Sonnabendvormittag

beim Zeitunglesen fiel mir ja beinahe die Teetasse aus der Hand. Der sachsen-anhaltinische Kultusminister hat Angst, dass die Sachsen seinem Land nun die Lehrer abspenstig machen und befürchtet eine Rückkehrerwelle. Es bestand also durchaus das Potential zum Kopfschütteln und eine weitere Chance, den Glauben an die Welt und Vernunft und so weiter zu verlieren. Herrgottnochmal, wie bescheuert ist das eigentlich? Der Fehler liegt im System und wer das bis jetzt noch nicht mitbekommen hat, ist nicht mehr zu helfen und das – mit Verlaub – Bekloppteste wäre, wenn die Bundesländer sich jetzt gegenseitig den schwarzen Peter der besseren Arbeitsbedingungen zuschieben anstelle sich zu überlegen, wie die Fehler der Vergangenheit sich nicht wiederholen. Mir fällt ein, PISA für Erwachsene hat sehr schön gezeigt, dass so manches schon sehr lange im argen liegt.

ABER – man kann den Sonnabend auch anders verbringen. Märzenbecher ansschauen im Polenztal zum Beispiel. Kann ich nur empfehlen und habe festgestellt, mir fehlt mal wieder so zwei , drei Berge. Es relativiert sich vieles mit ein paar Höhenmetern in den Beinen und um so deutlicher wird die Absurdität politischer Diskurse. Es geht nur noch um Angst, Katastrophen, Verunsicherung. Deshalb: Märzenbecher.

Lasset uns streiten.

Einfach mal wirken lassen.

„Wollen wir mit der anderen Person koexistieren, müssen wir sehen, dass ihre Gewissheit – wo wenig wünschenswert sie uns auch erscheinen mag – genauso legitim und gültig ist, wie unsere. Wie unsere Gewissheit ist auch die Gewissheit des anderen Ausdruck seiner Bewahrung der Strukturkoppelung in einem Existenzbereich – so wenig verlockend uns dieser Bereich auch erscheinen mag. […] Eine Konflikt ist immer eine gegenseitige Negation. Er lässt sich nie in dem Bereich lösen, in dem er stattfindet., wenn die beiden Parteien sich ‚ihrer Sache sicher‘ sind.“

Maturana, H. R., & Varela, F. J. (2009). Der Baum der Erkenntnis: Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Fischer: Vol. 17855. Frankfurt, M.: Fischer-Taschenbuch-Verl.

 

„Ein Konflikt ist nur zu überwinden, wenn wir uns in einen anderen Bereich bewegen, in dem Koexistenz stattfindet. Das Wissen um dieses Wissen ist der soziale Imperativ jeder auf dem Menschlichen basierenden Ethik.“

Maturana, H. R., & Varela, F. J. (2009). Der Baum der Erkenntnis: Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Fischer: Vol. 17855. Frankfurt, M.: Fischer-Taschenbuch-Verl.

 

Die Illusion des Führens

Als Bildungswissenschaftler schaue ich mit einiger Skepsis darauf, was so unter Personal- oder noch besser HR-Management und Führung verstanden wird. Fällt auch irgendwie unter die Rubrik „Entzauberung von Mythen“. Vermutlich habe ich perspektivisch zwei Möglichkeiten: Organisationsberater oder eine Almhütte. (Oder Lehrer, der dann kritisch-renitente Humanressourcen liefert). Jedenfalls ist mein Führungsverständnis ein post-heroisches. Das ist keine Satire, sondern ein Fachbegriff. Ernsthaft.

