Karte der Widersprüche

Ich las einen Artikel in der Sächsischen Zeitung, in der eine doppelte Geschäftseröffnung am Schillerplatz bejubelt wurde. Damenmode und nochmal Damenmode (irgendwas mit Düften, Taschen, Strümpfen). Und dann wurde vermeldet, dass eine Filiale des allseits beliebten Staubfängerhändlers Depot ebenfalls eröffnet (ich zähle auch zum geneigten Kundenkreis) und dass DM bliebe und so weiter. Schön schön. Bejammert wurden allerdings die großen Herausforderungen, übersetzt mit: Die Menschen kaufen zu wenig ein. Und das brachte mich auf die Idee, etwas umzusetzen, was mir schon lange vorschwebt. Eine Karte der Widersprüche zu erstellen. Was meine ich damit? Konsum auf der einen Seite, Müll und das Beklagen zu wenig haltbarer (nachhaltiger, also qualitative hochwertiger) Waren. Damit ist NICHT die Theorie der Sollbruchstelle gemeint, die genau dann knackt, wenn die Garantie vorbei ist. Kaufen ist der Überlebenstropf des Handels und Konsum die Grundlage der Wirtschaft. Konsum ist aber gleichzeitig Ursache vieler Probleme, die wir mittlerweile beklagen, auch wenn wir nicht zur grasgrünen Szene zählen. Wenn ein Mensch sich verabschiedet von Schaumwaffeln und Fertigkuchen und Softdrinks und umsteigt auf Normalkost, dann geht irgendwo anders ein Arbeitsplatz drauf. Verkürzt ausedrückt. Verzichten Eltern auf selbstlaufende Püppis und dudelnde Bilderbücher und steigen um auf Vorlesen in Eigenleistung, geht irgendwo anders ein Arbeitsplatz drauf. Gewöhnten sich Raucher das Rauchen ab, für Dresden wäre das echt Mist. Oder das Ding mit der Mitbestimmung und schnellen und „richtigen“ Entscheidungen. Je mehr Menschen mitbestimmen, desto mehr Menschen wissen und sagen, was richtig ist. Das kann übereinstimmen, muss aber nicht. Oder das Ding mit den motivierten entscheidungsfreundlichen, ihre Entscheidungsspielräume ausnutzenden engagierten Mitarbeitern. Die machen dann nicht immer das, was die übergeordneten Stellen wollen. Oder sie machen eben immer genau das, was von ihnen erwartet wird. Das heißt, es muss aber auch gesagt werden.

Eine Karte der Widersprüche.  Einfach ist sie eben nicht, die Welt. Auch wenn man das gene hätte.

Wie oft habe ich gehört, Geisteswissenschaften sind eine brotlose Kunst. Die Universität, an der ich begann zu studieren, wollte diese am liebsten ganz abschaffen. Lästiges Anhängsel irgendwie. Bringt alles nichts.  Als Chorkind habe ich Musik schätzen gelernt. Und als Bildungs- und Sozialwissenachaftler ist mir eines klar geworden: So manches, was wir heute als Naturgewalt, als Gesetzte begreifen, sind Artefakte. Menschengemacht. Wir haben nur verlernt, das zu denken, was man als Kontingenz bezeichnet. Nichts, was besteht, ist notwendig. Kein Markt. Kein Wirtschaftssystem. Kein Algorithmus. Kein Gesellschaftssystem. Es besteht nur weil wir das so wollen. Weil wir uns dem unterwerfen was Menschen geschaffen haben. Und vergessen dabei, dass Menschen verändern können. Dazu müssen sie aber unterscheiden lernen, was ist tatsächlich eine Naturgewalt – und was im Grunde ein Artefakt. Dazu müssen Menschen „das Universum“ kennenlernen. Das Universum der menschlichen Gesellschaft. Und das, was den Menschen ausmacht. Dann lässt sich verstehen, was ist eine Gesellschaft, wie entstehen „Risse“, warum können Medien niemals objektiv sein, warum sind Politiker keine Helden. Und wie ist das mit Markt und Wirtschaft. Dieses Wissen ist nicht verkäuflich. Man kann daraus nichts machen, wenn es alle haben. Oder viele. Wissen ist Macht. Wissen entmachtet.

