sie eigentlich nochmal genau?

Vielleicht liegt eine Ursache, dass es jetzt so ist wie es ist, genau darin, in diesem blinden Fleck.  Vielleicht fehlt uns der verklärungsfreie, ehrliche und vorurteilsfreie Blick auf die eigene Geschichte – und das ist der andere blinde Fleck. In Ost wie in West. Und auf die Zeit nach der Wiedervereinigung. Hat da Integration stattgefunden? Integration wie sie heute verstanden werden will? Ich glaube, da gibt es noch einiges aufzuarbeiten. Und nicht nur mit dem Blick der Politikwissenschaften. Sondern mit dem Blick auf die Sozialgeschichte. Ich habe allerdings meine Zweifel, dass es eine solche Aufarbeitung geben wird, zumindest in absehbarer Zeit. Sie wäre zu unangenehm.

Als politisch aktiver Mensch, der sich lang, vielleicht ein bisschen zu lang für den perfekten Lebenslauf, mit  Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Bildungswissenschaft befasst hat, ist es immer weniger einfach, das Glas herumzudrehen. Weil es eben alles nicht so einfach ist, weil es keine einfachen Lösungen gibt. Aber jeder sie verspricht.

Wenn  Menschen das Gefühl haben,  die eigene Geschichte nimmt, Ihnen nimmt worauf sie stolz waren, oder Menschen das Gefühl haben, es wird ihnen ihre Geschichte genommen, dann können sie gar nicht offen sein für Neues, haben das Vertrauen verloren. Vielleicht fühlt sich ein Teil der Menschen seiner Geschichte oder seines Lebenswerkes oder wie auch immer beraubt, weil alles so „falsch“ gewesen ist.

Oder umsonst.  Menschen sind unterschiedlich. Das ist so und das wissen wir – Differenzierung wird ja in der Bildungspolitik gefordert. Der Einzelne zählt, weil eben jeder Mensch anders ist. Erwachsene übrigens auch. Auch Erwachsene möchten ernstgenommen werden. Wertgeschätzt werden. Auf etwas stolz sein können. Unzufriedenheit, Neid, Konkurrenzdenken, auch diese  Eigenschaften sind – leider – menschlich. Und wenn wir ehrlich wären nutzen wir heute doch auch. Manchmal sind sie sogar gefordert – im Job, manchmal werden sie befördert – weil das die Auflage erhöht. Unlösbare Widersprüche?

Wir sehen immer nur die Extreme. Und nicht das, was darunter ist. Menschenfeindlichkeit – die Feindlichkeit gegenüber Menschen, die nicht meinem Status, meiner Einstellung, meinen Auffassungen, meinen Haltungen entsprechen – die ist viel viel weiter verbreitet als wir das wahrhaben wollen. Sie beginnt mit Missachtung. In der politischen Rhetorik spielt die eine nicht unmaßgebliche Rolle. Und nun?

Gestern las ich: „Eine Allergie gegen moralische Selbstüberhöhung“. Besser hätte ich es nicht auf den Punkt bringen können. Und eine Pseudo-Allergie gegen einfache Lösungen (weil es die nicht gibt).