Das Konzept der Organisationsentwicklung – Erwerbsgrundlage ganzer Heerscharen von Beratern und Managern, hat vier „Urväter. Edgar Schein (Stichwort Unternehmenskultur), Warren Bennis, Dick Beckhard und Chris Argyris. Letzterer hat sich mit dem „Lernen“ von Organisationen befasst. Insbesondere mit der Frage, wie eine Organisation ihre Mitarbeiter beeinflusst im Sinne ihrer Entwicklung und wie Mitarbeiter die Organisation beeinflussen. Über drei Ecken findet man sich dann doch wieder beim Thema Kommunikation. Aber darum geht es heute ausnahmsweise mal nicht. Hier nun also das Zitat in Auszügen, welches einen neuerlichen Lachanfall hervorrief.  Lahcanfall deshalb, weil ich in früheren Studienarbeiten mich mit Unternehmenskultur und Personalführung und dergleichen befasste und diverse wirtschaftswissenschaftliche Literatur recherchiert habe. Als Sozialwissenschaftler ist das grenzwertig bis schmerzhaft.  Vor allem wenn sich dann „die Wirtschaft“ über „die Politik“ und „die Verwaltung“ aufregt oder umgekehrt. Steht der soziologisch angehauchte Bildungswissenschaftler mit einer Tasse Tee daneben und sagt, Leute, es sind alles Organisationen. Die einen sind nicht besser als die anderen und Personalführung, da redet Ihr von E-r-z-i-e-h-u-n-g. Aber gut. Die Gesellschaft muss beschäftigt werden. Nun also:

„Komplexe Anpassungsleistungen von Organisationen im Sinne des double-loop-learning [Anm.: ist nichts anderes als das eigene Handeln immer mal wieder kritisch zu hinterfragen und ggf. zu Ändern]  setzen notwendigerweise Entscheidungen des Führungspersonals voraus. Argyris hat sich daher auch mit der Frage befasst, warum ausgerechnet Führungspersonen den Heraus-forderungen komplexerer Anpassungsleistungen in Organisationen oft nicht gerecht werden. Seine These ist, dass dies mit der fachlichen Qualifikation des Führungspersonals wenig zu tun hat. Vielmehr müsse man im Regelfall mit qualifizierter Inkompetenz (skilled incompetence) rechnen: Hohe fachspezifische Qualifikation schließe das sprichwörtliche Scheuklappenverhalten – und damit den Verzicht auf double-loop-learning – nicht nur nicht aus, sondern mache dieses sogar wahrscheinlicher.“

Zudem aber, so Argyris, seien hoch qualifizierte Führungspersonen besonders geschickt im intuitiven Erfinden von »Verteidigungsroutinen«, die der Aufrechterhaltung des Status quo dienten. Verteidigungsroutinen, so Argyris, haben gar nichts mit der fachlichen Logik und folglich auch nichts mit der fachlichen Qualifikation des Führungspersonals zu tun, sondern mit dessen Bestreben, negativen Überraschungen, persönlichen Verlegenheiten oder Bedrohungen der eigenenPerson oder Position nach Möglichkeit auszuweichen, wobei die Ironie darin liege, dass ein solches Verhalten die Ursachen negativer Überraschungen, Ärgernisse oder bedrohlicher Situationen nicht nur nicht beseitigt, sondern unter Umständen erst schafft. Verteidigungsroutinen seien Ausdruck des Nicht-Lernens und übertriebener Schutzbedürfnisse.

Argyris macht also im Wesentlichen das Konfliktvermeidungsverhalten von Führungskräften für die Verhinderung von Lernen in Organisationen verantwortlich – gewissermaßen deren Neigung, »um den heißen Brei herumzureden«.  Dies steht durchaus im Gegensatz zu verbreiteten Klischees über »durchsetzungsstarke«, robuste und aggressive Führungspersonen in der öffentlichen Verwaltung oder in privaten Wirtschaftsunternehmen. Aber es ist vermutlich realistischer, männlichem wie weiblichem Führungspersonal die Neigung zu unterstellen, den emotionalen Kosten eines Konflikts sowohl mit gleichrangigen Kolleginnen und Kollegen als auch mit Untergebenen auszuweichen und die mit Konflikten einhergehenden Belastungen für die Organisation zu vermeiden. Und je umfassender die Abweichung von eingespielten Routinen, umso höher dasKonfliktpotenzial des Lernens. Dies ist Argyris zufolge also der wesentliche Grund für das häufige Ausbleiben von double loop learning, auch wenn dieses im Interesse der Organisati-on eigentlich geboten wäre. Zu wissen, dass Veränderungen nötig sind, ist nicht dasselbe, wie diese Veränderungen auch anzugehen. Typisch sei vielmehr, so Argyris, dass Führungspersonen Zuflucht zu ambivalenten Kommunikationstaktiken (mixed messages) suchen, für die sich sogar Regeln angeben lassen, zum Beispiel: »Sorge dafür, dass deine Mitteilung inkonsistent ist. Handele so, als sei deine Mitteilung nicht inkonsistent. Mache die Inkonsistenz deiner Mitteilung und dein Handeln, das die Inkonsistenz igno-riert, undiskutierbar. Mache die Undiskutierbarkeit des Undiskutierbaren undiskutierbar. «Führungspersonen, so Argyris, befolgen solche Regeln mehr oder weniger unbewusst und erwerben gerade dadurch großes Geschick in ihrerAnwendung. Dadurch entstehe aber in einer Organisation auf Dauer ein Klima der Ambivalenz und des Misstrauens. Niemand traue sich, schwelende Probleme offen anzusprechen, weil kaum jemand bereit sei, den Makel des Störenfrieds auf sich zu nehmen. “