Belächelt worden bin ich schon oft und irgendwann gewöhnt man sich dran. Ich freue mich nur, wenn manchmal irgend ein Schwergewicht kluge Dinge äußert, die nicht neu sind, aber denen bisher ein Aufmerksamkeitsmagnet fehlte.
Heute zum Beispiel:“ Wir können unseren Kinder nicht lehren, wie sie gegen Maschinen bestehen. Diese sind smarter«, Lehrer sollten aufhören, reines Wissen zu vermitteln. »Wir müssen einzigartiges lehren, so dass wir von keiner Maschine eingeholt werden können«. Das seien: Werte, Überzeugungen, unabhängiges Denken, Teamwork und Achtung für andere. »Sport, Musik, Malen – Kunst, die sicherstellt, dass Menschen verschieden sind. Alles, was wir lehren, sollte sich unterscheiden von Maschinen«“ Zitat des Alibaba-Chefs.

http://www.crn.de/software-services/artikel-116199-2.html

Nebenbei, auch nur ganz nebenbei würden damit viele Risse in der Gesellschaft gekittet. Aber Kontingenz heißt leider nicht nur, es könnte anders sein, sondern es könnte auch alles so bleiben.

 

 

 

 

Wieder mal Dresden. Ja, verdammt.

Im vergangenen Jahr hatten wir die Busse. Objekte, mahnend für die einen, fremd, verstörend für die anderen. Stein des Anstoßes. Denkanstöße. Die aber – Objekte eben, wieder abtransportiert wurden. Und die Wasseroberfläche wurde wieder ruhiger.

Jetzt, so scheint es, geht es ans „Eingemachte“. Nicht um Objekte, die etwas symbolisieren. Nein, es geht um Meinungen. Einstellungen. Weltsichten. Deutlich wird, eine bestimmte Weltsicht ist nicht das Privileg irgend einer Schicht. Die Entzauberung der Eliten. Endlich, verdammt nochmal! Danke dafür.

Ich fürchte nur, die Karawane der Aufmerksamkeit zieht nach Suhrkamp. anstelle sich dem zu stellen, was wirklich ist.

Segregation als Marketinginstrument (Nicht Sarkasmusfrei)

Kürzlich habe ich über die soziale Segregation der Schulen geschrieben. Ein sich selbst steuernder Prozess, der nur durch Intervention aufzuhalten wäre wenn man es denn wolle.

PISA – und auch die TU Dresden in ihrem Ansatz der Universitätsschule gehen davon aus, dass die soziale Durchmischtheit eine große Rolle spielen für den Bildungserfolg der Schüler insgesamt. Anders ausgedrückt, es müssen ein Mindestanteil von SchülerInnen aus „sozial gefestigten“ Verhältnissen kommen, Bildungshintergrund und wirtschaftlicher Hintergrund der Eltern ebenso. Damit die Kinder, deren Ausgangsbedingungen nicht so optimal sind, bessere Chancen haben. Zumindest ist es immer noch erklärtes Ziel. Und wenn Bildungsforschung sowas sagt, dann wird da schon was dran sein.

Und nun dies:

Auf der Homepage einer Grundschule in Dresden:
„Die Kinder kommen überwiegend aus gefestigten sozialen Verhältnissen. Diese Kompetenz der Eltern nutzen wir für die gemeinsame Arbeit zur optimalen Entwicklung unserer Kinder.“

Segregationsmarketing.

 

 

Aufschrei

Sachsen will Schulstunden reduzieren, um dem Problem Lehrermangel Herr zu werden. Das Kultusministerium habe diese Pläne bestätigt, schreiben die Zeitungen. Nehmen wir also an, das stimmt.

Sport, Kunst, Musik, Fremdsprache. Es gibt zu wenig Lehrer, also reduziert man die als verzichtbar erscheinenden Schulstunden und bekommt damit wieder Ressourcen frei. Das klingt logisch. Ist es aber nicht. Es sei denn, die Sportlehrer haben als Zweitfach Mathe, die Kunstlehrer Deutsch und die Musiklehrer Bio oder so.  Es ist also keine wirkliche Lösung. Es ist eine Scheinlösung. Warum macht man dann sowas ?

Ich glaube nach 20 Jahren Kommunalpolitik von innen und außen und drunter und drüber und daneben irgendwie immer noch an das Gute im Menschen und an halbwegs kluge Entscheidungen.

Das Problem fehlender Lehrer ist nicht neu. Und es ist vielschichtig. Es hat seine Ursache darin, dass der Lehrerberuf keinen guten Ruf hat. Dass jeder Politiker sich hinstellen kann und behaupten zu wissen wie gute Schule richtig geht. Dass Eltern Helikopter spielen und meinen sie seien die eigentliche Schulleitung. Dass Schule gesellschaftliche Probleme lösen soll, die viel größer sind, systembedingt sind und Schule eher ein Teil des Problems als die Lösung. Die Ursache liegt darin, dass durch den gesellschaftlichen Wandel weniger Kinder geboren wurden und daraufhin Schulen geschlossen und Lehrerstellen gekürzt wurden und um die Besitzstände zu wahren – da haben die Gewerkschaften auch ihre Aktie dran – dem Nachwuchs keine Chance gelassen wurde. Man hat ihn verprellt und in alle Winde geschickt. Dresdens Uni wollte die Lehrerbildung loswerden, zumindest für einige Schularten.

