Was fällt mir ein zum Thema Ostmodern? Ich wohne in einem Denkmal.

Das WBS-70-Bad, im Original mit einer Mischbatterie (Nichts mit toller Regendusche).
Dunkelpinkfarbene sauer riechende Brühe in Omas Riesenkochtopf um die langärmeligen blaugrauen Herrenunterhemden mittels Färbetabletten und einer schrägen Naht zu versehen und in einen Sewatshirtersatz zu verwandeln.
Aus dem elternlichen Schrank geklaute und in Sommerröcke oder Blusen verarbeitete Bettlaken.
Omas, die an den Stufen der Straßenbahnen scheiterten.
12 Jahre lang Außentoilette und Eisblumen an der ungedämmten schrägen Wand des elterlichen Schlafzimmers.
Schwefelpuder gegen Pickel. Den Akfinstift gabs zu selten.
Einkaufswagen mit einem Fassungsvermögen von 20% des heutigen Aldi-Cruisers.
Heiko-Füller. Rot oder schwarz. Den Junior und den Markant Trend gabs erst später.

Manchmal frage ich mich, ob Denkmalschutz wirklich das „Daran Denken“ schützt oder ob es nicht manchmal einfach nur Retro-Wellen sind die durch die Welt geistern. Wenn man Denkmalsschutz ernst nimmt, dann dürfte in den offenbar schützenswerten WBS-70 Blöcken nicht mehr der Grundriss verändert werden oder das Bad umgebaut. Oder gar ein Fahrstuhl ergänzt. Kann man gut finden. Oder auch nicht. Man darf nur nicht vergessen dass es damals darum ging möglichst schnell und günstig und zweckmäßig viele Wohnungen zu bauen. Den heutigen Ansprüchen – und den Wohnungsbaustandards die Dresden sich setzen will, entsprechen sie jedenfalls nicht.

Das Netz lädt sich runter

Soziale Ordnungen beruhen auf bestimmten Mechanismen, die „für Ordnung sorgen“. Nach den in ihr geltenden Werten. Zum Beispiel, dass abweichende Meinungen als abweichend bemerkbar werden. Rum wie num. Im Guten wie im Schlechten. Menschen mit DDR-Sozialisation reagieren darauf allergisch. Aber abweichende Meinungen können eben auch extremistischer, nationalistischer Art sein. Woran merkt man was richtig oder falsch ist, gut oder schlecht? Wir wissen das nicht aus uns selbst heraus. Sondern unser Verständnis von gut und schlecht, richtig und falsch ist nicht zuletzt Ergebnis unserer Sozialisation. Wohlgemerkt meint das NICHT, dass wir sind was die Gesellschaft aus uns macht. So einfach ist das auch nicht.
Was hat das nun mit dem Netz zu tun? Naja. Die sozialen Kommunikationsperspektien wandeln sich. one-to-one ist der Normalfall. One-to-many ist das Prinzip der Massenmedien. Many-to-many kann jeder. Jeder mit nem Computer, Smartphone und Internetzugang. Dadurch sind indivuduelle Meinungen, Neigungen oder Auffassungen nicht mehr Privatsache, sondern werden zum Ausgangspunkt neuer Gemeinschaften. Ortsunabhängig. Die schönen Algorhythmen, die uns genau die Inhalte liefern, die zu uns passen, vermitteln den Eindruck, die eigene Meinung, Auffassung, Neigung sei völlig normal, richtig, sie wird ja bestärkt durch die Wahrnehmung der virtuellen Realität, in der es so viele Gleichgesinnte gibt. Den Exkurs warum sich das im „Alltagsleben“ dann manifestiert, spare ich an dieser Stelle ein. Nur soviel: Irgendwann lädt sich das Netz runter. Wir müssen uns Gedanken machen. Darüber dass „das Netz“ irrsinnig viele Möglichkeiten bietet. Aber auch genauso viele Risiken. Das Risiko dass „Abweichung“ zur Normalität wird zum Beispiel. Und was das auch immer bedeuten kann. Ein Plädoyer für das Weiterdenken. Und dafür, nicht nur Mädels für Technik zu begeistern. Sondern Jungs und Mädels für die Gesellschaftswissenschaften.