Seibel, W. (2016). Verwaltung verstehen: Eine theoriegeschichtliche Einführung (Erste Auflage, Originalausgabe). Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft: Vol. 2200. Berlin: Suhrkamp.

 

Best of

Studieren ist Seelenhygiene und keinesfalls immer nur ernst. Im Gegenteil. Manchmal lache ich Tränen beim Lesen. Deshalb möchte ich die geneigte Leserschaft teilhaben lassen. Der nette Nebeneffekt: das Repertoire an Zitaten für launige Reden oder Grußworte erweitert sich, Zitate, die erlauben, Dinge zu kommunizieren, die man sich so ganz direkt selbst nicht erlaubt.

Fangen wir also an:

Zum Thema Organisation und Führung:

Es ist vielleicht überspitzt und allzu sehr auf Organisationen des Erziehungssystems bezogen wenn man formuliert, die Leitung präsidiere über einer organisierten Anarchie. Ihr Unterbau gleiche einer Mülltonne, deren Inhalt einerseits nicht zu bestimmten Zwecken verwendet werden könne, andererseits aber auch nicht rein zufällig zusammenkomme und insofern eine statistische Behandlung erschwere. Jedenfalls ist aber eine starke Beimischung von Hoffen und Wünschen für Entscheidungen dieser Art unerlässlich. Demgemäß brauchen vor allem Vorgesetzte die Fähigkeit, sich gegenüber unbekannten Verhältnissen rational zu verhalten. Wenn die Belastung durch diese Situation und durch ständig kontraintuitives Verhalten der eigenen Organisation als zu groß empfunden wird, findet das System eine sehr typische Reaktionsmöglichkeit. Die Erweiterung des Organisationssystems durch besondere Funktionen und Stellen für Planung. Auf den ersten Blick ist das eine paradoxe Lösung. […] “

Luhmann, Niklas (2009): Soziales System, Gesellschaft, Organisation. 5. Aufl. 6 Bände. Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss. (Soziologische Aufklärung, / Niklas Luhmann ; 3).

 

Wie viele Gräben gehen durch die Gesellschaft.

So lautete eine Überschrift irgendwann in den letzten Tagen in irgend einer Zeitung. Risse, Gräben, sie sind ständiges Thema. Zeit, sich diesem Thema zu widmen und zwar nicht aus politischer, politikwissenschaftlicher oder journalistischer Sicht. Sondern aus erkenntnistheoretischer und soziologischer. Wie viele Gräben? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. So viele Gräben, wie wir selbst ziehen. Und sie sind so tief, wie wir sie graben.

Erklärungsbedürftig? Nun: wir erinnern uns mal, Vor langer langer Zeit, da war alles was vier Räder hatte, ein Auto. Was vier Beine hatte ein Hund, was grün war und etwas Buntes oben drauf, das war eine Blume. Dass es da irgendwie doch Unterschiede (!) gibt, das wurde uns erst später klar. Was so simpel klingt, ist ziemlich bedeutsam. Unterscheiden ist ein völlig normaler kognitiver Prozess. Wir tun das ständig. Je mehr wir unterscheiden – oder differenzieren – desto differenzierter wird das Bild, was wir uns von der Welt machen. Unterschiede entstehen durch Unterscheiden. Kein Unterscheiden – keine Unterschiede. Das ist allerdings keine Lösung.