Lehrer werden zu wollen, da muss man schon einen ziemliches Weltrettungsdings haben. Und wir haben es dem Markt überlassen. Der Mangel an den Ressourcen Schüler und zu vergebenden Studienplätzen. Man hat nicht um die Besten geworben, die Besten, die das Beste von uns, nämlich die Kinder, betreuen und lehren und bilden und erziehen. Scheiben aus Sand waren viel wichtiger. Jetzt haben wir den Salat und die sozialmarktwirtschaftlich sozialisierten Schüler entscheiden sich wie sich eine knappe Ressource eben entscheidet. Gehen in andere Bundesländer. Wollen nicht aufs Land wo sich Wolf und Hase Gute Nacht sagen. Wollen in die Stadt. Wer kann es ihnen verdenken?

Der Geburtenknick und viele andere Faktoren machen sich bemerkbar, die Gesellschaft altert und es fehlt Nachwuchs. Der zwar nachwächst, aber noch zu klein ist und der Gap wird immer größer. Es fehlt an der menschlichen Infrastruktur für das funktionieren einer Gesellschaft. Kranken- und AltenPflege. Erzieher. Lehrer. Polizei.  Dienstleister, die sich in den Dienst der Gesellschaft stellen. Die fehlen massiv und die Katze beisst sich hier in den Schwanz, denn:

Um mehr Erzieher auszubilden, braucht man Berufsschullehrer. Die muss man erstmal haben. Um Berufsschullehrer auszubilden, braucht man Studienplätze. Die muss man erstmal haben. Für Studienplätze braucht man Hochschullehrer. Die muss man erstmal haben. Für Hochschullehrer braucht man Studenten. Ehemalige Schüler. Die so gebildet sind, diese Berufe auch lernen zu – WOLLEN. Man kann dieses Spielchen mit vielen anderen Berufen weitertreiben. Fehlt das Huhn oder das Ei? Es fehlt die Ressource der Ressource der Ressource.

Beruf hat was mit Ruf zu tun. Warum sollte jemand Altenpfleger werden wollen? Krankenpflege? Polizist? Altruismus ist nicht marktkonform. Warum solche Berufe ergreifen, wirbt doch „die Wirtschaft“ so um Fachkräfte. Der Wirtschaft fehlen die Berufsschullehrer übrigens auch. Und die Ressource Mensch.

Und nun? Weniger Unterricht und größere Klassen? Vielleicht blüht das den Kindern und Lehrern und Schulen tatsächlich. Es ist sogar sehr wahrscheinlich. Wenn man vor der Entscheidung steht, kein Unterricht oder stattdessen größere Klassen.  Wenn es so ist, dass tatsächlich massiv Lehrer fehlen (die „Wahrheit“ wird ja auch nur unter der Hand kommuniziert) dann wird es wohl so kommen. Es wird die Elefantentränen geben, man wird „unter Schmerzen“ diese Entscheidung treffen. Die Schmerzen, die Politik immer mal so hat. Und dann wird es weiter gehen.

Mit Bildungspolitik gewinnt man keinen Blumentopf, Bildung ist nicht abrechenbar. Man kann sich entscheiden ob man Humanressourcen für ein Wirtschaftssystem heranzieht, dann sind auch die paar Stunden Musik und Kunst und Sport und vielleicht noch andere verzichtbare Fächer wie Geschichte und Ethik vernachlässigenswert. Oder man erkennt Bildung an als erstrebenswertes Gut. Und man erkennt an, dass Dienst an der Gesellschaft kein notwendiges Übel ist. Es ist eine Frage des Menschenbildes. Wie viel ist uns eigentlich der Mensch noch wert.

Nach 20 Jahren Kommunalpolitik und 20 Jahren Lernen habe ich zwar beinah jegliche Illusionen verloren. Aber der kleine Funken Glaube an das Gute flackert manchmal. Nehmen wir mal an,  Kultus- und der Finanzminister wissen sehr wohl, dass diese Stundenreduzierung keine wirkiche Lösung ist, wissen aber auch dass alle anderen wissen, dass diese Maßnahmen ein Jahr vor der Landtagswahl ein Scheiss-Bild abgeben, dass jeder denkt, das nächste sind dann größere Klassen und das ganze ist nichts anders als wenn sie sich hinstellten in ihre Ministerien und in den Landtag und brüllten: Nehmt das Problem verdammt noch mal ernst, denn es IST ernst. Der Mensch darf noch Illusionen haben, oder?