Über Verstehen und Missverstehen kann nicht so einfach kommuniziert werden …

wie man das vielleicht gerne hätte. „Du verstehst mich nicht.“ ist meist der Satz, der fällt wenn eine Diskussion oder ein Streit abgebrochen werden soll. Klappt nie. Warum? Weil der Satz einerseits besagt „Du bist einfach nicht bereit das zu akzeptieren, was ich zu sagen habe.“ (oder mir recht zu geben). Genau das ist ja die erhoffte Antwort. Intendiert ist die Provokation des Eingeständnisses dieser Tatsache und – ist mit dieser Ambivalenz und der Kommunikation dieser Ambivalenz Anschlusspunkt für Kommunikation. Weder ein „Ja“ noch ein „Nein“ würde stehen gelassen. EIn Ja ergäbe genauso viel Diskussionsstoff wie ein Nein. Das sich unverstanden fühlende psychische System kommuniziert ja nicht nur die Information. Wäre auch unnütz, das merkt ja das Gegenüber selbst. Es geht ja vielmehr darum mit dieser Aussage etwas mitzuteilen. Verstehens- oder Missverstehensprolbleme löst man nicht mit Kommunikation über Kommunikation.
In der Soziologie gibt es die Auffassung, dass psychische Systeme (also wir) zur Umwelt eines sozialen Systems gehören. Familie, Fanclub, Arbeit … Übersetzt: Wir gehören nie so ganz dazu sondern immer nur ein Teil von uns.Die Grundlage sozialer Systeme wiederum ist Kommunikation – daraus bestehen soziale Systeme.
Manchmal hilft es, bestimmte Theorien in die Lebenswirklichkeit zu übertragen, zugegeben mit einem kleinen Augenzwinkern. Sehen wir es mal so: Kommunikation hat hartnäckigen Überlebenswillen und ein ziemliches Interesse, dass sie bestehen bleibt und Anschluss findet. Deshalb sind Missverständnisse gewissermaßen überlebensnotwendig für sie. Wären sich alle einig und würden sich immer gleich verstehen, müsste man nicht miteinander reden. Beim nächsten Streit oder etwas ähnlichem – immer mal dran denken. Ja, der andere kann mich völlig missvverstanden haben – und das ist kein böser Wille. Sondern völlig normal. Schlagt der Kommunikation ein Schnippchen. Das hilft. Wetten?

Spiegel

Die Welt braucht Spiegel. Meine Stadt braucht mehr Spiegel. Nicht die, in denen man sich selbst betrachtet. Diese gibt es genug. Ich meine diese Spiegel, die unser eigenes Denken und Verhalten spiegeln. Und jeder so mit genau dem konfrontiert wird, was er oder sie so fordert, von anderen wünscht, erwartet. In dem die Welt so erscheint wie sie wäre, würden sich genau die Dinge verwirklichen – und zwar in vollster Konsequenz und bis zum Ende. Im Großen wie im Kleinen.

Es könnte auch anders sein

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. (Fussnote: Das gilt nicht nur für Soziologen, die ihr Wissen nicht mehr durch Herumschlendern und auch nicht mit bloßen Augen und Ohren gewinnen können.)
Das gilt nicht nur für unsere Kenntnis der Gesellschaft und der Geschichte, sondern auch für unsere Kenntnis der Natur“. Luhmann, Die Realität der Massenmedien.
Die Massenmedien bilden Ereignisse nicht ab wie man meinen möchte. Sie konstruieren Deutungen von Ereignissen. Diese Deutungen hängen von den jeweiligen Produktionsbedingungen ab. Dazu zählen politische Interessenslagen genauso wie ökonomische und ganz profan auch die Besonderheiten des Beobachtens selbst.(auch ein Journalist ist ein Mensch und Wahrnehmungen sind nun mal keine Abbilder der Realität). Aber: das, was Medien konstruieren, diese Deutungen, wiegen schwer. Sie prägen das Bild, was von Ereignissen in der öffentlichkeit entsteht. Sie beeinflussen die öffentliche Meinung. Lokal, national, international. Sie beeinflussen das Bild, was sich Politiker von diesen Ereignisse manchen, denn Politiker wissen das, was sie wissen auch durch die Massenmedien. Sehr oft jedenfalls – und das ist kein Hinweis auf Faulheit! Nebenbei bemerkt, machmal wissen Medien auch das was sie wissen durch Medien.
Das kann manchmal eine ziemliche Eigendynamik entwickeln. Um es ganz einfach zu erklären: Es gab da mal ein Lied. Von 99 Luftballons auf ihrem Weg zum Horizont …
Es soll Journalisten geben, die sich wundern warum die Situation momentan so ist wie sie ist. Wenn aber nur Nachrichten etwas wert sind wenn sie Aufmerksamkeit erregen. Konflikte ein schönes Thema für gute Artikel sind – und gute Nachrichten eher langweilig, ja dann muss man sich nicht wundern wenn die Welt für schlechter gehalten wird als sie ist.
Und die Politik – naja. Es ist für Politiker insbesondere in der Opposition eine Existenzfrage, die Welt möglichst schlecht darzustellen. Der Wähler braucht ja einen Grund zum wählen, es muss also besser werden und das geht natürlich nur mit demjenigen, für den man sein Kreuzchen setzen soll. Dazu braucht es eine drastische Sporache und ganz schnell ist man beim Populismus angelangt. Ich behaupte, dass Menschen jetzt denen hinterher rennen, die so menschen- und demokratiefeindlich sind dass es einen gruselt, daran ist nicht nur eine Partei schuld. Es sind auch die zu vielen zu einfachen Versprechungen die im Laufe der Zeit gemacht wurden. Nicht nur. Aber auch.