Unterscheidungen sind nicht nur relevant für das Bild, was wir uns von unserer Welt machen. Unterscheidungen sind auch in sozialer Hinsicht bedeutsam. Die erste Unterscheidung, die wir machen, ist  (die Feminist_*en mögen mir bitte verzeihen) ist Mama und Nicht-Mama. Familie und Nicht Familie. Kenne ich und kenne ich nicht. Das Unterscheiden zwischen Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe ist konstituierend für das Selbst. Und für soziale Gruppen. Klein-Systeme, aus denen die Gesellschaft irgendwie besteht. Leider gibt es einen Kitt für den Zusammenhalt, der heißt: Unterschied. Das, was eine soziale Gruppe zusammenhält, ist der Unterschied zu anderen, ist ein gemeinsames Merkmal, was andere Gruppen nicht haben. Das kann sein ein Fußballverein, das kann sein eine politische Überzeugung, das  ist das, was manche Personaler versuchen zu vermitteln, das Ding mit der Unternehmenszugehörigkeit.

Unterscheidungen haben eine kleine Eigenheit. Sie potenzieren sich. Unterscheidungen sind sozusagen Fraktale. Was ist damit gemeint? Nun, wieder ein Beispiel.  Nehmen wir mal an, jemand wollte sich um die Belange von Menschen mit Sommersprossen kümmern. Es wird also unterschieden zwischen Menschen MIT Sommersprossen und Menschen ohne Sommersprossen. Möglicherweise sind Menschen mit Sommersprossen eine Minderheit, sie sind dadurch benachteiligt, also muss auf ihre Belange Rücksicht genommen werden. Es wird über die Belange und Besonderheiten von Menschen mit Sommersprossen lang und breit diskutiert und immer wieder thematsiert. Nun gibt es aber vielleicht Menschen, die eine große Nase haben, die man bislang nicht berücksichtigte. Oder die kleiner sind. Kleiner als … Oder oder oder. Man kann dies imer weiter treiben und niemals wird man an einen Punkt kommen, an dem es nichts mehr zu differenzieren gibt, kein Unterschied mehr gemacht werden kann.

Die Möglichkeiten der Gräben- oder Rissproduktion kreuz und quer durch die Gesellschaft ist also nahezu grenzenlos. Und da der Mensch die Welt wahr nimmt und nicht nur spiegelt, und das Ganze auch noch aufmerksamkeitsgesteuert, kann es sein, dass er vor lauter Gräben und Rissen (ständig erzählt ja irgendeiner darüber) nicht mehr sieht, dass die anderen auch noch etwas anderes sind als jemand jenseits des Grabens.

Vielleicht wäre es an der Zeit, einmal über Themen zu diskutieren, die Unterschiede zum Problem werden lassen. Soziale Ungleichheit zum Beispiel. Das ist aber viel unbequemer. Dann müsste man sich tatsächlich Lösungen einfallen lassen.

Schau-Seite

Den Begriff las ich bei Stephan Kühl. Es ging um Organisationen und wie es der Name schon sagt, geht es um das, was gesehen werden soll. Das Offizielle. Wünschenswerte. Mir kam der Begriff wieder in den Sinn beim Schreiben einer Hausarbeit in angewandter Bildungsforschung. Evaluation von E-Portfolios. Was, wenn es auch im Bereich der Bildung eine Schau-Seite gibt, eine, die man in gemeinschaftlicher stiller Übereinkunft aufrecht erhält, die aber niemand tatsächlich lebt, ganz im Sinne des Luhmann-Zitates, dass die Reformen als die besten und beliebtesten und sinnvollsten in Erinnerung bleiben die niemals umgesetzt wurden?

Forschendes Lernen. Lernen durch Forschung. Die Hochschulen haben sich das schon seit Jahrzehnten auf die Fahnen geschrieben. Lernen durch Forschen. In realen Forschungssituationen, mit echten Fragestellungen. Nichts mit auswendig pauken. Klingt erst mal gut. Wird aber zu Rohrkrepierer, wenn der Student feststellt, es geht nicht um das, was ich da herausgefunden habe, sondern darum, dass ich ordentlich zitiere, Seitenabstände und Schriftgrößen einhalte. Sorgfalt und die Einhaltung von Standards sind zweifellos wichtig für wissenschaftliches Arbeiten. Forschungsinteresse und Kreativitöt aber auch. Sich aber mit den Inhalten zu befassen, das braucht Ressourcen. Ressourcen, die die Universitäten gar nicht immer haben. Und manchmal ist ja das, was Studierenden da gerade erforschen, nicht zwingend so mainstream, dass man Forschungsgelder dafür bekommt.