 

Stultorum plena sunt omnia – Ode an eine Verwaltung

Sorge für Gleichbehandlung. Aber mache gerade hier eine Ausnahme.

Modernisiere Dich. Aber verbrauche dafür weder Zeit noch Geld.

Entscheide. Aber triff keine Entscheidungen.

Nutze Deine Ermessensspielräume. Aber immer im Sinne aller.

Mache kurzen Prozess. Aber frage alle.

Setze Prioritäten. Aber priorisiere nicht denn alles ist wichtig.

 

Fortsetzung folgt.

 

Ach Kurt

Du hast es gewusst, so schoss es mir durch den Kopf bei der Tageslektüre der Presse und dem Nachdenken was manchmal so in dieser Stadt passiert. Kurt Tucholsky, nicht der der König. Aber ein König spielt auch dabei eine Rolle:

Das Königswort

Dies ergötzte hoch und niedrig:
Als der edle König Friedrich,
August weiland von ganz Sachsen,
tat zum Hals heraußer wachsen
seinem Volk, das ihn geliebt,
so es billigen Rotwein gibt –
als der König, sag ich, merkte,
wie der innre Feind sich stärkte,
blickt er über die Heiducken,
und man hört ihn leise schlucken..
Und er murmelt durch die Zähne:
»Macht euch euern Dreck alleene!«

Welch ein Königswort! Wahrhaftig,
so wie er – so voll und saftig
ist sonst keiner weggegangen.
Wenn doch heute in der langen
langen Reihe unsrer Kleber,
Wichtigmacher, Ämterstreber,
einer in der langen Kette
nur so viel Courage hätte,
trotz der Ehre und Moneten
schnell gebührend abzutreten!
O, wie ich sein Wort ersehne:
»Macht euch euern Dreck alleene!«

Edler König! Du warst weise!
Du verschwandest still und leise
in das nahrhafte Zivil.
Das hat Charme, und das hat Stil.
Aber, aber unsereiner!
Sieh, uns pensioniert ja keiner!
Und wir treten mit Gefühle
Tag für Tag die Tretemühle.
Ach, wie gern, in filzenen Schuhen
wollten wir gemächlich ruhen,
sprechend: »In exilio bene!
Macht euch euern Dreck alleene!«

Kaspar Hauser
Die Weltbühne, 24.04.1919, Nr. 18, S. 483, wieder in: Fromme Gesänge,

Über Klassen

„Wenn vom Klassenkampf die Rede ist, denkt man niemals an seine ganz alltäglichen Formen, an die rücksichtslose gegenseitige Verächtlichmachung, an die Arroganz, an die erdrückenden Prahlereien mit dem Erfolg der Kinder, mit den Ferien, mit den Autos oder anderen Prestigeobjekten, an verletzende Gleichgültigkeit, an Beleidigungen und so weiter.

Das Leben ändern, das müsste heißen, die vielen kleinen Nichtigkeiten zu ändern, die das Leben der Leute ausmachen und die heute gänzlich als Privatangelegenheiten angesehen und dem Geschwätz der Moralisten überlassen werden.“

Pierre Bourdieu, Die verborgenen Mechanismen der Macht.

Über Macht.

„Die symbolische Macht ist eine Macht, die in dem Maße existiert, wie es ihr gelingt, sich anerkennen zu lassen, sich Anerkennung zu schaffen; d.h. eine (ökonomische, politische, kulturelle oder andere )Macht, die die Macht hat, sich in ihrer Wahrheit als Macht, als Gewalt, als Willkür verkennen zu lassen.“

Pierre Bourdieu. Die verborgenen Mechanismen der Macht.

Wertschätzung

Soziale Wertschätzung.  Meint die Bewertung von Eigenschaften und Fähigkeiten einer Person innerhalb des kulturellen Selbstverständnisses einer Gesellschaft. Honneths Theorie der Anerkennung und die Relevanz von Achtung und Wertschätzung  für die pädagogische Praxis ist mittlerweile fester Bestandteil in den bildungs- und erziehungswissenschaftlichen Debatten.

Dachte ich.

In der Bildungspolitik nicht. Jedenfalls nicht in Dresden.

Zum Nachlesen:

Honneth, A. (2016). Kampf um Anerkennung: Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte ; mit einem neuen Nachwort (9. Auflage). Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft: Vol. 1129. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Helsper, W., Sandring, S., & Wiezorek, C. (2005). Anerkennung in pädagogischen Beziehungen. Ein Problemaufriss. In W. Heitmeyer & P. Imbusch (Eds.), Analysen zu gesellschaftlicher Integration und Desintegration. Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft (pp. 179–206). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.