Wörterbuch

bandwagoning. Mitläufertum ist nicht die richtige Übersetzung. Finde keine bessere, deshalb lass ich das mit dem Übersetzen. Die Erläuterung: Ein kleinerer Partner ordnet (versteckt) sich (hinter) einem (scheinbar) größeren und stärkeren Partner (unter) und verkauft für vermeintlichen Schutz und Unterstützung seine Autonomie. Eigentlich ein Begriff aus dem Wörterbuch der internationalen Beziehungen. Finde, der passt auch ziemlich lokal.

Vorhersagen

„Je mehr Gleichheitsnormen sich weltweit ausbreiten, desto mehr wird der globalen Ungleichheit die Legitimationsgrundlage des institutionalisierten Wegsehens entzogen.
Die reichen Demokratien tragen die Fahne der Menschenrechte in die letzten Winkel der Erde, ohne zu bemerken, dass auf diese Weise die nationalen Grenzbefestigungen, mit denen sie Migrantenströme abwehren wollen, ihre Legitimationsgrundlage verlieren. Viele Migranten nehmen die verkündete Gleichheit als Menschenrecht auf Mobilität ernst und treffen auf Länder und Staaten, die – gerade4 unter dem Eindruck zunehmender Ungleichheit im Inneren – die Norm der Gleichheit an ihren bewaffneten Grenzen enden lassen wollen.“
Ulrich Beck. Die Neuvermessung der Ungleichheit unter den Menschen. Frankfurt a. M.. 2008, S.15

Glasbruch

– manchmal bleibt nur Sarkasmus.

Ich dachte immer (ist natürlich Quatsch, aber irgendwie muss man einen Anfang finden) Pädagogen wüssten, wovon sie reden, wenn sie von Pädagogik reden. Nein, Frau Kurth, Kinder „zerbrechen“ (welche Wortwahl!) nicht an „den Anforderungen“ einer Schule. So argumentiert es sich einfach und verlagert die Verantwortung an der Stelle völlig zu unrecht auf die Eltern.
Was wollen den Eltern in aller Regel? Das Beste für den Nachwuchs. Und dies nicht aus Jux und Dollerei oder wegen der Nachbarn, Schwiegereltern oder Arbeitskollegen. Nein, in aller Regel wollen Eltern, dass es die Kinder besser, leichter, einfacher haben. Dass ihnen keine Chancen verbaut werden, ihnen alle Wege offen stehen, „etwas zu werden“. Ob der Weg, den Eltern wählen, immer der geeignete für das Kind ist, das eigene Kind manchmal anders eingeschätzt wird was die Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten betreffen, das ist normal. Aber eine Bildungsempfehlung ist auch nicht besser. Zumindest nich die, die auf Zensuren in der Grundschule beruhen.

Wir leben in einer Zeit, die scheinbar unendlich viele Möglichkeiten bietet. So unüberschaubar wie das Angebot an Käsesorten, so vielfältig sind die Bildungswege. Es gab Zeiten, da wurde der Handwerkerssohn Handwerker wie der Vater auch. Dementsprechend hatte das Kind eines Mediziners den elterlichen Weg einzuschlagen. Ungeachtet des Habitus, der nach wie vor die soziale Mobilität begrenzt, so ist Mobilität heute scheinbar kreuz und quer durch die Gesellschaft möglich. Der fatale Fehler: der Glaube an die gerechte Verteilung der Chancen. Versuchen wir das mal aufzudröseln. Theoretisch kann jedes Kind das Abitur machen, studieren, einen Hochschulabschluss erhalten und später einen dementsprechend vergüteten Job bekommen. Theoretisch. Praktisch geht das nicht und praktisch ist das – Achtung – nicht einmal wünschenswert. Gesellschaftlich gesehen. Eine – unsere – Gesellschaft braucht schlicht und ergreifend Menschen mit Abitur und Hochschulabschluss, aber genauso auch Menschen, die nicht studiert haben. Eine – unsere – Gesellschaft kann nicht nur Menschen in wohldotierten Jobs unterbringen, dazu ist sie momentan einfach nicht ausgelegt. Wir tun aber so. Job ist immer Büro. Zur Arbeit fährt man immer im Hellen nach dem Frühstück. Eine Gesellschaft besteht aber nicht nur aus Führungskräften.
Schule hat für die Gesellschaft eine so genannte Allokationsfunktion. Darüber redet niemand gern, besonders die nicht, die das Bildungssystem immer so gern reformieren wollen. Die so tun als könne jedes Kind tatsächlich alles werden. Kann es nicht selbst wenn es könnte.
Somit wird immer mehr Verantwortung auf den einzelnen delegiert. So wie jetzt auf die Eltern. Die logischerweise erst einmal versuchen werden für das Kind den Bildungsweg zu wählen, der die meisten Möglichkeiten bietet. Wenns das Kind nicht schafft, haben die Eltern falsch gewählt. Oder sich nicht genug gekümmert. Oder sonstwas.
Der Appell von Frau Kurth an die Vernunft könnte man als blanken Hohn verstehen, diesen hilflosen Versuch, einen drohenden Run aufs Gymnasium noch abzuwenden. Zum Glück gibts ja die „feinen Unterschiede.“