Also wäre eine stille Übereinkunft, dass eben e-Portfolios nur so genutzt werden wie es die Pflicht erfordert, Schriftgrößen, Zitierregeln und Zeitabstände eingehalten werden und damit allen unnützer Aufwand erspart wird, vielleicht gar nicht so absurd? Die zweite Realität. Aber bestimmt irre ich mich. Der Mensch irrt, solange er strebt. Zum Glück.

Karte der Widersprüche

Ich las einen Artikel in der Sächsischen Zeitung, in der eine doppelte Geschäftseröffnung am Schillerplatz bejubelt wurde. Damenmode und nochmal Damenmode (irgendwas mit Düften, Taschen, Strümpfen). Und dann wurde vermeldet, dass eine Filiale des allseits beliebten Staubfängerhändlers Depot ebenfalls eröffnet (ich zähle auch zum geneigten Kundenkreis) und dass DM bliebe und so weiter. Schön schön. Bejammert wurden allerdings die großen Herausforderungen, übersetzt mit: Die Menschen kaufen zu wenig ein. Und das brachte mich auf die Idee, etwas umzusetzen, was mir schon lange vorschwebt. Eine Karte der Widersprüche zu erstellen. Was meine ich damit? Konsum auf der einen Seite, Müll und das Beklagen zu wenig haltbarer (nachhaltiger, also qualitative hochwertiger) Waren. Damit ist NICHT die Theorie der Sollbruchstelle gemeint, die genau dann knackt, wenn die Garantie vorbei ist. Kaufen ist der Überlebenstropf des Handels und Konsum die Grundlage der Wirtschaft. Konsum ist aber gleichzeitig Ursache vieler Probleme, die wir mittlerweile beklagen, auch wenn wir nicht zur grasgrünen Szene zählen. Wenn ein Mensch sich verabschiedet von Schaumwaffeln und Fertigkuchen und Softdrinks und umsteigt auf Normalkost, dann geht irgendwo anders ein Arbeitsplatz drauf. Verkürzt ausedrückt. Verzichten Eltern auf selbstlaufende Püppis und dudelnde Bilderbücher und steigen um auf Vorlesen in Eigenleistung, geht irgendwo anders ein Arbeitsplatz drauf. Gewöhnten sich Raucher das Rauchen ab, für Dresden wäre das echt Mist. Oder das Ding mit der Mitbestimmung und schnellen und „richtigen“ Entscheidungen. Je mehr Menschen mitbestimmen, desto mehr Menschen wissen und sagen, was richtig ist. Das kann übereinstimmen, muss aber nicht. Oder das Ding mit den motivierten entscheidungsfreundlichen, ihre Entscheidungsspielräume ausnutzenden engagierten Mitarbeitern. Die machen dann nicht immer das, was die übergeordneten Stellen wollen. Oder sie machen eben immer genau das, was von ihnen erwartet wird. Das heißt, es muss aber auch gesagt werden.

Eine Karte der Widersprüche.  Einfach ist sie eben nicht, die Welt. Auch wenn man das gene hätte.