An den Anforderungen zerbricht ein Kind nicht. Sein Lebensmut, sein Selbstvertrauen, Freude am Lernen, entdecken, all dies zerbricht wenn es erfährt, nicht zu genügen. Wenn es die Verantwortung übergeholfen bekommt für Dinge, die ganz woanders liegen. Es zerbricht an einer ziemlich großen Lüge.

Ausweg? So einfach ist der nicht zu finden. Es gibt ihn nicht.

Zitate

Ich such gern selbst nach Zitaten. Klugen Gedankenkonstrukten, Wortspielen, und irgend was „Wahres“ soll dran sein. Zitate mögen die Leut`. Oftmals dienen sie auch als „Referenz“. Man kann mit Zitaten auch was anderes anfangen. Marc-Uwe Kling und sein Känguru haben mit ihren falsch zugeordneten Zitaten sicher so manchen zum Stutzen, Nachdenken, Lachen gebracht.
Ich nenne mal ein paar Beispiele.
„Je öfter eine Dummheit wiederholt wird, desto mehr bekommt sie den Anschein der Klugheit.“ -Lehman Brothers
„Man muss eine Weile nachdenken, um zu erkennen, dass man unglücklich ist, doch es lohnt sich.“ -Sigmund Freud
„Die dümmsten Schlächter wählen ihre Schafe… nee… dis ging anders. Die dümmsten Schafe wählen ihre Kälber… nee… Die dümmsten Schafe sterben im Schlafe nie… nee… Ach, egal.“ OSCAR WILDE
Das KANN ein nettes Gesellschaftsspiel sein. Das KANN aber auch nachdenklich machen. Nachdenklich darüber, WAS gesagt wird und ob es noch genauso „wahr“, gut und richtig erscheint, stammte das Zitat oder die Aussage oder Meinung von jemand anderem. Beispielsweise in der Politik momentan sehr zu empfehlen. Es bewahrt vorm blinden Hinterherlatschen, vor der reflexionsfreien Übernahme von Slogans, Forderungen, Meinungen, Ansichten, „Postfaktischem“.

In diesem Sinne: „Du denkst auch nur, weil du im Klappentext ein Zitat von Oscar Wilde stehen hast, lesen die Leute dein Buch.“, beschwert sich das Känguru. Ja, sowas machen Leute. Und ich Werbung für die Trilogie. Guten Gewissens. Leute, lest. Keine Zeitungen sondern Bücher.

Manifeste

„Weißt du, was passiert, wenn man sich immer alle Türen offen hält? Dann zieht’s, mein Freund. Dann wird man krank.“ Sprach das Känguru.

Wie recht Du hast, liebes Känguru. Wie recht du hast. Und wie das bei Zugluft so ist, nicht nur derjenige ist betroffen der die Türen nicht zubekommt (oder keine Entscheidung hin). Sondern meistens sind es ein paar mehr Menschen. Die trifft es sogar manchmal, meistens, immer, noch mehr. Keine Entscheidung zu treffen ist im übrigen eine Illusion. Nicht entscheiden ist auch entscheiden. Entscheiden dafür nichts zu tun.

Liebes Känguru, Du warst sehr freundlich mit Deiner Wahl Deiner Worte. Drastischere fand lange vor Dir jemand anderes:

„Es ist nichts erbärmlicher in der Welt als ein unentschlossener Mensch, der zwischen zweien Empfindungen schwebt, gern beide vereinigen möchte und nicht begreift, daß nichts sie vereinigen kann als eben der Zweifel, die Unruhe, die ihn peinigen.“
Johann Wolfgang von Goethe