Wie oft habe ich gehört, Geisteswissenschaften sind eine brotlose Kunst. Die Universität, an der ich begann zu studieren, wollte diese am liebsten ganz abschaffen. Lästiges Anhängsel irgendwie. Bringt alles nichts.  Als Chorkind habe ich Musik schätzen gelernt. Und als Bildungs- und Sozialwissenachaftler ist mir eines klar geworden: So manches, was wir heute als Naturgewalt, als Gesetzte begreifen, sind Artefakte. Menschengemacht. Wir haben nur verlernt, das zu denken, was man als Kontingenz bezeichnet. Nichts, was besteht, ist notwendig. Kein Markt. Kein Wirtschaftssystem. Kein Algorithmus. Kein Gesellschaftssystem. Es besteht nur weil wir das so wollen. Weil wir uns dem unterwerfen was Menschen geschaffen haben. Und vergessen dabei, dass Menschen verändern können. Dazu müssen sie aber unterscheiden lernen, was ist tatsächlich eine Naturgewalt – und was im Grunde ein Artefakt. Dazu müssen Menschen „das Universum“ kennenlernen. Das Universum der menschlichen Gesellschaft. Und das, was den Menschen ausmacht. Dann lässt sich verstehen, was ist eine Gesellschaft, wie entstehen „Risse“, warum können Medien niemals objektiv sein, warum sind Politiker keine Helden. Und wie ist das mit Markt und Wirtschaft. Dieses Wissen ist nicht verkäuflich. Man kann daraus nichts machen, wenn es alle haben. Oder viele. Wissen ist Macht. Wissen entmachtet.

Belächelt worden bin ich schon oft und irgendwann gewöhnt man sich dran. Ich freue mich nur, wenn manchmal irgend ein Schwergewicht kluge Dinge äußert, die nicht neu sind, aber denen bisher ein Aufmerksamkeitsmagnet fehlte.
Heute zum Beispiel:“ Wir können unseren Kinder nicht lehren, wie sie gegen Maschinen bestehen. Diese sind smarter«, Lehrer sollten aufhören, reines Wissen zu vermitteln. »Wir müssen einzigartiges lehren, so dass wir von keiner Maschine eingeholt werden können«. Das seien: Werte, Überzeugungen, unabhängiges Denken, Teamwork und Achtung für andere. »Sport, Musik, Malen – Kunst, die sicherstellt, dass Menschen verschieden sind. Alles, was wir lehren, sollte sich unterscheiden von Maschinen«“ Zitat des Alibaba-Chefs.

http://www.crn.de/software-services/artikel-116199-2.html

Nebenbei, auch nur ganz nebenbei würden damit viele Risse in der Gesellschaft gekittet. Aber Kontingenz heißt leider nicht nur, es könnte anders sein, sondern es könnte auch alles so bleiben.

 

 

 

 

Wieder mal Dresden. Ja, verdammt.

Im vergangenen Jahr hatten wir die Busse. Objekte, mahnend für die einen, fremd, verstörend für die anderen. Stein des Anstoßes. Denkanstöße. Die aber – Objekte eben, wieder abtransportiert wurden. Und die Wasseroberfläche wurde wieder ruhiger.

Jetzt, so scheint es, geht es ans „Eingemachte“. Nicht um Objekte, die etwas symbolisieren. Nein, es geht um Meinungen. Einstellungen. Weltsichten. Deutlich wird, eine bestimmte Weltsicht ist nicht das Privileg irgend einer Schicht. Die Entzauberung der Eliten. Endlich, verdammt nochmal! Danke dafür.

Ich fürchte nur, die Karawane der Aufmerksamkeit zieht nach Suhrkamp. anstelle sich dem zu stellen, was wirklich ist.

Segregation als Marketinginstrument (Nicht Sarkasmusfrei)

Kürzlich habe ich über die soziale Segregation der Schulen geschrieben. Ein sich selbst steuernder Prozess, der nur durch Intervention aufzuhalten wäre wenn man es denn wolle.

PISA – und auch die TU Dresden in ihrem Ansatz der Universitätsschule gehen davon aus, dass die soziale Durchmischtheit eine große Rolle spielen für den Bildungserfolg der Schüler insgesamt. Anders ausgedrückt, es müssen ein Mindestanteil von SchülerInnen aus „sozial gefestigten“ Verhältnissen kommen, Bildungshintergrund und wirtschaftlicher Hintergrund der Eltern ebenso. Damit die Kinder, deren Ausgangsbedingungen nicht so optimal sind, bessere Chancen haben. Zumindest ist es immer noch erklärtes Ziel. Und wenn Bildungsforschung sowas sagt, dann wird da schon was dran sein.

Und nun dies:

Auf der Homepage einer Grundschule in Dresden:
„Die Kinder kommen überwiegend aus gefestigten sozialen Verhältnissen. Diese Kompetenz der Eltern nutzen wir für die gemeinsame Arbeit zur optimalen Entwicklung unserer Kinder.“

Segregationsmarketing.